2007-04-02 00:11:14
Der dritte Tag des Donaufestivals gehört der Vergangenheit an. Ein Abend voller Überraschungen.
Die Anreise von Wien nach Krems verlief problemlos, aber keineswegs unspektakulär und ereignislos. Denn wie oft überholt man ein Auto, in dessen Rückscheibe ein Porno ausgestrahlt wird…?!

Die Co-Pilotin zeigt den Weg nach Krems.
Freakshow und Gruppentherapie
Betritt man die Räumlichkeiten des Donaufestivals wird man ab der Eingangstür von einem roten Teppich begleitet. Auf diesem bewegt sich der Besucher dann in Richtung Vorraum, wo sich während den Umbauphasen zwischen den Konzerten die Mehrzahl der Festivalbesucher aufhält. Es wird fleißig fachgesimpelt und dabei im aufgebauten Shop des Plattenladens Substance mit Herzenslust nach CDs, Schallplatten, Büchern, Zeitschriften, usw. gestöbert.
Kurz nach 21 Uhr ging es los: Den Anfang machte das Wiener Kollektiv Thalija, die bei ihren Auftritten die Angewohnheit haben, einen Kreis zu bilden, um sich von Angesicht zu Angesicht die Seele vom Leib zu schrammeln.
Folglich wirkt das sich bietende Bild wie eine Gruppentherapie, bei der jedoch Instrumente anstatt Worte als Kommunikationsmittel dienen. Und bei 11 (oder waren doch mehr?) Musikern sind es eben Unmengen an Klampfen, welche mittels Zusammenspiel zweier Schlagzeuge einen unheimlichen Druck aufbauten. Thalija, dessen Perfektion sich Sigur Ròs nennt, spielte ein überzeugendes Set, mit dem sie an diesem Abend den Sympathiepreis klar für sich entschieden.

Ich zähle 11 Bandmitglieder von Thalija. Wer bietet mehr? (c) Ruth Ehrmann
Die Gefühle, die Thalija akribisch in die kühl wirkende Halle gezaubert hatten, wurden von Zeitkratzer in Windeseile wieder zerstört und aus der Halle verbannt. Das aus rund zehn Männern bestehende Ensemble bot eine Performance, die ihrem Programm „Noise!“ mehr als gerecht wurde. Dabei wurde das Klavier von innen zerlegt, die Posaune bis zum Anschlag geblasen und aus der Geige ein Ton geholt, der einem die letzte Gerhirnwindung betäubte. Ein lärmender Haufen etwas älteren Jahrgangs, den es sich lohnt zu sehen – zumindest einmal in seinem Leben.
Zeitkratzer bei der Arbeit (c) Ruth Ehrmann
Bei den Riot-Grrrl-Ikonen Sleater Kinney wurde dann der Frauenanteil an diesem Abend aufgebessert und der Rock'n'Roll hielt in der Halle 1 Einzug. Carrie Brownstein schraubte ständig am Sound ihres Effektgerätes herum und wenn er dann passte, schrammelte sie beherzt drauf los und bewegte sich mit Ausfallschritten über die Bühne, welche ich zuletzt beim Gitarristen von The Soundtrack Of Our Lives bewundern durfte – herrlich!
Corin Tucker, deren Stimme wohl Glas zu zersprengen vermag, intonierte etwas versteift im Hohen C.
Und dann war dann noch die großartig aufspielende Janet Weiss, die den Fellen mit kräftigen Schlägen hart zusetzte.
Übrigens: Das neue Album der Rockladies „The Woods“ erscheint am 24. Mai.

Sleater Kinney (c) Ruth Ehrmann
Um 01.00 Uhr schlug die Stunde für die Liars aus New York. Auf der Bühne stand der spindeldürre Sänger und Showmaster Agnus Andrew mit dem Sonntagskostüm seiner Mutter bekleidet und verkörperte eine Pestizid verseuchte Gottesanbeterin. Mittels blitzschnellen Kittelbewegungen gab er den Takt vor und kletterte dabei in tranceartiger Manier von einer Box zur anderen. Begleitet wurde dieses verhallte Geschrei durch den von Aaron Hemphill und Julian Gross erzeugten Trommelwirbel. Der Wahnsinn hat seit gestern einen Namen – und zwar Liars.
Leider überzeugte sich von dieser Freakshow nur mehr der harte Kern.

Arrrgh! "I, I am the boy. She, she is the girl. He, he is the bear." (c) Ruth Ehrmann
Was blieb ist der Schweiß auf meiner Haut und die Lust auf mehr – mehr Donaufestival.
Mein Leben befindet sich zurzeit in Bearbeitung. Ich bitte deshalb um etwas Geduld. Danke.
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