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Oh Weihnachtsrausch

2007-04-02 00:12:40

Christa Minkin und Lena Fürnkranz stürzen sich ins weihnachtliche Einkaufsvergnügen. Ein Erlebnisbericht der grausamen Art!

Die Tage werden dunkler, die Temperaturen nähern sich dem Nullpunkt und das morgendliche Aufstehen wird immer schwieriger. So kennen wir den Herbst. Doch plötzlich wird der Weg zur Uni mit hellen Lichtern erstrahlt. Fröhliches Glockengeläute unterbricht gedankliche Hasstiraden gegen die Kälte, ein riesiges leuchtendes Etwas steht vor dem Rathauspark – war da nicht letztens ein Zirkuszelt? – und plötzlich fällt es einem wie Schuppen von den Augen:

„ Oh mein Gott, die Weihnachtszeit beginnt!“

Ein Blick auf die gratis U-Bahnzeitung unterstützt die Erkenntnis. Wir haben bereits Ende November und halb Wien befindet sich schon seit Wochen im Weihnachtsstress.

Los geht’s!

Eine Woche später beginnt die Nötigung der lieben Verwandtschaft. „Was wünschst du dir denn? Aber etwas Originelleres als Geld, das wird ja fad“. Somit kommt zum Stress auf den Straßen, zum Stress mit den Geschenken, auch noch der „ Was wünsch ich mir denn?“ - Stress.

Alle Jahre wieder kommen nicht nur das Christkind, Weihnachtskekse und der langweilige Putenrollbraten am 25. Dezember, sondern auch das anstrengende in den 14A Steigen, um zur Mariahilferstraße zu fahren. Einziges Trostpflaster ist die Tatsache, dass man an den Einkaufssamstagen nicht der Karawane auf den Gehsteigen nachschleichen muss, sondern beruhigt auf der Straße gehen kann, ohne von genervten 13A – Fahrern überrollt zu werden.

Besinnliche Weihnachten

Da ist es ja fast schon verwunderlich, dass die Laune sich nicht bessert. Aber wie soll man sich denn fühlen, wenn man sich an schreienden Kindern, herumhetzenden Menschen mit mindestens zwanzig Einkaufssackerln und in Weihnachtsmannkostümen gekleideten und Zuckerl austeilenden Studenten vorbeizwängen soll. Weihnachten ist das Fest der Besinnung. Das muss wohl stimmen. Denn jedes Jahr um diese Zeit besinne ich mich wieder einmal darauf, dass ich dem ganzen Getue am liebsten entfliehen möchte.

Was sein muss, muss sein

Trotzdem folge ich alle Jahre wieder der Tradition, kaufe brav einige Geschenke (für die ich jedes Mal einem kleinen Vermögen nachweinen muss), packe sie hübsch ein (wenigstens eine Sache, die mir Spaß macht) und verstecke sie in allen möglichen Ecken der Wohnung, damit mein ewig neugieriger Bruder, der bis vor zwei Jahren noch ans Christkind glaubte, sie nicht finden kann.

Leider kommt dieser Teil der weihnachtlichen Vorbereitungen erst am Ende. Vorher müssen besagte Geschenke nämlich erst gut überlegt, gefunden und gekauft werden. Handelt es sich dabei um seltenere Stücke, kommen gleich noch einige Probleme hinzu. Wo finde ich, was ich möchte? Gibt es so etwas überhaupt in Wien? Oder soll ich es gleich bei ebay versuchen? Irgendwann ist man von all diesen Fragen derart genervt, dass man sowieso gleich wieder auf die Mariahilferstraße fährt, um wie immer dieselben typischen Geschäfte aufzusuchen. Das hat aber auch seine Vorteile. Dort findet man nämlich immer etwas. Und streiten muss man sich auch mit keinem darum, denn alles ist in Hülle und Fülle vorhanden.

Panikattacke im schwedischen Ambiente

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man vor dem H&M stehen bleibt und weiß, da muss ich jetzt hinein. Ob es um die Socken für den kleinen Bruder geht oder um einen Schal für den Freund, meistens liegt etwas von H&M auf dem Gabentisch.

Schnell an den Greenpeace Leuten vorbei in das Geschäft und schon hat man Zeit um Puste zu holen. Denn wie immer stehen die Massen im Eingangsbereich. Da drängeln sich kleine Kinder an ihre genervten Väter, Babies im Kinderwagen schreien um die Wette und die Taschendiebe haben in der Weihnachtszeit ja sowieso Hochsaison.

Vorbei an der wartenden Kassakolonne – oh mein Gott, da muss ich mich nachher auch anstellen – geht’s in die Herrenabteilung. Die Socken werden in der gebrauchten Größe gefunden und auch der Schal sieht ganz passabel aus. Nur nicht die Gutscheine für die liebe Kusine vergessen, als ob die bei H&M einkauft, aber zum Orsay-Besuch konnte mich Mama dann doch nicht zwingen.

Direkt neben den dezenten Herrenhemden mit den noch dezenteren Krawatten hängt das Top meiner Träume. Das muss doch noch probiert werden! Schließlich möchte man ja gut aussehen am 25. Dezember bei Putenrollbraten und der lieben Verwandtschaft. Das postfestliche Geläster hallt bereits vor dem Kauf des Traumtops in den Ohren, aber immerhin könnte ich es ja zu Silvester nochmals verwerten.

„Eine Belohnung muss drin sein“,

denke ich mir und gehe zur Kassa. Eine Schlange, so lang, dass man befürchten muss wieder in Kriegszeiten zu leben. Und doch ist es nur der weihnachtssamstägliche Einkaufsrausch. Nach einer halben Stunde warten ist es soweit. Die Lade der Kassa will sich nur für mich öffnen. Wäre da nicht die freundliche Mutter von zehn Kindern, die sich unverschämt vordrängt und mich in einer fremden Sprache beschimpft.

Das ist zu viel. Ich werfe alles zu Boden, verliere auch noch meinen Lieblingsohrring und stürme Richtung Ausgang. „Den Schal und die Socken stricke ich selber. Und meine Kusine hat eh genug Kleidung. Die soll doch gefälligst was Gescheites lesen!“

Wenn das so einfach wäre…

Stattdessen strafe ich die böse Frau mit meinem gemeinsten Blick und schleiche an der Kassa vorbei, um mir einen neuen Schal und ein neues Paar Socken zu holen und gehe zur Kasse ins Untergeschoß.

Und nächstes Jahre wird Weihnachten auf Haiti verbracht und zwar schon ab Ende September! (Nur den Punsch muss mir jemand wöchentlich nachschicken.)

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AutorInnen

Lena Fürnkranz

Lena Fürnkranz

We are all in the gutter but some of us are looking at the stars. (Lord Darlington, Lady Windermere's Fan)

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