2008-05-25 01:41:24
Sehr geehrte Nurdan Erkmen,
auf der Homepage des Proviant-Buch Verlages findet sich eine dezidierte Aufforderung an junge Schriftsteller und Schriftstellerinnen, Ihnen ihre Manuskripte zu schicken. Die Anmerkung, dass sich der Verlag auf diese Manuskripte freue, ist nicht zuletzt insofern bemerkenswert, als auf den Homepages zahlreicher anderer Verlage nüchterne bzw. sogar eher abschreckend wirkende Hinweise bezüglich unaufgeforderter Manuskripte-Zusendungen zu lesen sind. Wie darf ich mir in dieser Hinsicht die Positionierung Ihres Verlages vorstellen? Haben Sie sich die unaufgeforderte Zusendung von Manuskripten sozusagen zum Programm gemacht?
Es gibt durchaus viele Verlage, die ausdrücklich darum bitten, von unaufgeforderten Manuskripteinsendungen abzusehen. Einigen geht es dabei sicher bewusst um das Erregen von Aufmerksamkeit – das liest sich jetzt womöglich etwas paradox, aber wer sich ein wenig im Marketing auskennt, wird mir vielleicht Recht geben können -, anderen wachsen die ungelesenen Manuskriptberge wohl tatsächlich über ihre Köpfe und erinnern sie tagtäglich warnend an die auf ihnen lastende Verantwortung. Stellen Sie sich vor, es begleitet Sie ständig das Bewusstsein um die Pflicht, noch mindestens 20 Manuskripte lesen zu müssen, das kann auf Dauer, und gerade wenn man seine Sache gewissenhaft macht, ziemlich belastend sein. Daher kann diese auf den ersten Blick ablehnende Haltung eines Verlages auch als Bitte um das Verständnis, dass es diesem schlicht und einfach nicht mehr möglich ist, dem Lesen der Flut an Manuskripteinsendungen nachzukommen, verstanden werden.
Was unseren Aufruf angeht, schränken wir diesen ja auch ein: Erstens, indem wir auf unsere Formatanforderung hinweisen, und zweitens richtet er sich gezielt an neue und weitestgehend nichtorganisierte Schriftstellerinnen und Schriftsteller, von denen wir annehmen, dass sie grundsätzlich mehr Mut und Zuversicht zugesprochen bekommen sollten. Mein Tipp für die Anfrage an andere Verlage ist, erst einmal ein Postanschreiben oder eine e-Mail mit einem Exposé, also einer kurzen und knackigen Inhaltsangabe sowie einer kurzen Leseprobe zu verschicken.
Mit welchen Erwartungen senden Ihrer Meinung nach junge Autorinnen und Autoren Ihnen ihre Texte?
Jedenfalls nicht mit ein und denselben. Es gibt hierzulande sehr viele Talente, denen die glücklichen Umstände – die Zeit und natürlich auch das Geld - zuteil wurden, sich lange und intensiv zu guten Schriftstellerinnen und Schriftstellern ausbilden zu lassen. Aber was sagt das eigentlich über Talent aus? Meiner Meinung nach nicht viel. Sicher, es sagt etwas über das erlernte Handwerk aus, wenn ich aber als Leserin das Bedürfnis habe, mehrere Textstellen in einem Debüt eines stilistisch womöglich als eher unbeholfenen geltenden Schriftstellers, immer und immer wieder zu lesen, dann ist das, was mich dazu bewegt, - für mich - Talent. Das ist meine Meinung. Daher denke ich, erwarten viele junge Autorinnen und Autoren, die uns ihre Texte einsenden, dass man primär ihr Können wahrnimmt, mehr also, als das übliche Ja und Nein, vielleicht erwarten sie Unterstützung und etwas Raum und Zeit für Entwicklung, für viele durchaus Luxus, den sie sich von einem unter Anderem stressigen Alltag mühsam abzweigen müssen. Der überwiegende Teil, der uns kontaktierenden Schriftstellerinnen und Schriftsteller, hat eine ausgesprochen realistische Einschätzung in Bezug auf ihr Geschriebenes und viele unter ihnen erwarten selbstverständlich eine Veröffentlichung.
Wie gestaltet sich in Ihrer Verlags-Praxis das „Perlentauchen“, das der Proviant-Buch Verlag für Leserinnen und Leser übernehmen möchte? Nach welchen Gesichtspunkten wird aus den – wie ich annehme, sehr zahlreich – übermittelten Texten ausgewählt?
Jeder Verlag hat natürlich seine eigene Praxis. Promi-Biographien, Generation-Golf Literatur usw. Beispiele wie die genannten, passen ihre Autoren auch schon mal der vermeintlichen Nachfrage von Lesern an. Unsere ist schlicht und einfach die Suche nach Talent und Konsequenz beim Schreiben. Idealerweise in einem ausgewogenen Verhältnis. Dabei ist uns, als ein Beispiel, eine Anmerkung, dass das uns angebotene Road-Story-Manuskript gerade deshalb so toll ist, weil gerade irgendein bekannter Autor mit einer solchen einen Bestseller geschrieben hat, vollkommen unwichtig.
Die formellen Vorgaben hinsichtlich Manuskript-Umfang (100 bis 120 Normseiten) sind exakt und sollen, wie ich vermute, vor allem das einheitlich handliche Format der bei Ihnen erschienen Bücher gewährleisten... Ein einheitliches Format bzw. Erscheinungsbild ist eine wichtige Voraussetzung, sich als Reihe zu etablieren – wie würden Sie diese Reihe Proviant-Buch, über Umfang und Aufmachung hinausgehend, charakterisieren?
Umfang und Aufmachung unserer Proviant-Bücher sind bei Weitem nicht nur gewolltes Erscheinungsbild, sondern auch notwendige Reduktion und Verzicht auf alles im Grunde genommen Unwesentliche. Wir sind selbstverständlich nicht prinzipiell gegen die zum Teil visuell sehr ansprechenden Gestaltungen von Buchcovern, aber wir lesen heute noch Literatur, die zu ihrer ersten Ausgabe lediglich gebunden wurde, dann kam ein Deckel drauf, das heißt, es waren lose Blätter, die zu einem chronologisch sortierten Stapel geordnet wurden. (Weltliteratur, die uns heute, nach Jahrhunderten, noch fesselt, war in ihrer ursprünglichen Aufmachung auch Literatur ohne alles, wenn man so will. Das soll natürlich keinen inhaltlichen Vergleich darstellen, ganz klar.) Das Format und die einheitliche Gestaltung unserer Proviant-Bücher sind also durchaus erst einmal eine Notwendigkeit, der sich unsere Autorinnen und Autoren unterordnen müssen, in zweiter Linie aber haben sie so die von uns angestrebte Möglichkeit, sich als im wahrsten Sinne des Wortes gleich bleibend gute Lektüre zu etablieren. Darüber hinausgehen sind unsere Taschenbücher samt Format, Gewicht und Schriftgröße natürlich auch eine in sich geschlossene Konzeption kurzer, abwechslungsreicher und unterhaltsamer Lektüre. Besonders geeignet als schnell zu verschlingende Büchlein für Unterwegs.
Ich habe auf Ihrer Homepage keine Auflistung der bei Ihnen bereits erschienen Bücher finden können... Dafür finden sich unter der Rubrik ‚Bücher’ eine ausführliche Leseprobe sowie das Autorenportrait eines – wie ich vermute, zuletzt bei Ihnen veröffentlichten – Autors. Wie kann ich nun in Ihr Verlagsprogramm, in Ihre Back-List, einsehen?
Wesentlicher Bestandteil unseres Verlagskonzeptes ist die Vorstellung einer/s neuen deutschsprachigen Autorin/Autors mit jeder Publikation.
Irgendwo, jemand von JAAN KUSTOS ist unsere erste Veröffentlichung. Zwei Manuskripte stehen - allerdings noch inoffiziell – bereits in der engeren Auswahl der nächsten Proviant-Buch Publikation.
Als „Perlentaucher“ investieren Sie ja vor allem in die Zukunft strukturell junger Autorinnen und Autoren: der Zeitraum, in dem sich ein Autor, eine Autorin, der/ die bei Ihnen veröffentlicht hat, etablieren kann, ist vermutlich unterschiedlich groß. Je nach Länge und Verlauf dieses Produktionszyklus kann sich die Veröffentlichung einer Autorin, eines Autors für den Proviant-Buch Verlag ökonomisch wie symbolisch rentieren. Welche Verträge können Sie unter diesen Voraussetzungen jungen Schriftstellern und Schriftstellerinnen anbieten?
Das Wesentliche haben wir als Proviant-Buch mit unserer Arbeit dann erreicht, wenn wir bei den Lesern Sympathie für die Nische die wir besetzen und für unser Konzept geweckt haben, und sie dieses entsprechend schätzen und unterstützen. Wir können keiner Autorin/keinem Autor versprechen, dass sie/er bei uns zu einem so genannten Bestseller-Autor werden kann, und wir können sie auch nicht unterschiedlich behandeln, das alles wollen wir auch nicht. Auf der anderen Seite stehen wir niemandem im Weg, dessen schriftstellerische Karriere sich dahingehend abzeichnet oder entwickelt. Sollte ein Verlag also Interesse an unseren Autorinnen und Autoren haben, dann freut uns das und dann stehen wir dem nicht im Weg. Auch unsere Verträge sind also nicht unterschiedlich, sondern für alle gleich. Wichtig ist uns, einen soliden Weg zu ebnen - was alles andere als einfach ist und viel Unterstützung bedarf -, der es somit ermöglicht, so vielen talentierten deutschsprachigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern wie möglich, zu Publikation und Leserschaft zu verhelfen.
Sehen Sie auch so genannte Kostenbeteiligungsmodelle (also die teilweise Übernahme der Druckkosten seitens des Urhebers, der Urheberin) für die Veröffentlichung eines Textes vor?
Nein. Wir jonglieren ganz bestimmt nicht mit großen Budgets als viele andere Verlage, dennoch kommt es für uns selbstverständlich nicht in Frage, Kosten auf die Autoren abzuwälzen.
Wie gestaltet sich aus Ihrer Sicht die Zusammenarbeit mit Ihren Autorinnen und Autoren? Besteht die Möglichkeit einer längerfristigen Zusammenarbeit?
Transparent und gleichberechtigt. Die Möglichkeit einer längerfristigen Zusammenarbeit besteht, wie erwähnt, grundsätzlich.
wir müssen uns sisyphos als einen glücklichen menschen vorstellen
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