2007-04-02 00:10:14
FM5 hat im Rahmen der Serie "Hinter den Kulissen der Medien" schon viele Redaktionen besucht. Diesmal besuchten wir die U-Bahnzeitung heute. Qualitäts- versus Boulevardjournalismus. Bernd Watzka im Gespräch mit dem Freien Magazin.
Heute, eine Weiterentwicklung des U-Bahnexpress?
Heute ist ein anderes Produkt. Es ist keine Weiterentwicklung indem Sinne. Heute setzt sich zwar auf die Schiene des ehemaligen U-Bahnexpress drauf. Es ist aber jugendlicher, und vor allem professioneller. Außerdem ist man auf eine andere Zielgruppe hin orientiert. Eine Zielgruppe die über die U-Bahn hinausgeht. Also, Heute ist somit in keiner Weise mit dem ehemaligen U-Bahnexpress zu vergleichen.
Welches Zielpublikum sprechen sie da konkret an?
Wir wollen junges Publikum, aber auch Angestellte verschiedenster Berufsgruppen außerhalb der U-Bahn erreichen. Es läuft gerade ein Projektversuch mit Billa, wo unsere Zeitung derzeit ebenfalls aufliegt. Es gibt Gespräche, dass wir unsere Zeitung auch außerhalb der U-Bahn präsent an den Mann/die Frau bringen können. Dem soll auch die Zukunft von Heute gehören... und irgendwann in ferner Zukunft gibt es vielleicht sogar ein richtiges Abonnement.
Ihr seid 9 Redakteure. Wieviel Qualitätsjournalismus lässt das zu?
Qualität hängt nicht primär mit der Quantität der Redakteure zusammen. Wir bekommen unsere Basisinformationen wie jede andere Zeitung auch über Aussendungen und Agenturen. Die Hintergrundrecherche und die Art wie man das Material bearbeitet, auf das kommt es vor allem an. Unsere Kollegen arbeiten sehr genau, und bringen ihre eigenen Ideen sehr gut ein. Wir sind sehr zufrieden, wie wir uns positioniert haben. Das Image, dass der U-Bahnexpress einmal gehabt hat, haben wir sehr bald abgelegt.
Schmal Kalkuliert, schrieb die Zeitschrift Horizont in Anspielung einer Aussage ihres Herausgebers. Neun Monate gibt es Heute nun schon. Die Bankverbindlichkeiten müssen binnen einen Jahres zurückbezahlt werden. Hat man richtig kalkuliert?
Also, das glaube ich auf jeden Fall. Ich bin zwar nicht in die Geschäftsgebarung eingebunden. Aber ich sehe tagtäglich mehr Anzeigen in unserer Redaktion eingehen. Es läuft sehr gut. Ich bin da sehr zuversichtlich, dass die kalkulierten Ziele erfüllt werden.
Wenn man die wirtschaftlichen Gesichtspunkte jetzt außer Acht lässt. Wie fällt ein kurzes Resümee vom journalistischen Standpunkt aus?
Es hat natürlich gewisse Großereignisse gegeben, die ein großes Arbeitspensum erfordern. Das ist trotz der kleinen Redaktion gegangen. Es ist sehr gut gelaufen. Als Journalist wünscht man sich natürlich immer, dass man mehr Zeit hat „Eigengeschichten“ und Hintergrundgeschichten zu recherchieren. Als kleine Redaktion haben wir noch nicht die Möglichkeiten, uns darauf zu konzentrieren. Das ist natürlich ein Wunsch an die Zukunft, wenn es wirtschaftlich noch besser geht, wenn man das Team noch vergrößern kann.
Sie sprechen es gerade an. 24 Seiten täglich von neun Redakteuren ist ja jeden Tag eine neue Herausforderung. Wie viel Qualitätsjournalismus lässt das überhaupt zu – oder gleitet man dadurch automatisch in Bereichen des Boulevardjournalismus ab?
Wenn Sie das so sagen. Ich finde Boulevardjournalismus als nichts Schlechtes. Ich habe 16 Jahre Kronenzeitungerfahrung hinter mir. Man kann darin natürlich negatives finden. Die Leute arbeiten aber sehr professionell. Es kommt immer auf die Einzelperson des Journalisten an, nicht auf das Medium. Es gibt bei uns wirklich sehr viele engagierte Leute, um wieder zu uns zurückzukommen. Wir waren die erste Zeitung Österreichs, die bei der FPÖ-BZÖ Geschichte ein Interview gebracht hat. Wir haben Hintergrundrecherche gemacht, haben eine Studie in Auftrag gegeben...
Das Layout und die Machart der Kronenzeitung erinnern uns ein wenig an „Heute“. Ist das Absicht oder Zufall?
Die Kronenzeitung schaut alleine von der Gestaltung und vom Layout mit unseren vielen kleinen Einheiten doch sehr anders aus, wenn man sich das genau ansieht. Was natürlich auffällt, dass auch wir große Bilder verwenden, weil es auch sinnvoll ist, bei einer Lesezeit von 10 bis 30 Minuten auch mehr Wert auf das Bild zu legen. Das unterscheidet uns von textlastigeren anderen Zeitungen; das würde allerdings völlig an unserem Zielpublikum vorbeigehen. Es wirkt außerdem moderner und dynamischer, wenn große Bilder verwendet werden.
Wird in der Zeitung Rücksicht auf Gendersprache genommen?
Es geht um den Inhalt der Texte, finde ich persönlich. Es geht darum, wie viel Inhalte ich für die Frauen bringe, nicht darum ob ich immer das –Innen anhänge. Was nützt das, wenn ich dann trotzdem männliche Berichterstattung mache? Uns sind Frauenthemen sehr wichtig, weil wir einen überwiegenden Anteil an Leserinnen haben – mehr als Männer! Die Zeitung kommt bei den Frauen daher gut an. Ob man das mit einen „Binnen-I“ verstärken muss, das glaube ich nicht. Ein tolles Projekt für Frauen vorstellen bringt mehr, als das schwer leserliche „Binnen-I“ zu schreiben.
Ich gehöre zu den Personen die von Anfang an dabei waren. In FM5 steckt nicht nur viel Zeit sondern auch ganz persönliches von mir. Im Moment habe ich mich ans Doktorat gemacht. Ich gehöre wohl zu den Personen, die nie Zeit haben...
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