2008-03-27 14:15:45
Wo neuerdings REM draufsteht, ist immer noch R.E.M. drin. Die Band um Michael Stipe lässt ihre Uhren jetzt mit maximaler Geschwindigkeit laufen. 'Accelerate' nimmt dementsprechend die Beschleunigung auf und spurtet etwas verspätet ins neue Jahrtausend.
Selbst die Punkte mussten dem Bandlogo weichen, so hurtig wollten sie es diesmal haben. Keine unnötigen Satzzeichen sollten den beschleunigten Gemütszustand bremsen, um den es in den letzten Jahren sowieso schwerer stand als zuletzt vermutet.
Deshalb galt: weniger Zeit im Studio, spontan sein und unmittelbar frische Songs schreiben.
Nicht reden - Machen!
Mit einer Gegenmaßnahme beginnt das Album: Living Well Is The Best Revenge fährt stur in der Straßenmitte, lässt sich nicht beirren, ist sich seiner sicher. Rache ist süß, dass wissen auch R.E.M., und die sprudelnde Gitarrenmelodie von Peter Buck ist der erste Faden, den man auf der nachfolgenden Spritztour aufgreift. An ein Aufgeben wird nicht gedacht.
Turn on the TV and what do I see? A pageantry of empty gestures all lined up for me, WOW! - Man-Sized Wreath sucht nach Unbeschwertheit und fordert Sorglosigkeit, versteckt hinter seiner zynischen Oberfläche aber einen zuckersüßen Refrain.
A celebration of your teenage station - Eine sehnsüchtige Verträumtheit und das Begehren nach dem ewigen Sommer, der nie aufhört manchmal aber bitter ausfallen kann, verfolgt die Single Supernatural Superserious, die exemplarisch für das ganze Album steht.
Anfangs als unspektakulär eingestuft, wachsen die schwelgenden Melodien und der mehrstimmige Refrain mit jedem Hören über sich hinaus. Der Hollow Man ist schon etwas vertrackter. Anfänglich zart und melancholisch, im Refrain richtig aufgehend, hätte der Song auch eine starke B-Seite von früheren Alben sein können. Believe in me, believe in nothing, corner me and make me something, I've become the hollow man, have I become the hollow man I see? Dass Stipe ein falscher und unaufrichtiger Kerl geworden ist, wollen wir mal nicht glauben.
Houston ist ein weiterer kritischer Song, der über die derzeitige und leider noch andauernde Kriegsposition der USA ins Grübeln gerät.
Gleichzeitig ist der schneidende Titeltrack auf der Flucht vor einer ungewissen Zukunft: I don't know what I need, I needed time, I needed to escape. Der Mensch steht auf wackeligen Beinen - No time to question the choices I make, I've got to fall in another direction.
Dass an Patti Smiths Interpretation des Beatles-Songs Within You Without You (zu finden auf dem Cover-Album Twelve) erinnernde Until The Day Is Done sorgt mit seinem erhabenen Gestus und seinem ernsten textlichen Wortlaut für geknickte Gänsehautmomente: The battle’s been lost, the war is not won. An dem eigenartigen Mr. Richards und dem kuriosen Sing For The Submarine hat man derweil zu knabbern.
Dröhnend zeigt sich Horse To Water von seiner Seite und zum Abschluss streift die Band ihre
Instrumente ab und Stipe übt sich als Diskjockey des Abends: I’m Gonna DJ ist ein Versuch einen ganz neuen Weg zu gehen, der aber nicht so richtig zur Band passen will, im Konzept des Albums aber nicht verkehrt ist.
Robbie Williams tanzt auch schon auf der Tanzfläche.
Der Blick zurück bringt nach vorn
Enjoy yourself with no regrets heißt es in Supernatural Superserious.
R.E.M. haben ihren Kosmos neu modelliert und strukturiert. Straff und ohne große Schnörkel wollte man diesmal agieren, was der Band auch gelungen ist.
Die Regler schlagen wieder mehr aus.
Verrannte sich der richtungsarme Vorgänger Around The Sun in stillen Noten und Momenten, so ist Accelerate wiederentdeckte geräuschvolle Leidenschaft.
Der Lärm als Rückeroberung.
Die unverkennbaren Trademarks (Stipes Stimme, Backgroundchöre u.a.) sind aber alle auf ihrem bekannten Platz geblieben.
Dem gewollten Wühlen im Dreck steht die direkte Klarheit des Sounds gegenüber, den man nicht unbedingt so erwartet hat, nachdem Produzent Jacknife Lee für seine übereinander geschichteten, sphärischen Sounds bekannt ist.
Dass thematisch der scheinheilige American Dream öfter subtil auseinandergenommen und reflektiert wird, überrascht nicht.
Vielleicht reicht die Größe von Accelerate nicht an Klassiker wie Automatic For The People oder Document heran, doch ist das Album der ausgegrabene und wieder hervorgeholte Schlüssel zu einer erfüllenderen Zukunft und noch wichtiger: Keine Einbahnstraße.
"Fill the air with poems, so thick
even bombs can't fall through."
(Peter Levitt)
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