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Schenk liest Schiller

2011-12-04 20:43:23

Um Begeisterung zu entfachen, bedarf es nur weniger Mittel: einer fast leeren Bühne, in deren Mitte ein spärlich beleuchteter Tisch steht und die Worte eines Dichtergenies, vorgetragen von einem begnadeten Schauspieler.

Alle Jahre wieder dürfen sich "Frühaufsteher", die sich gleichzeitig als Theaterfreunde bezeichnen, auf eine Matinee der besonderen Art freuen: Otto Schenk gibt sich regelmäßig am zweiten Adventssonntag die Ehre und liest. Doch einzig diesen Begriff zu verwenden, um die einstündige Veranstaltung zu charakterisieren, würde nicht ausreichen.

Nach Goethe nun Schiller

Wurden im letzten Jahr noch ausgewählte Texte Goethes präsentiert, so kam in diesem Jahr Schiller zum Zug. Schiller, der in einer engen dichterischen Beziehung zu Goethe stand, ist zwar im Hinblick auf die so oft genannte Weimarer Klassik gemeinsam mit Goethe als Einheit wahrzunehmen, allerdings sollte hier nicht verallgemeinert werden. Schiller bezeichnete sich in seinem Werk Über naive und sentimentalische Dichtung als sentimentaler Dichter, Goethe hingegen weist er den Begriff naiv zu. Obwohl dieses Wörtchen Goethe in keiner Weise degradieren sollte, gelang es Schiller doch, sich eindeutig von seinem Dichterkollegen abzugrenzen.

Und tatsächlich erscheint seine Dichtung so erhaben, sentimental und mächtig, dass durch sie eine große Wirkung erzielt werden kann. Aus Schillers Oeuvre sind vor allem seine Dramen mit vorwiegend geschichtlichem Hintergrund in den Kanon der Literatur eingegangen, Amüsanteres wird im Grunde vernachlässigt. Otto Schenks Matinee versteht es, feste Bestandteile des Literaturkanons mit weniger Bekanntem, dafür umso Amüsanterem zu verbinden.

In medias res

Bevor Schenk seine Lesung beginnt, nimmt er an einem puristischen schwarzen Tisch mit Leselampe platz. Rings herum ist alles schwarz. An die Freude eröffnet die Lesung. Die Ode wird wirkungsvoll vorgetragen, häufig unterstützt Otto Schenk seine Stimme durch Gestik und Mimik. Sichtlich amüsiert sich das Publikum bei einem Auszug aus Gedichte - An Emma und der Ballade Der Handschuh. Hier offenbart Schenk sein Talent, Stimmen zu imitieren und nimmt kurzweilig die Rollen von Löwe, Tiger und Leopard an. Nach einem längeren Auszug aus Don Carlos, in dem eine Unterredung des Königs mit dem Marquis von Posa eindrucksvoll vermittelt wird, werden mit einem Mal auch Schiller-Verweigerer (sofern sie sich im Publikum befanden) hellhörig. Zuletzt nämlich trägt Schenk die wohl bekannteste Ballade Schillers vor: Die Glocke.

Mit Sicherheit erinnert sich ein Großteil des Publikums an die eigene Schulzeit. Wenn diese Ballade nicht auswendig gelernt werden musste, dann wurde sie zumindest in nahezu jeder Schulklasse genauestens behandelt. Als Schenk den Titel nennt, werfen sich einige Gäste vielsagende Blicke zu.

Breites Spektrum

Das dargebrachte literarische Spektrum ist so vielseitig, dass die unterschiedlichen Geschmäcker der Gäste weitgehend zufriedengestellt werden. Die Palette kann die Stichworte leicht-unbeschwert-süffisant einerseits und schwere Kost andererseits geschickt vereinen. Selbst ein kurzfristiger Verlust seiner Lesebrille, bedingt durch eine stürmische Geste, kann Otto Schenk nicht aus der Ruhe bringen. Er steht auf, bückt sich, hebt die Brille auf und trägt dabei vor, ohne einen Blick in das Manuskript zu werfen. Aber nein! Er trägt nicht nur vor, er liest nicht nur vor. Es ist keine Lesung im herkömmlichen Sinn. Vielmehr ist es eine ganz persönliche Darbietung, eine bunte Auswahl ganz unterschiedlicher Texte. Es ist persönlich und doch gleichzeitig ein Schauspiel mit zwei dramatis personae. Eine von ihnen ist durch seine Texte präsent, die andere durch die Darbietung dieser.

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AutorInnen

Barbara Hanko

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