2009-07-10 13:17:43
Julie Delpy wird zur puritanischen Jungfrauenschlächterin im ungarischen Hochadel des 16. Jahrhunderts. Zu sehen ist das ästhetische Verbluten in Julie Delpys Die Gräfin.
Der längst vergangene Hochadel tummelt sich gerne auf den Leinwänden. Nach Saul Dibbs Die Herzogin, wird nun mit Julie Delpys Die Gräfin ein prominentes Frauenleben thematisiert. Während Dibbs Protagonistin ihre eigene Emanzipation in Prunk und Dekadenz erlebt, wird Delpys Charakterstudie der Verfall der Jugend zum Verhängnis.
Manipulierte Historie?
In der Kindheit wurden das Zeigen von Gefühlen unterbunden und der Hang zum Sadismus geschürt. Bereits mit 15 wurde Erzebet Bathory (Julie Delpy) verheiratet, mit jenem Mann, dem sie bei ihrer Taufe versprochen wurde. Nach wenigen Jahren wird die Idylle durch den Tod des temporär absenten Gatten gebrochen.
Heiratswillige Kandidaten lassen nicht lange auf sich warten, unter ihnen Gyorgy Thurzo (William Hurt) und Sohn Istvan Thurzo (Daniel Brühl). Die Wahl fällt auf den charmanten Sohn, die Intrige gerät ins Rollen. Erzebets Affäre ist kurz und intensiv. Das abrupte Ende ist der Beginn des makellosen Wahns. Durch Zufall wird Erzebet mit dem Blut einer jungfräulichen Zofe bespritzt und fühlt sich plötzlich jung und hübsch.
600 Jungfrauen soll Erzebet ausbluten haben lassen, um ihre Jugend ewig erhalten zu können. Die Intrige soll laut Delpys Regiearbeit von Gyorgy Thurzo ausgegangen sein, der die Ablehnung seines Heiratsantrages nicht verkraften konnte. Fakt ist, dass die Geschichte rund um Erzebet, in enger Verbindung mit dem Mythos um Graf Dracula, erst hundert Jahre nach ihrem Ableben publik wurde.
Julie Delpy als Gesamtkonzept
Der großzügig gedeckte Tisch ist von Fliegen belagert, ein Zeichen von Fäulnis und Verderben. Nur wenig später finden Istvan Thurzo und sein Begleiter neben zerstückelten Leichenteilen in den Kerkern der Burg, auch sadistische Folterinstrumente. Julie Delpys Figur ist dem Ende nahe, als die Wachen sie verhaften.
Starr beobachten Gyogry und Istvan Thurzo die Urteilsverkündung. Hurt und Brühl harmonieren als gegensätzliche Vater-Sohn-Konstellation. Delpys fast schon dokumentarisches Drehbuch weist kaum Ungereimtheiten auf, wenig wertend erzählt es die Biografie Erzebets, wie sie gewesen sein könnte. Die Gräfin darf Gefühle zeigen, der Wahn gewinnt nie Überhand.
Die Frage, warum Delpy sich mit dem Drehbuch auseinandersetzte, Regie führte und die Hauptrolle übernahm, führt die Schauspielerin auf die Tatasche zurück, dass sie keine Actrice fand, die sich in die Rolle wagte und berühmt genug dafür war. Es hätte Der Gräfin sicher nicht geschadet, hätte Julie Delpy nicht versucht, sich als filmisches Gesamtkonzept zu inszenieren.
Filmstart: 17. Juli 2009
We are all in the gutter but some of us are looking at the stars. (Lord Darlington, Lady Windermere's Fan)
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