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Schöne neue Welt - vom Fall linker Ideale

2007-04-02 00:15:33

Eine wahre und traurige Anekdote aus der Unipolitik. Von Macht und Ohnmacht, der Vergangenheit und der Zukunft und vom Zerfall des Idealismus.

Es war einmal...

Mitte der 70er raffte sich ein Haufen Studierender zusammen, um anderen StudentInnen den Einstieg ins Unileben zu erleichtern. Zunächst als Lernhilfegruppen organisiert, entwickelte sich daraus das sogenannte Tutoriumsprojekt. Ein Projekt, das auf der Vision basierte, StudienanfängerInnen österreichweit zu unterstützen. Dem Geist der Zeit entsprechend schien es allen Beteiligten wichtig, das Projekt basisdemokratisch und dezentral1 zu steuern. Zu diesem Zweck wurden Entscheidungen, die das Projekt betrafen, auf einem bundesweiten Treffen, dem so genannten KO (Koordinationstreffen) gefällt. Das KO ist Treffpunkt aller Menschen, die sich im Rahmen der Tutorien engagieren wollten; einerseits ein loses Zusammenkommen, um Erfahrungen auszutauschen, andererseits auch wichtiges Instrument, um über die Zukunft und den Anspruch des Projektes zu entscheiden.

Anspruch: Basisdemokratie

Um den linken politischen Geist im Projekt zu festigen, wurde ein Grundsatzpapier beschlossen, das einerseits Unabhängigkeit, zum anderen aber auch emanzipatorische, antifaschistische, antirassistische, sowie antisexistische Ansprüche festschrieb.
Heutzutage gibt es Tutorien an vielen Universitäten Österreichs. Zumeist in Kleingruppen versuchen TutorInnen den "Neuen" den Einstieg ins Studium zu erleichtern. Neben Infos, die das Studium betreffen, unterstützen TutorInnen auch die soziale Vernetzung. Das rief auch das Wissenschaftsministerium und die Universitäten auf den Plan, da sich soziale Integration von Studierenden positiv auf die Anzahl der AbsolventInnen auswirkt, und so wurde dem Tutoriumsprojekt auch nunmehr finanzielle Unterstützung zuteil, um die Ausbildung angehender TutorInnen gewährleisten zu können.

Fair Play?

Das Tutoriumsprojekt war immer wieder politischer Spielball der Fraktionen. Es bot Gelegenheit, Menschen auf unterschiedlichen Universitäten politisch zu beeinflussen. Durch die finanzielle Abhängigkeit der einzelnen Projektgruppen von der Zentralkoordination (ZK) - ca. ein bis drei Menschen die sich um den administrativen Teil des Projekts (wie Vergabe von Seminaren) kümmern - bot es die Möglichkeit die Unterstützung nur fraktionshörigen Gruppen zukommen zu lassen und so die Tutorien zu billigen Rekrutierungsveranstaltungen der entsprechenden Fraktion umzukrempeln.
Es kursieren Geschichten, dass in der Vergangenheit die AG (Aktionsgemeinschaft) diese Verwundbarkeit ausgenutzt hat und versucht hat, das Projekt an sich zu übernehmen2, indem sie ihre Fraktionsangehörigen angeblich mit Bussen (!) zum KO karrten. Das Projekt ging damals in den Untergrund, um der fraktionspolitischen Einflussnahme zu entgehen. KeineR glaubte, dass es noch einmal so weit kommen würde - doch falsch gedacht: mit Anfang dieses Jahres hat wohl wieder eine Fraktion gedacht, dass sie das Projekt zu ihrer persönlichen politischen Spielwiese machen könnte3.

Die Apokalypse

Die FLÖ (Fachschaftsliste Österreich), in Person ihres Bundesprechers Gabor Sas, bewarb sich um die freigewordene Stelle einer/s ZentralkoordinatorIn. Gabor Sas, der bereits seit langem im Projekt involviert ist und bereits in der Vergangenheit immer wieder zu kontroversiellen Diskussionen beigetragen hat, glaubte den Grundsatz der Unabhängigkeit mit seiner Nähe zu einer Fraktion vereinbaren zu können. Da das Einsetzen eines/r ZentralkoordinatorIn im Konsens beschlossen werden muss, war bereits seine Kandidatur schiere Provokation.
Als die Wahl eines/r neuen ZentralkoordinatorIn beim nächsten KO anstand, wirbelten die Emotionen hoch. Dies ging so weit, dass einige Personen dem emotionalen Druck nicht länger gewachsen waren, am Rande eines Nervenzusammenbruches standen. In einem von vielen persönlichen Ausbrüchen begleitetem Plenum wurde dann auch während einer Pause im offiziellen Protokoll von einer Gruppe von Menschen die Wahl des ZK Gabor Sas niedergeschrieben. Ich empfinde das als reine Protokollfälschung.

Das folgende KO war von Aussagen geprägt wie etwa: "Ich fahre zum KO mit Bauchweh, und fahre mit noch mehr Bauchweh zurück", da in den Plena nur mehr gestritten wurde. Das Diskussionslevel sank auf ein tiefes Niveau. Gabor Sas Aussagen wie: "Ich habe nie etwas für die FLÖ unterschrieben" erzeugte nicht nur allgemeinen emotionalen Druck im Plenum, aber es schien auch so, dass jene Menschen die sich sehr wohl der FLÖ zugehörig fühlen ob dieser Verleugnung gewaltig schluckten. Umso absurder erscheint diese Aussage, wenn mensch sich auf der Seite der Fachschaftsliste informiert und Gabor Sas eine/r/m als Bundessprecher entgegenlächelt, oder wenn mensch in den Genuss kommt seinen Fernsehauftritt bei der "Zeit im Bild" zu verfolgen, bei dem er die FLÖ vertreten hat (viel Spass bei dem Video).

Der Wolf im Schafspelz?

Herr Sas ist ebenfalls im Rahmen seiner politischen Tätigkeit bei der FLÖ Mandatar der Bundesvertretung der ÖH, wodurch es ihm möglich ist offizielle Anfragen an die Bundesvertretung zu stellen, welche beantwortet werden müssen. Diese Möglichkeit nutzte er prompt nachdem er nicht als ZK eingesetzt wurde und stellte Anfragen, die das Tutoriumsprojekt und sein potentielles ZK-Dasein betrafen. Neben Aktionen wie dieser, die den am Limit arbeitenden Personen (in dem Fall die ZentralkoordinatorInnen) zusätzlich Arbeit verschafften, die viel sinnvoller wo anders angebracht wäre, gab es noch (womöglich unbewusste) Mobbing-Versuche (Telefonate spät Nachts, etc.). Scheinbar glaubten bereits einige Menschen im Projekt, über andere und deren Arbeitskraft nach ihrem Willen verfügen zu können und ihnen vorzuschreiben, wie sie ihre Arbeit zu tun hätten. Und alleine das widerspricht dem Gedanken hinter dem Tutoriumsprojekt schon grundsätzlich.

Wellenreiten will gelernt sein...

Die Aktionen schlugen sogar so hohe Wellen, dass es zu einer Spaltung der im Projekt beteiligten Personen kam und die Entscheidungsgewalt der Zentralkoordination in Frage gestellt wurde, da sie sich gezwungen sahen einen geplanten KO abzusagen, da sie die zusätzlich verursachte Arbeit so auf Trab hielt. Das gipfelte darin, dass eine Gruppe ein Treffen einberief in dem sie die Beschlussfähigkeit der ZK durch ihre eigene ersetzte, was man durchaus als Putschversuch bezeichnen könnte.

Auszug aus dem Protokoll dieses Treffens:

"Aus den genannten Gründen beschließt das Regionalaustauschtreffen die Gefährdung des Gesamtprojektes im Konsens. Laut Abs.7.7 des Grundsatzpapiers hat das Regionalaustauschtreffen hiermit Entscheidungsfunktion. "

Nach einem inoffiziellen Treffen, das den Touch eines Gegen-KOs hatte, überschlugen sich die Ereignisse beim nächsten offiziellen KO im Mai dieses Jahres. Viele Menschen unterschiedlichster Studienrichtungen reisten an, um ihren Unmut über die vergangenen Geschehnisse kundzutun. Im Rahmen der Diskussionen, in denen Schuldzuweisungen an der Tagesordnung standen, entschieden die beiden ZentralkoordinatorInnen, dass sie sich das nicht weiter zumuten wollten und traten nach einer sehr emotionalen Erklärung zurück.

Der aktuelle Status ist der, dass das Projekt in der Luft hängt. Keiner weiß so genau wie es weiter gehen kann und soll. Im schlimmsten Fall kann die Vereinbarung mit dem Ministerium nicht mehr gehalten werden und das Projekt wird seiner finanziellen Mittel beraubt. Schade, dass ein so gutes, soziales Projekt, welches mehr als unterstützenswert ist, zu einem machtpolitischen Spielball einer Fraktion verkommen kann, die immer mehr den Boden unter den Füssen verliert und so versucht, ihren politischen Einfluss auch in Zukunft zu gewährleisten.4 Traurig und beklemmend, dass Menschen nicht davor zurückschrecken, in die tiefsten Schubladen zu greifen. Hier möchte ich ein Zitat sprechen lassen:

"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen." (Theodor W. Adorno)

1 Dezentral im Sinne verteilter, und an sich autonomer Projektgruppen, die als zentrale Verbindung gemeinsame Grundsätze haben und den Willen, gemeinsam über das eigene Handeln zu reflektieren und sich auszutauschen und zu vernetzen. Im Laufe der Projektgeschichte treten aber zunehmende Zentralisierungstendenzen auf, was auch an zunehmende Finanzierung und Formalisierung seitens des Bundesministeriums gekoppelt ist.
2 Einerseits kann dies dem Grundsatzpapier des Tutoriumprojekts entnommen werden, andererseits gibt es immer Schilderungen von Vorfällen die einen starken Verdacht der Einflussnahme vermuten lassen. So tauchte auf einem KO plötzlich ein AG-Bundessprecher auf, der sich nicht wie alle weiteren KO-TeilnehmerInnen dazu anmeldete. Im benachbarten Seminarhotel weilten überdies scheinbar zufällig unzählige AG-Mitglieder, um ein Seminar abzuhalten.
3 Diese Zeitangabe ist ein ungefährer Kulminationspunkt und kennzeichnet eher die Zuspitzung eines seit längerem vorherrschenden Klimas.
4 Bleibt noch zu sagen, dass diese Darstellungen der Ereignisse meiner persönlichen Wahrnehmung beziehungsweise Hörensagen entsprechen und ich keine Meinungen von Studienrichtungsvertretungen oder ÖH Institutionen vertrete oder wiedergebe.

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AutorInnen

Christian Stipkovits

Christian Stipkovits

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