Referate. Eine Studentin zeigt vor, wie man es bestmöglich nicht machen sollte. Obwohl…
Ein weiteres Semester ist vergangen und ich würde lieber einen zehnstündigen Grey’s Anatomy-Marathon über mich ergehen lassen, als noch ein weiteres Referat ertragen beziehungsweise halten zu müssen. Natürlich ist das gelogen. Niemand würde diese Serie zehn Stunden lang durchstehen. Selbst hart gesottene Liebhaber müssten sich nach dieser Ansammlung aller nur erdenklichen Lebenskrisen aufgrund einer akuten Bewusstwerdung der Sinnentleertheit der menschlichen Existenz (Alles ist Leid!) mindestens vier Staffeln Scrubs reinziehen, um dem entstandenen Vakuum wieder entgegen zu wirken.
Death or Referat
Schon blöd, wenn man referieren muss. Man leistet einen mündlichen Beitrag vor einer Reihe von Leuten, die einen entweder zu gebannt oder zu gelangweilt fixieren. Man muss schon ein Selbstbewusstsein überirdischer Art für sich beanspruchen, um sich hinzustellen und frei von der Leber ohne Angst- und Schweißausbruch möglichst natürlich und ungezwungen zu sprechen. Alle lieben Selbstdarsteller ausgenommen. Aber auch bei einem Überschuss an Selbstliebe kann so einiges schief gehen. Ich erinnere mich an eine Vorlesung, in der es möglich war, durch ein Referat Zusatzpunkte zu sammeln, wobei die schriftliche Prüfung dann so gut wie gegessen war. Ein blondes Mädchen, in existentialistischem Schwarz gekleidet, mit modischer Brille (schwarzer Rahmen!) machte zunächst einen recht kompetenten Eindruck. Doch dann begann sie zu sprechen. In diesem Moment wurde mir klar, dass jede bisherige Zitterperformance - bei Referaten hervorgerufen durch zu hohe Nervosität - gar nichts war. Das Verderben liegt in dieser neuen Vortragsform, ich nenne sie Self-destructive Public Speaking, was jene Referentin im Blut zu haben schien.
Referentin of Hell
Die von mir in weiterer Folge als Referentin of Hell (RfH) Bezeichnete, dachte anscheinend (irrtümlicherweise, ist anzumerken), es wäre gut bei Referaten witzig zu sein. Das ist ein Trugschluss, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Ein zurechtgelegter Witz zündet selten. Das wird Stefan Raab vielleicht auch noch einmal merken. Ich vermute RfH wollte durch die viel gerühmte, kaum erreichte Selbstironie glänzen. Ihr zweiter Fehler, denn anscheinend schien sie Selbstironie mit ihrer bösen Stiefschwester der Selbstverarschung gleich zu setzen. Was den Schwierigkeitsgrad zusätzlich noch deutlich anhob, war der Umstand, dass dies der Tag war, an dem Demonstranten durch die Hauptuni zogen und gegen die Regierung protestierten. So kam es, dass kurzfristig rund 50 Menschen im Hörsaal standen und schrien: „Solidarisieren, mitmarschieren!“. Am Rande erwähnt, niemand marschierte mit von uns. Diese Begebenheit hat RfH klug wie sie ist, gleich zum Anlass genommen, um einige, weitere schlechte Witze anzubringen. So erwähnte sie nach einem Versprecher ihrerseits, dass an ihr wohl auch die Bildung vorbeigegangen ist. Ihre Referatskolleginnen schienen dabei nicht hundertprozentig hinter ihr zu stehen. Die sichtlich gelangweilte Schwarzhaarige klickte am PC für RfH die einzelnen Power Point-Folien durch. Doch aus ihrer Apathie wurde auch sie gerissen, als RfH bei einem Punkt einer Folie hängen blieb und ihr nichts mehr dazu einfiel. Anstatt dies anständig zu überspielen, meinte RfH, sie habe ein totales Blackout und dass das wohl an ihrem Fieber liegen müsste. Und dann dachte man, das alles wäre nicht mehr zu toppen. Weit gefehlt! RfH wandte sich nämlich an ihre Kollegin mit den Worten: „Ich habe die Präsentation nicht gemacht. Du warst das doch! Sag du was dazu.“ Das Mädchen am PC traute ihren sämtlichen Sinnen offensichtlich nicht mehr und war wie gelähmt. Langsam schien RfH die Absurdität ihrer Aussage bewusst geworden zu sein, denn sie kommentierte die Geschehnisse, indem sie meinte, sie sei nicht ganz zurechnungsfähig wegen ihrer Grippe. Sie hoffe aber, es ginge noch bis zum Ende des Referates.
Tatsächlich ging es.
Gratwanderung im Fegefeuer
Die Gratwanderung Referat ist eine schwierige. Mit vielen, schmalen Wegen über tiefe Schluchten. Ein Schritt daneben und RfH ist dort, wo sie hingehört. Unzulänglichkeiten sind durchaus sympathisch, solange sie authentisch wirken. Ich denke an eine Elliott Reed aus Scrubs. Eine absichtliche 'Ich-bin-halt-zu-blöd-für-alles-Strategie' geht in den wenigsten Fällen gut. Ich denke an eine Susan Mayer aus Desperate Housewives. Müsste ich mich übrigens zwischen einem TV-Hausfrauen-Marathon und einer weiteren Self-destructive Public Speak entscheiden, ich würde wohl doch lieber die Referentin of Hell ein Stück auf ihren höllischen Pfaden begleiten.