2009-08-02 14:43:24
"Weil ich also so glücklich; Weil ich den Stadtpark schon seh."
"..., und nähern könnte der Fremde sich vielleicht von der anderen Seite, vom Eislaufverein her, wenn er in dem neuen Steinkasten logiert, dem Vienna Intercontinental Hotel, und zu weit in den Stadtpark spaziert. Aber in diesen Stadtpark, über dem für mich ein kalkweißer Pierrot mit überschnappender Stimme angetönt hat,
O alter Duft aus Märchenzeit!
kommen wir höchstens zehnmal im Jahr, weil man ja in fünf Minuten dort sein kann; und Ivan, der prinzipiell nicht zu Fuß geht, trotz meiner Bitten, Schmeicheleien, kennt ihn gar nur vom Vorüberfahren, denn der Park ist einfach zu nah, ..." (S. 15)
Der kalkweiße Pierrot, von dem Ingeborg Bachmann hier schreibt, hat einen langen Weg hinter sich. 1884 schreibt der belgische Dichter Albert Giraud einen mehr als fünfzig Gedichte umfassenden Zyklus über eine Figur aus der italienischen commedia dell'arte: Den Pierrot. Bei Giraud wird die Figur zu einer Kunstfigur. Heimgesucht von "Albträumen voller Qualen, Ängste, Schmerzen und brutaler Gewalt." (Paul Solibakke: Geformte Zeit, S. 157)
1912 macht der österreichische Komponist Arnold Schönberg daraus Dreimal sieben Gedichte aus Albert Girauds "Pierrot lunaire" für eine Sprechstimme, Klavier, Flöte, Klarinette, Geige und Violoncello. Opus No. 21. Schönberg entwickelt die atonale Zwölftonmusik, er "emanzipiert die Dissonanz": Die wertende Unterscheidung zwischen (guter) Konsonanz und (schlechter) Dissonanz ist nunmehr hinfällig, Dissonanzen gehören nicht mehr aufgelöst, sondern dazu.
Im Jahr 1971 erscheint der Roman Malina. Und mit ihm taucht der kalkweiße Pierrot mit seiner überschnappenden Stimme wieder auf.
"Hoffnungslos" sei ihre Beziehung zum "heute", schreibt die Erzählerin in Malina, "denn vernichten müßte man es sofort, was über Heute geschrieben wird, wie man die wirklichen Briefe zerreißt, zerknüllt, nicht beendet, nicht abschickt, weil sie von heute sind und in keinem Heute mehr ankommen werde." (12)
"Heute" heißt heute 2009. Auch ich gehe höchstens zehnmal im Jahr in den Stadtpark. Er ist zu nah (auch für mich sind es nur fünf Minuten, tatsächlich). Zu nah am hier und jetzt auch. Zu sehr Wien, zu sehr Stadt. Zu sehr Heute. Er ist zu banal mit all seinen Menschen, den Hunden und Kindern, dem bunten Plastik-Freizeit-Spielgerät, das die Menschen benutzen zu müssen glauben. Nur der kalkweiße Pierrot läßt mich diese Unruhe ertragen. Er taucht am Himmel auf, sobald ich, von der U-Bahn kommend, auf dem Stadtparksteg über die Wien gehend, den Park betrete. Er ist kalkweiß und seine Stimme schnappt über.
"Qu'il fait bon, fait bon
Daß ich auferstanden bin
Weil ich den Winter überlebt
Weil ich also so glücklich
Weil ich den Stadtpark schon seh
Fait bon, fait bon" (60)
Mit seiner überschnappenden Stimme übertönt der Pierrot das schrille und hektische Erzählen von beginnender oder endender Liebe, von Plänen, Einkaufslisten, Streitereien mit Eltern und Vorgesetzten, auch Kindergeschrei und Hundegebell höre ich nicht mehr.
"Malina dreht sich nun doch um, kommt zu mir, drängt mich weg und setzt sich auf den Hocker. Ich stelle mich hinter ihn, wie damals. Er spielt wirklich und spricht halb und singt halb und nur hörbar für mich:
All meinen Unmut geb ich preis; und träum ich hinaus in sel'ge Welten
O alter Duft aus Märchenzeit!" (319)
"Wir haben uns schnell verabschiedet und gehen zu Fuß nach Hause und im Dunkeln sogar durch den Stadtpark, in dem die finsteren schwarzen Riesenfalter kreisen und die Akkorde stärker zu hören sind unter dem kranken Mond, es ist wieder Wein im Park, den man mit Augen trinkt, es ist wieder die Seerose, die als Boot dient, es ist wieder das Heimweh und eine Parodie, eine Gemeinheit und eine Serenade vor dem Heimkommen." (320)
Der kalkweiße Pierrot hüllt mich ein in den alten, leicht modrigen Märchenduft. Ich bin nicht im Wien des Jahres 2009. Höchstens ein kleines bisschen. Aber genauso im Wien des Jahres 1971. Im Belgien des Jahres 1884. Und überall ist Märchenzeit. Der Park hat eine verblichen-bräunliche Farbe wie auf alten Fotos bekommen, die Konturen verschwimmen und werden nie richtig scharf. Und die Stimme des Pierrots knistert, wie auf einer alten Schallplatte. Und dann, erst dann, kann ich meinen Unmut preis geben.
Ingeborg Bachmann: Werke. Herausgegeben von Christine Koschel, Inge von Weidenbaum und Clemens Münster. Dritter Band: Todesarten: Malina und unvollendete Romane. Piper Verlag: 1993.
Karl Solibakke: Geformte Zeit. Musik als Diskurs und Struktur bei Bachmann und Bernhard. Königshausen und Neumann: 2004.
in astrid-lindgren-büchern aufgewachsen. wäre gern vor 500 jahren architekt oder vor 200 jahren seemann gewesen.geht oft in kirchen, glaubt aber nur an immanuel kant und ödön von horvàth.
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