2011-09-22 10:48:54
Ich möchte meine Lebensgeschichte erzählen, aus eigener Hand und im Detail. Eigentlich hätte ich vor einem Jahr sterben sollen, aber es kam anders.
Ich war früher in München und danach
in Südafrika, wo es passierte: ich bin abgestürzt aus ca. 50 Metern
Höhe, beim Wandern. Ich wurde in Südafrika, soweit es mir erzählt
wurde, gut erstversorgt. Der Unfall war am 20. Juni 2010, exakt ein
Monat vor meinem Geburtstag. Das war genau zur Fußball Weltmeisterschaft. Ich lag
am Anfang im Koma. Mir fehlen noch immer viele Erinnerungen aus
meinem früheren Leben. Man sieht noch die Narben von den Operationen
am Rücken und am Hals. Ich wurde, soweit es mir erzählt wurde, vom
Flughafen in Kapstadt nach Klagenfurt gebracht und blieb da für ein
paar Monate. Ich habe an all das keine Erinnerung mehr. Mir fehlen
auch noch viele Erinnerungen aus meiner früheren Zeit in Südafrika.
Von Klagenfurt ging es weiter nach Hermagor in die Reha Klinik
(Gailtalklinik), wo ich jetzt noch immer bin. Zur Zeit habe ich aber Urlaub und bin daheim in Radenthein. Ich komme im Winter wieder
zurück in die Klinik, um weitere Fotschritte zu machen. Ich will zum
Beispiel gehen können, raus aus dem Rollstuhl, gut schlafen, ohne
Schlafmittel, vernünftig essen und deutlich sprechen, so dass mich
auch Leute bei der ersten Begegnung gut verstehen.
Viele Leute verstehen mich schwer, das
ist echt ein Problem. Ich mache jeden Tag Sprachübungen. Das ist zwar
anstrengend, bringt aber was. Ich habe vor kurzem mehrere Mitschnitte
mit mir von Livesendungen aus München, von AFK M49.5 bekommen. Ich
bin im Moment, in meiner Freizeit, bei einer Logopädin, um das
deutliche Sprechen zu trainieren, wir hören uns an wie ich früher
gesprochen habe. Ich versuche jetzt auch immer laut zu lesen, damit
ich meine eigene Stimme höre.
Ich habe auch eine Schluckstörung und
einen Schlauch, eine PEK-Sonde, im Bauch, über die mir Nahrung
gespritzt wird. Ich habe schon sieben Schlucktests hinter mir und darf
seit dem Semmeln essen. Beim Schlucktest wird eine Miniaturkamera
über die Nase in meine Speiseröhre eingeführt und der
Schluckvorgang gefilmt.
Ich kann jetzt noch kein Wasser
trinken, denn das ist am Schwierigsten und ich verschlucke mich
immer noch. Wasser kommt daher über die PEK Sonde. Ich musste die ersten
paar Monate die Zahnpaste einfach schlucken, weil die Angst zu groß war, dass ich mich am Wasser verschlucke.
Das Leben kommt mir vor wie eine
Neugeburt. Ich will jetzt alles wieder neu lernen: Kultiviert
essen, zu Fuss gehen gehen, spüren wann ich auf die Toilette muss,
gerade sitzen, gehen, Geduld haben und deutlich reden. So, dass mich
auch Leute bei der ersten Begegnung gut verstehen. Ich versuche jetzt
laut zu lesen, damit ich meine eigene Stimme höre. In meiner
Situation ist es am wichtigsten nicht aufzugeben, sondern immer weiter
zu machen und Ziele zu haben, egal wie lange es dauert. Es sind zwar
kleine Schritte aber immerhin in eine Richtung - vorwärts.
Beim Unfall sind auch ein paar Knochen
zertrümmert worden. Am Anfang war nicht ganz klar ob ich
Querschnittsgelähmt bin, ich bin es zum Glück nicht. Ich werde mein ganzes Leben Narben am Hals vom Luftröhrenschnitt und am Rücken,
wo mir eine Platte eingesetzt wurden, haben.
Es ist zwar komisch, aber leider
notwendig, in meinem Alter noch Windeln zu tragen. Der Unfall hat mich
viele Monate von meinem Leben gekostet, einfach ausgelöscht. Es
kommt mir vor wie eine Neugeburt, ich muss jetzt alles neu lernen wie
gehen, kultiviert essen, Geduld haben, spüren wann ich aufs Klo
muss, zu Fuss gehen und deutlich sprechen. Ich habe ja zum Glück
mein Leben wieder gewonnen.
Ich will mich bei meinen Eltern
bedanken, die keine Kosten und Mühen gescheut haben, mich so schnell
wie möglich zurück zu holen, das war nicht einfach.
Danke auch an Tina, die mir immer zur Seite
steht. Obwohl sie aus Baden-Württemberg kommt und in Kapstadt wohnte,
ist sie extra wegen mir nach Hermagor gezogen in die Nähe der Reha
und zu mir. Danke auch an viele Freunde, die mir gut geholfen haben
und mir auch jetzt noch zur Seite stehen.
Der Unfall hat mich viele Monate von
meinem Leben gekostet, einfach ausgelöscht.
"Wenn es möglich ist, ein Wort zu streichen - streiche es." George Orwell
Newsfeed von Christian Nekowitsch abonnieren