2010-02-08 18:08:23
Die Volkstheater-Adaption von Woody Allens Filmklassiker versucht, die Trennlinien zwischen Kino, Theater und Wirklichkeit verschwimmen zu lassen. Dabei stößt die Produktion an die Grenzen des Genres – und leider auch an die des guten Geschmacks.
"Purple Rose of Cairo" ist
eine Uraufführung des Volkstheaters. Gil Mehmert, der die Übersetzung und
Bühnenbearbeitung des 1985 entstandenen Films übernommen hat, führt auch Regie
in dieser Geschichte über Sehnsucht und die Macht der Illusion. In der letzen
Saison hatte das Volkstheater pünktlich zur Wirtschaftskrise Arthur Millers "Tod
eines Handlungsreisenden" im Programm. Nun folgt Kapitalismuskritik, die Zweite.
"Purple Rose of Cairo" handelt von Cecilia (Heike Kretschmer), einer jungen Frau
aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn, die von der großen Depression der 1930er
Jahre schwer gebeutelt wird. Ihren Job als Tellerwäscherin in einer Cafeteria
ist sie bald los und zuhause wartet ihr ebenfalls arbeitsloser Ehemann (Erwin
Ebenbauer) mit einer Tracht Prügel auf sie.
Illusion und Wirklichkeit
Cecilia flüchtet ins
Kino. Die Heile-Welt-Filme des Hollywoods der 1930er Jahre (die ja, wie man
heute weiß, bewusst so produziert wurden, um die Zuseher vom realen Elend
abzulenken) geben ihr Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Womit sie allerdings
nicht rechnet, ist, dass die Illusion zur Wirklichkeit wird – in der Gestalt
des Kinohelden Tom Baxter (Till Firit) aus dem Film "Purple Rose of Cairo", der von der Leinwand in die Realität heruntersteigt. Was dann folgt, ist eine
klassische Romanze mit unglücklichem Ende. Gil Shepard (ebenfalls Till Firit),
der Schauspieler, der Tom Baxter verkörpert, tritt auf, fürchtet um seinen Ruf
und verbannt Tom Baxter zurück auf die Kinoleinwand. Die Ordnung zwischen
Fantasie und Wirklichkeit ist wieder hergestellt und Cecilia bleibt allein im
Kino-/Theatersaal.
Doppelgänger und andere
Probleme
Während in Woody Allens
Film nur die Kinoleinwand durchbrochen wird, gesellt sich auf der Theaterbühne
eine zusätzliche Reflexionsebene dazu. Film im Theater in der Wirklichkeit. Und
hier beginnen auch schon die Schwierigkeiten. Die Live-Interaktion zwischen
vorher (mäßig professionell) aufgenommenen Filmsequenzen und den Schauspielern wird
zum mechanischen (weil perfekt getimeten) Herunterrasseln von Dialogzeilen. Im
Film hätte man das schneiden können. Auch andere Effekte, wie
etwa das Gespräch zwischen zwei Doppelgängern, die mit filmischen Mitteln
relativ unkompliziert ausführbar sind, werden auf der Theaterbühne zur
Peinlichkeit. Hier verkriecht der Schauspieler sich im Zehnsekundentakt hinter
einen Vorhang, um ein dementsprechend ungelenkes und unfertiges Umziehmanöver
zu vollziehen. Auch die abrupte Musical-Einlage, die wohl der
Kontextualisierung der Handlung in der Vaudeville-Tradition der amerikanischen
1930er Jahre dient, wird zum Reinfall. Till Firits gesangliches Talent lässt
nämlich mehr als zu wünschen übrig.
Farce oder Sozialkritik?
Der Mangel an Stimmigkeit
steht dann symptomatisch für das eigentliche Problem dieser Produktion: Sie
kann sich nicht entscheiden, ob sie lieber Farce oder realistisches Drama sein
will. Der Text ist ja durchaus sozialkritisch (Depression, Arbeitslosigkeit,
Eskapismus), und auch die detailgenaue Kulisse lässt auf ein klassisches Sozialdrama
schließen. Die Schauspieler hingegen überzeichnen ihre Charaktere derart, dass
der Handlungsablauf dann eher grotesk und oft lächerlich wirkt. So entsteht keine
Tragikomik, sondern ein Lavieren im Dazwischen – eine verwirrte Mischung aus
(amerikanisiertem) Bauernschwank und großem Drama, die ihren Platz auf ein und
derselben Bühne nicht finden will.
Auf der positiven Seite
ist schließlich die musikalische Untermalung des Stücks zu nennen. Die
vierköpfige Band, die das Stück mit witzig verpackter Stimmungsmusik und einer
Art Sound Design unterlegt, stellt den großen Genuss dieses Abends dar. Der Applaus
bleibt trotzdem mager.
"Purple Rose of Cairo" von Woody Allen, übersetzt und adaptiert von Gil Mehmert
Volkstheater, 1070 Wien, Neustiftgasse 1
11., 14., 18., 20., 22., 26. Februar, 4. März
a map of the world that does not include utopia is not even worth glancing at (o.w.)
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