2008-04-06 00:25:02
Die legendäre Band Portishead tritt nach zehn Jahren erstmals wieder auf und veröffentlicht in Kürze ein neues Album. Eindrücke vom epochalen Auftritt in München.
Schubladen sind ja oft so eine Sache. Steckt eine Band erstmal in einer Schublade, kommt sie nur mehr schwer heraus. Portishead sind so eine Band. Mitte der 90er-Jahre kam jemand auf die Idee, Bands, die aus dem englischen Bristol und Umgebung kamen und einen etwas ähnlichen Sound hatten, in eine Schublade genannt "Trip-Hop" zu stecken. Massive Attack galten als Vorreiter und Aushängeschild, und im Kielwasser schwommen vermeintlich Acts wie Tricky oder eben Portishead. Hat man sich erst einmal an einem Musikstil sattgehört oder stagniert das Genre, geraten jedoch auch bald deren Protagonisten in Vergessenheit.
Keine Modeerscheinung
Man tat Portishead jedoch Unrecht, sie als elektronische Trip-Hop-Band der Zeit, als Modeerscheinung abzutun. Portishead sind nämlich viel mehr Band als Act, sie machen viel mehr Songs als Tracks, und sie waren eben keinesfalls eine Modeerscheinung, sondern machten damals schon zeitlose Musik, die zufällig etwas nach dem klang, was Schubladenfetischisten als "Triphop" bezeichneten. Das erkennt man nicht zuletzt daran, dass ihre beiden Alben, Dummy aus 1994 und das selbstbetitelte Portishead aus 1997, mit der Zeit nicht an Glanz verloren und Staub ansetzten, sondern hingegen wuchsen. Zwei Alben, die man getrost als Meisterwerke bezeichnen kann.
Leider kein Österreich-Termin
Portishead waren deswegen auch eine der wenigen Bands, die ich schon lange unbedingt live sehen wollte. Nach rund zehn Jahren Pause bot sich jetzt endlich die Möglichkeit dazu und das Warten hat sich mehr als ausgezahlt. Ich nutzte die Gelegenheit das Konzert in München zu besuchen (nach Österreich hat es die Truppe auf ihrer Comeback-Tournee leider nicht verschlagen).
Ein Stück aus dem neuen Album
Mini-Hysterie
Etwas unverständlich ist mir derzeit noch immer, dass die Wiederauferstehung Portisheads noch keine Massenbegeisterung ausgelöst hat, fieberte ich doch diesem Ereignis entgegen als wäre es eine Beatles-Reunion. So war das Konzert mit etwas mehr als 2000 Besuchern dann auch nur knapp ausverkauft - ich hätte eher auf 200.000 Besucher getippt. Aber egal, so war die Atmosphäre auch etwas heimeliger, man bekam etwas zu sehen und wähnte sich unter Eingeweihten.
Nach einer eher mäßigen Vorband betraten dann um rund 22 Uhr endlich die drei Kernmitglieder von Portishead plus drei weitere Musiker die Bühne. Endlich Beth Gibbons, die heilige Sängerin, live und in Echt zu sehen und vor allem zu hören, veranlasste nicht nur meine Nackenhaare, die Gänsehautstellung einzunehmen.
Die Show
Das Set war wie zu erwarten durchmischt von alten und neuen Nummern. Bei den alten Nummern hatte die Band ein Heimspiel, waren doch die meisten Vertreter im Publikum mit einer ähnlichen Erwartung wie ich auf das Konzert gekommen. Beth Gibbons' Stimme klang noch eindringlicher als sie vor zehn Jahren klang, und die alten Nummern wurden fantastisch wiedergegeben. Doch auch das neue Material klang sehr spannend. Zum Glück dürfte das kommende Album neue Wege einschlagen, Portishead erfinden sich damit neu. Unter den bald erscheinenden Titeln herrscht eine große Vielfalt, Noise-Rock-Nummern treffen auf Akkustik-Gitarrensongs und stampfende Beats. Nach knapp zweistündiger Euphorie war das Spektakel vorbei.
Fazit
Ein mehr als perfektes Konzert, ein furioses Comeback und nach Erscheinen des neuen Albums wird auch die restliche Musikwelt begeistert sein.
Ich würde nie einem Verein beitreten, der mich als Mitglied akzeptieren würde.
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