2008-10-24 20:24:39
Warum, warum nur hat sie sich so viel Zeit gelassen, den Artikel zu beenden? Weil sie zwiegespalten war. Ritsch-ratsch, exakt in der Mitte geteilt. Deshalb hat sie sich den Film noch einmal angesehen, um herauszufinden, ob sich die Trennlinie verschiebt.
Nach dem ersten Hellboy-Film war Guillermo del Toro „der Typ, der Hellboy gemacht hat“. Nach Pans Labyrinth war er „der Typ, der Pans Labyrinth gemacht hat“. Das wird er nach diesem Film auch bleiben.
Steampunk!
Eines vorweg: Wäre ich ein weniger rücksichtsvoller Mensch, der Kinosaal hätte von meinen spitzen Entzückungsschreien widergehallt. In diesem Film steckt so viel Herzblut, so viel liebevolle Hingabe, dass jeder andere Film des Genres daneben wie blasses, seelenloses Schattenspiel wirkt.
Die Augen des Zuschauers werden fast durchgängig auf eine so wunderbare Art reizüberflutet, dass man meint, man müsste auf der Stelle ekstatisch erblinden. Die Schauplätze, die Kreaturen, das Zubehör: Detailreichtum und Vielfalt, wohin man blickt, Zahnräder en masse, und ständig regnet es Hommagen an Klassiker. Ein Paradies für Geeks und Ästheten.
Doch leider, leider: Auf der einen Seite ist dieser Film so wunderschön gemacht, dass man weinen möchte, andererseits ist die Story vorhersehbar, die Figuren stehen ständig geradezu schmerzhaft auf der Leitung, das Ende ist schwach, und vor lauter Zitaten wirkt der Film teilweise so angeräumt wie Hellboys Zimmer.
„Am Anfang wollen sie immer alle den Killerelfen spielen.“
Die Story ist folgende: Vor langer, langer Zeit gab es einen Krieg zwischen Menschen und Fabelwesen. Wie das eben so ist im Krieg, wurde viel gestorben, und damit sich die Verluste auf die menschliche Seite beschränkten, ließ der König der Elfen 70 mal 70 unzerstörbare Kampfmaschinen anfertigen. „Bedienelement“ dieser rostfreien Armee ist eine goldene Krone, die sich auf dem Haupt einer Person königlichen Blutes befinden muss, auf dass diese dann Befehle geben kann – sofern dieses Recht von niemandem angefochten wird.
So meuchelte die goldene Armee fröhlich und unaufhaltsam und angesichts des Blutbades wards dem König schwer ums Herz. Des Schlachtens leid, schlug er einen Waffenstillstand vor und zerbrach die Krone in drei Teile: Zwei für die Elfen, einen für die Menschen. Doch sein Sohn, Prinz Nuada, sah überhaupt nicht ein, weshalb man den Menschen gegenüber Gnade zeigen sollte, und ging ins Exil.
Sprung in die Jetztzeit: Nuada, der exemplarisch zornige martial-arts-Elf (Hallo, Elric), sieht die Zeit gekommen, die Plage „Mensch“ endgültig von der Erde zu wischen, und macht sich auf, die Krone wieder zusammenzufügen.
Mit seinen nicht gerade subtilen Aktionen stößt Nuada unweigerlich auf den Widerstand des BPRD, des Bureau of Paranormal Research and Defense: Hellboy & Co. Wobei es im Hause Hellboy auch privat häufig gewaltig kracht, wenn die dauergrantige Pyrokinetikerin Liz Sherman, mit der er zusammen ist, wieder einmal sauer auf ihn ist – was ziemlich häufig vorkommt.
„In-con-CEIV-able!“
Und weil der „working class hero“ mit den Hörnern und der Steinfaust dem BPRD durch sein Aufmerksamkeitsdefizit auch noch Ärger mit der Öffentlichkeit einhandelt, gibt es einen neuen „Babysitter“ im Team der Guten:
Johann Krauss, Deutscher, Medium, tot. Oder, richtiger: Entkörpert. Sein Geist steckt in einem speziellen Anzug, damit er sich nicht einfach auflöst. Sein künstlicher Akzent mit den bar jeder Grammatik eingeworfenen deutschen oder Deutsch klingenden Wörtern und Satzbrocken ist wahrscheinlich für Amerikaner sehr unterhaltsam, des Deutschen mächtige Personen können darüber nur den Kopf schütteln.
Wir rekapitulieren: Erzürnter Elfenprinz will mit Zahnradsoldaten die Menschheit vernichten, das BPRD muss ihn aufhalten – am Besten, ohne ihn zu verletzen, da zu allem Überfluss auch noch Abe Sapien in die Prinzessin (Nuala) verliebt ist, die, wir erinnern uns, sonst auch etwas derangiert würde. Es folgt also ein Katz-und-Maus-Spiel nach dem Schema F, mit Beziehungsproblemen, Autoritätsverweigerung und unglücklicher Liebe zum Drüberstreuen.
Hate To Say I Told You So
Man muss allerdings bedenken, dass ein klassisches Szenario der Hellboy-Comics so aussieht: Das Team begibt sich an einen mythischen Ort mit mysteriösen Vorkommnissen, begegnet einem oder mehreren, meist Sagen und Legenden entstammenden Monstern, Hellboy und das/die Monster prügeln sich, das Team fährt/fliegt heim. So gesehen darf man sich also an der Einfachheit der Geschichte nicht stoßen.
Des weiteren ist es auch erfrischend, dass einmal nicht die halbe Welt in Schutt und Asche gelegt werden muss, bevor die Helden siegen. Andererseits: Wozu eine Armee aus 4.900 unzerstörbaren goldenen Maschinenkriegern einbauen, wenn man ihr dann so wenig Platz in der Story einräumt?
„I've heard you’re se brains of se operation…“
Abgesehen davon, dass das ganze Spektakel durch die Handlung einer einzigen Figur schon im Anfangsstadium erstickt werden hätte können – damit das, und weitere offensichtliche Abkürzungen nicht geschehen, müssen die Figuren oft auf eine absurde Art blind für das Wesentliche sein.
Am Allermeisten Abe Sapien, der von einer gescheiten, kühlen Person zu einem jämmerlichen Waschlappen mutiert. Die Ausrede dafür ist sein sich Hingezogenfühlen zu Prinzessin Nuala.
Ein Plus verzeichnet hingegen Liz Sherman, deren pyrokinetische Fähigkeiten endlich mit roten Flammen dargestellt werden. Im ersten Film waren sie aus unerfindlichen und nicht nachvollziehbaren Gründen blau. Ihre Frisur hat sich auch gebessert. Leider nuschelt sie immer noch.
I am trying to be heroic in an age of modernity
Es scheint fast so, als wären einladende Handlungsstränge schon im Keim erstickt, dafür aber andere, sinnlose Elemente eingebaut worden. Das X-Men-Feeling von Freaks, die nach Anerkennung suchen, wurde in, richtig, den eben genannten Comicverfilmungen in der nahen Vergangenheit schon genug ausgeschlachtet – und im Gegensatz zu Hellboy ist das ja auch in der Vorlage ein großes Thema, während es in Mignolas Schöpfung eigentlich niemand ungewöhnlich findet, es mit einem großen roten Affen, einem blauen Fischmenschen und einem Geist im Gummianzug zu tun zu bekommen – ein sympathisch skurriles Element.
Fazit: Eine schwache Story mit Charakteren, die sich manchmal benehmen, als wären sie „wo ang’rennt“, aber absolut atemberaubend umgesetzt.
Nachtrag
Der Name der Prinzessin Nuala geisterte mir noch Stunden nach dem Film durch den Kopf, da er mir so bekannt vorkam. Ein Blick zu Google enthüllt, dass es ein zwar nicht häufiger, aber doch ein sich in Verwendung befindlicher Name ist. Trotzdem. Da war doch was.
Dann spuckt mein Gedächtnis endlich die Lösung aus: Die Sandman-Comics von Neil Gaiman – die zweite, vermutlich eher zufällige als gewollte Gaiman-Parallele nach dem Troll Market, der an den Floating Market aus Neverwhere denken lässt.
Auch in Sandman ist Nuala der Name einer Elfe, die gemeinsam mit ihrem Bruder vorgestellt wird. Auch sie ist weißblond, allerdings nur, solange der Glamour (ein Täuschungszauber, der Dinge anders, und im Fall von Elfen, hübscher aussehen lässt) aufrecht bleibt. Als dieser entfernt wird, kommt ein mageres Elflein mit struppigem braunen Haar zum Vorschein.
Sprachterroristin, Musikjunkie.
Musikterroristin, Sprachjunkie.
Beschauliches
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