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Nachtzug nach Сімферополь

2009-10-03 19:20:02

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Die Strecke von Одеса (Odessa) nach Сімферополь (Simferopol) legten Philip – mein Reisegefährte – und ich mit dem Nachtzug zurück. Danach stiegen wir zu einer Rundreise auf der Krim in den Mietwagen um.

Ohne ein Wort Russisch zu sprechen, versuchen wir unsere Fahrkarten für den Nachtzug von Одеса nach Сімферополь zu kaufen. Zunächst schüttelt die Dame am Schalter nur den Kopf, doch dann schreibt sie uns auf einem Zettel alles auf: Abfahrts- und Ankunftszeiten, die Preise für die erste, zweite und dritte Klasse und die Waggonnummern. Erleichtert nehmen wir die Fahrkarten entgegen. Wir wollen die Krim erkunden, die ukrainische Halbinsel im Schwarzen Meer.

Alle wollen nur an die Schwarzmeerküste


Am nächsten Tag zu Mittag fährt unser Zug im Bahnhof von Сімферополь ein. Die größte Stadt auf der Krim, in der jedoch niemand länger als nötig bleibt. Sie ist nur das Verteilerzentrum der Halbinsel. Die Touristen, die die Nachtzüge und Flugzeuge hierher bringen, steigen sofort um in Sammeltaxis, Trolleybusse und Mietwägen Richtung Schwarzmeerküste.

Auch uns hält hier nichts. Der Reiseführer verspricht uns eine sichere Unterkunft in Бахчисарай (Bachtschyssaraj) – die gilt es vor Einbruch der Dunkelheit zu finden. Alles andere ist sekundär. Der Ort ist leicht zu finden, doch dort schicken uns die Einheimischen im Kreis. Bis sich einer spontan zu uns ins Auto setzt, um uns zur Unterkunft zu dirigieren. Die Krimtataren kehren zurück Am nächsten Tag fahren wir nach Ялта (Jalta).

Wir nehmen die alte Passstraße über das Krimgebirge und kommen an einem krimtatarischen Dorf vorbei. Die islamischen Krimtartaren wurden einst von Stalin zwangsumgesiedelt, aber in den letzten Jahren sind sie zurückgekehrt. Im Dorf steht ein Mast, an dem eine Piratenflagge im Wind flattert. Beim Aussichtspunkt verkaufen die Krimtataren heute Westen und Stiefel aus Schafsfell. Weit unter uns liegt hinter den Nebelschwaden das schwarze Meer. Bei der Fahrt nach Jalta kommen wir an einer der zahlreichen Polizeikontrollen vorbei. Wir haben Glück, es erwischt das Auto hinter uns.

Die Stadt, in der Europa aufgeteilt wurde


Im Hafen von Ялта liegt ein Kreuzfahrtschiff gleich neben der Filiale von McDonald’s. Auf der Strandpromenade wuseln die Leute ziellos durcheinander. Manche nutzen sogar den schmalen Streifen Schotterstrand zum Baden, stehen bis zum Bauch im Wasser und klatschen mit den Händen auf die Wasseroberfläche. Wir machen uns zum Liwadija-Palast auf, wo einst Churchill, Roosevelt und Stalin Pläne für das Nachkriegseuropa schmiedeten. In einem Raum hat sich eine lange Touristenschlange gebildet. Jeder will ein Foto von sich und dem originalen Konferenztisch von 1945.

Auf dem Weg zum Schwalbennest, ein kleines Märchenschloss und gleichzeitig Wahrzeichen der Krim, kann man sich mit Affen in Windeln, fauchenden Adlern und Schlangen mit zugebundenen Mäulern fotografieren lassen. Auch ein Pfau steht sehnsüchtig in einer Ecke.

Geballte Fäuste


In den nächsten Tagen besuchen wir die Höhlenstädte auf der Krim, die schon lange verlassen sind, ein Kloster im Berg, den Khan-Palast und die russische Schwarzmeerflotte im Hafen von Севастополь (Sevastopol), die geduldig vor sich hinrostet. Beeindruckend sind auch die Denkmäler, wo häufig russische Soldaten ihre mächtigen Fäuste ballen und deutsche Soldaten in die Flucht schlagen. Vor dem botanischen Garten von Нікіта (Nikita) wollen wir unsere Ansichtskarten in den Briefkasten werfen. Davon wird uns aber dringend abgeraten. Wenn wir wollen, dass die Karten jemals ankommen, sollen wir sie nur direkt bei einer Postfiliale abgeben.

Drei Hrywnja für drei Tropfen


Für die letzten beiden Nächte finden wir in Foros einen Campingplatz, auf dem einmal Duschen drei Hrywnja kostet. Viel mehr als drei Wassertropfen kommen allerdings nicht aus der Wasserleitung. Dafür gibt es ein Lagerfeuer, bei dem der Besitzer des Campingplatzes den Müll verbrennt.

Am Abend entdecken wir ein Restaurant, das eine englische Speisekarte besitzt. Es wird ein ausgiebiges Essen, bei dem wir das erste Mal seit langem nicht blind bestellen müssen. Zum Schluss besuchen wir noch eine der großen Marmorhöhlen. Danach geben wir unseren Mietwagen am Flughafen von Сімферополь zurück. Der Mitarbeiter der Firma murmelt nur "You had full insurance" und nickt uns zum Abschied zu.

Zurück am Bahnhof trinken wir unser letztes Kwas. Das traditionelle russische Getränk, das durch das Gärung von Brot entsteht – und auch so schmeckt. So warten wir auf unseren Zug zurück nach Одеса, bei dem wieder jeder Waggon seinen eigenen Schaffner hat. Als wir losfahren, halten wir die Köpfe aus dem Fenster, während ein letztes Mal die Landschaft der Krim an uns vorbeizieht.

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AutorInnen

Jakob Eder

Jakob Eder

Gern auf Reisen, am liebsten mit dem Zug. Gern im Internet, am liebsten mit meinem MacBook. Gern beim Sterneschauen, am liebsten im Lungau. Gern DIE ZEIT unterm Arm, am liebsten überall.

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