Familientauglicher Orchesterpop ohne Altersbeschränkung - Popperlen inklusive.
„Keys To The World“ fängt stark an, lässt gegen Schluss aber ebenso stark wieder nach, während dazwischen die eine oder andere Songperle erstrahlt. Etwa so könnte eine ultrakurze Beschreibung des dritten Soloalbums von Richard Ashcroft lauten. Wer´s etwas ausführlicher haben will, liest nun weiter.
Richard Ashcroft beim professionellen Posen.
Was bereits beim letzten Album seiner ehemaligen Band The Verve aufkeimte, dem legendären „Urban Hymns“ inklusive der noch legendäreren Pophymne „Bittersweet Symphony“, führt Ashcroft seit seinem ersten Soloalbum konsequent fort - nämlich auf üppig arrangierte Songepen mit saftig Streicherunterstützung zu setzen.
Die dynamische Eröffnungsnummer „Why Not Nothing“ rüttelt rhythmisch und textlich wach und wird postwendend vom nachfolgenden „Music Is Power“, einer warmen, stark temporeduzierten Soulnummer, eingebremst und kontrastiert. Zwei Musikwelten tun sich hier auf und machen gleich zu Beginn deutlich, dass Ashcroft immer noch scharf an der Grenze zwischen familientauglichem Orchesterpop und alternativen Rocksongs agiert. Und dazwischen lugt der mit Akustikgitarre bestückte Singer/Songwriter hervor, eine Seite, die dem hageren Musiker wohl am besten steht. Das wurde besonders deutlich, als Ashcroft vergangenes Jahr auf Tour mit seinen Labelkollegen Coldplay seine Songs großteils alleine performte und vieles in der abgespeckten Akustikvariante besser zur Geltung kam als in den oft überkandidelten Arrangements auf Platte.
Um aktuelle Hypes und Sounds schert sich Ashcroft, mittlerweile zweifacher Familienvater, herzlich wenig und setzt dagegen auf zeitloses Songwriting. „Break The Night With Color“ etwa ist ein rundum gelungener Popsong, der auch der Feder eines John Lennon entsprungen sein könnte und trotzdem – oder gerade deswegen – gar nicht verstaubt klingt. Mit dem Titeltrack „Keys To The World” ist ihm ein weiteres Glanzstück gelungen, das mit hypnotisch treibendem Beat und einem ständig wiederkehrenden weiblichen Vocalsample punktet. „Sweet Brother Malcolm“ offenbart wiederum sehr gelungen die fragile Seite des Briten.
Music Is Power - Richard Ashcroft beim Hackeln.
Dann allerdings, um in der Abfolge des Albums zu bleiben, driften die Songs immer mehr in die seichten Gewässer des erwachsenentauglichen Mainstream-Radio-Einheitsbreis ab. „Why Do Lovers?“ ist leider kein neuer „Song For The Lovers“, sondern eine in Pathos ertrinkende Schmachtballade, „Simple Song“ ist ein, ja, simpler Song ohne Tiefgang und auch die Schlussnummer haut nicht vom Hocker.
Doch trotz dieser Negativa kann man diesem Mann, der Musik als eine Art Religion sieht und nach wie vor zu den sympathischsten im Rockbusiness zählt, nichts wirklich Schlechtes anlasten. Und auch wenn er neuerdings den Kratzbürstenfaktor etwas zu oft ausfährt und streckenweise wie ein heiserer Cat Stevens krächzt („Why Do Lovers?“), zählt Richard Ashcroft nach wie vor zu den größten Stimmen im Pop. Ein Urteil, das ich übrigens mit Chris Martin teile, der seinen Kumpel kürzlich als 'the best singer in the world' bezeichnete.
„Keys To The World“ ist ein familientaugliches Album mit viel Melodie und wenig Kanten, gerade richtig, um sich´s daheim im Schosse seiner Liebsten am Kamin gemütlich zu machen.