Oliver Welter von Naked Lunch beantwortet neun Fragen, eine davon guten Herzens.
In den letzten Tagen wurde viel berichtet über "die wichtigste Rockband des Landes" (Profil). Umso schöner, wenn sich die Band selbst zu Wort meldet. Oliver Welter, Sänger und Songwriter von Naked Lunch, beantwortet neun Fragen. Eine davon guten Herzens, wie er sagt - die restlichen mit charmanter Herzlichkeit.
FM5: In einer Ausgabe DER ZEIT (Nr. 49) gab es einen Artikel, in dem die These aufgestellt wurde, dass Menschen die ein Instrument spielen, besser durchs Leben kommen – Ganz allgemein gefragt, stimmt das deiner Meinung nach?
Also das scheint mir doch eine sehr kühne These zu sein. Ich denke mal, dass Musik an sich, auch ohne Instrument, einen besser Dinge meistern lassen kann.
Es ist die wahrscheinlich eindringlichste und wirksamste Form des menschlichen Ausdrucks.
FM5: In den Berichten zu eurer neuen Platte wird in Bezug auf eure Bandgeschichte immer wieder auf das Scheitern verwiesen. Habt ihr es satt, als gebrannte Kinder des österreichischen Indierocks zu gelten bzw. so dargestellt zu werden?
Unser Problem ist, dass wir bei ‚Songs for the exhausted’ diese Thematik selbst auf den Plan gebracht haben. Jetzt wird es allerdings langsam zynisch, denn wir betrachten uns alles andere als gescheitert. Wir haben uns nicht aufgelöst, nicht umgebracht, haben keine anderen Jobs/Betätigungsfelder eingeschlagen.
Wir sind immer noch da. Und wir arbeiten. Das Gegenteil von Scheitern also.
FM5: Vergleicht man euer neues Album „This atom heart of ours“ mit dem Vorgänger „Songs for the exhausted“, scheint die neue Platte aus einem zufriedeneren Zustand heraus entstanden zu sein. Wann fällt es euch leichter Lieder zu schreiben, wenn ihr glücklich seid, oder aus einer gewissen Unzufriedenheit heraus?
Da ich alle Lieder in der Band schreibe kann ich die Frage guten Herzens beantworten.
Einen gut gelaunten, nicht peinlichen Song zu schreiben, das ist sehr schwer. Da wage ich mich auch kaum ran. Es ist halt vielmehr so, dass man mit der Zeit einfach zur Kenntnis nehmen muss, dass eine bestimmte Form der ‚Grundtraurigkeit’ einfach in einem steckt und antreibt. So ist das nun mal.
FM5: Tocotronic singen „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“. Bezug nehmend auf möglichen Erfolg, denkt ihr euch da nicht auch manchmal „Scheiße, wir sind hier nicht in London“?
Damit muss man abschliessen. So schnell als möglich. Wir haben das leider erst sehr spät getan. Der weltweite grosse Erfolg wird sich bei uns nicht mehr einstellen. Vielleicht weil wir aus Klagenfurt sind. Vielleicht auch nicht. Wir werden es nie erfahren.
FM5: Ihr arbeitet ja weitgehend bis völlig autark und autonom („Fuzzroom“ in Klagenfurt, ...). Seht ihr euch gewissermaßen als Punks?
Sagen wir mal so. Der Herwig, der ist der grösstmögliche Punk überhaupt. In allen Haltungsfragen und Lebenslagen.
Und was das produktionstechnische betrifft, so stimmt der Terminus Punk wohl auch für die ganze Band.
FM5: Gesetzt den Fall, du hättest die Möglichkeit sofort etwas zu verändern mit dem du unzufrieden bist, was würdest du tun?
Es tut mit leid, aber ich möchte mich nicht mehr mit hypothetischen Möglichkeiten auseinandersetzen müssen. Nie mehr in meinem Leben.
FM5: Ich hoffe dich nervt die Frage nicht allzu sehr, aber wie ist euer Verhältnis zu Kärnten? War es schön dort aufzuwachsen bzw. hattet ihr eine schöne Kindheit?
Natürlich nervt die Frage. Sie wird immer gestellt. Kärnten ist sehr seltsam, aber nicht die Hölle. Die hohe Lebensqualität ist ein entscheidendes Kriterium für den Verbleib in diesem Jammertal.
Hier aufzuwachsen war eigentlich wunderbar, abgesehen davon, dass meine Kindheit völlig beschissen war. Aber das ist ein anderes Kapitel.
FM5: Stimmt es, dass euch Kim Gordon von Sonic Youth ein mail schrieb, indem sie euch zu „Songs for the exhausted“ gratuliert hat? Falls ja, habt ihr da noch Kontakt?
Das ist haarscharf, oder kilometerweit von der Wahrheit entfernt. Es war nicht Kim Gordon, sondern Steve Shelley von Sonic Youth, der ein Gratulationsmail geschickt hat. Das kam aber auch nicht zu uns, sondern an die Plattenfirma. Die haben uns das weiter geleitet. So war das. Und damit auch der einzige Kontakt zu Sonic Youth. Schade eigentlich.
FM5: Der Berg (Cover der aktuellen Platte und im Video zu "God") als günstige Metapher für einen harten, steinigen Weg zum Ziel?
Wenn man so will, ja. ‚Günstige Metapher’ – das gefällt mir.
Aber auch hier ein vermeintlich viel einfacherer Zugang: Wir sehen die Berge von unserem Studio aus. Wir haben beim Produzieren der Platte zig Liter Wein getrunken und einfach auf die Berge geschaut. So wurde der Berg wichtig.
FM5: D a n k e !