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Musik ist etwas, das zu mir kommt

2012-05-23 21:25:48

  • Florian Horwath
  • Florian Horwath Wöss 2012

Soeben ist Florian Horwaths viertes Album „Tonight“ erschienen. Im FM5 Interview erzählt der Sänger was er von Sven Regener gelernt hat und warum er dem Charme von Wohnzimmerkonzerten erlegen ist. Mit Gewinnspiel!

Zwei Jahre nach der Veröffentlichung von Speak to me now meldet sich Florian Horwath mit einem neuem Album zurück. Grund genug für Fm5 den Sänger zum Interview zu bitten. Und so traf man sich an einem lauen Sommermorgen im malerischen Garten des Cafe Mocca um über Tonight und den Zustand der österreichischen Musikszene zu plaudern.

fm5.at: Soeben ist dein viertes Album Tonight erschienen. Welche Ziele hast du dir damit gesteckt?


Florian Horwath: Das Ziel war ganz nah an dem dran zu sein, worum es mir bei Musik geht. Es sollte eine möglichst direkte Übertragung von dem Moment der ersten Begegnung mit einem Lied, bis zum fertigen Aufnahmergebnis erreicht werden.

Was kannst du uns über den Entstehungsprozess des Albums erzählen?

Das Album entstand in Wien und Berlin, wobei der erste Schritt in Wien erfolgte und die Fertigstellung der Aufnahmen in einer Berliner Wohnung. Das Album wurde also nicht in einem professionellen Tonstudio aufgenommen. Wir wollten aber keine Homerecording Platte machen – Sven (Anmerkung: Sven Regener, der Produzent des Albums) und mir ging es mehr um die direkte Übertragung des Moments auf das Album. Der zweite Grund war ein finanzieller. Wir wollten unabhängig bleiben, denn bei Aufnahmen in großen Studios stellt sich im Endeffekt oft die Frage, wer dafür bezahlt.

Du warst bereits mit Element of Crime auf Tour, Richard Pappik hat in deiner Band gespielt – wie kam es zu dieser Beziehung mit Sven Regener?

Wir sind uns vor langer Zeit begegnet, im Kontext meines elektronischen Projekts Grom. Irgendwie hat sich das dann verdichtet, wir sind uns öfter begegnet und irgendwann waren wir dann gemeinsam auf Tour. Nun haben wir gemeinsam die Platte aufgenommen und produziert. Das war eigentlich ein stetiger Prozess, der sehr bereichernd war.

Stand im Zuge der Aufnahmen des Albums auch ein Duett mit Sven Regener im Raum?

Die theoretische Möglichkeit besteht natürlich immer, aber es ist bis jetzt nicht dazu gekommen. Die Versuchung wäre natürlich groß, aber ich finde, es passt so wie es ist. Vielleicht passiert es noch irgendwann, aber es muss nicht sein. Eine Sache, die ich von Sven auch gelernt habe, ist Versuchungen zu widerstehen und dass man für sich selbst steht. Man sollte mit den eigenen Ressourcen arbeiten.

Der Versuchung widerstehen – meinst du damit die zweifellos große Aufmerksamkeit, die ein Duett mit Sven Regener mit sich bringen würde?

Ja, genau darum geht’s – es wäre vielleicht ein tolles Promotiontool, aber bei allen Promotionaktivitäten geht es immer noch um die Platte, die so ist wie sie ist. Da stellt sich die Frage, ob so eine Aktion nicht etwas platt wäre, auch wenn sie inhaltlich und stilistisch passen würde. Etwas nur aus der Promotionperspektive zu machen finde ich erstens blöd und zweitens glaube auch nicht so stark an die Wirkung. Man kann vielleicht kurzfristig Feuer entfachen, die Frage ist aber, wie viel einem solche Dinge auf Dauer bringen.

Du hast vergangenes Jahr eine Open House Session mit They Shoot Music gedreht und spielst auch derzeit wieder Wohnzimmerkonzerte. War diese Session ausschlaggebend dafür?

Ausschlaggebend war tatsächlich die Einladung ein Wohnzimmerkonzert in dieser tollen Wohnung zu spielen. Mir hat das irrsinnigen Spaß gemacht und ich finde auch den Mitschnitt sehr gelungen. Ich finde bei der Aufnahme spürt man auch total, worum es bei diesen Wohnzimmerkonzerten geht und da habe ich mir gedacht, das ist eine Form der Darbietung und der Verbindung mit dem Publikum, die mir total nahe liegt.

Ihr habt in den vergangenen Wochen Wohnzimmerkonzerte in Deutschland gespielt. Wurdet ihr dort von Freunden oder völlig Fremden eingeladen? Welche Erfahrungen habt ihr dort gemacht?

Teilweise haben wir die Leute gekannt, teilweise waren es Fremde. Zum Beispiel haben wir im Atelier eines befreundeten Malers, Martin Eder, gespielt. Das war ein sehr schöner Rahmen, in dem wir auch das Licht und das Rundherum gemeinsam mit ihm inszeniert haben. Er ist selbst ein ausgezeichneter Gitarrist und hat uns auch auf der Gitarre begleitet. An einem anderen Abend waren wir in einer WG von Kunststudenten eingeladen, die eigens für diesen Auftritt ein Plakat gemalt hatten. Es war jedes Konzert total anders und das ist immer gut.

Du hast bereits im Vorprogramm der Cardigans gespielt und ein Duett mit Nina Persson aufgenommen – hast du noch Ambitionen den internationalen Durchbruch zu schaffen?

Der Wunsch, dass die Musik von möglichst vielen Leuten gehört wird und Konzerte viele Menschen erreichen, der ist natürlich immer da. Ich finde, das ist auch die Aufgabe von Musikschaffenden. Musik ist für mich etwas, das zu mir kommt und das ich weitertransportiere. Man wäre ja ein schlechter Transporteur, wenn man das nur drei Leuten vorspielt. Das andere sind natürlich die äußeren Umstände – das heißt: wie funktioniert der Markt, wie geht’s der Musikindustrie und wer ist bereit wofür Geld auszugeben? Kaufen Leute noch Musik oder laden sie sich illegal runter? Diese Frage der Wahrnehmung von Musik ist schon einschneidend. Also ich mache alles, was in meinen Möglichkeiten steht, dass die Musik zu den Leuten gebracht wird. Das ist natürlich mit extrem viel Energie, Arbeit und Selbstausbeutung verbunden. Da gibt es schon gewisse Grenzen. Ich mache jetzt nur noch das, was im Rahmen meiner Möglichkeiten steht und was sich gesund anfühlt. In der Vergangenheit ist es sicher oft über diesen Punkt hinausgegangen.

Du schreibst Text und Musik alleine. Vermisst du manchmal den kreativen Entstehungsprozess innerhalb einer Band?

Bei mir sind ganz selten Lieder gemeinsam entstanden. Bei dieser Platte war es jetzt anders, aber davor war es eigentlich immer so, dass es diesen Entstehungsprozess gab, der allein passierte. Dann traf man sich und den Liedern wurde dadurch, dass man sie im Bandkontext einspielte, noch etwas hinzugefügt, wobei die Struktur und das Lied an sich schon da waren. Aber ich hab‘ total Lust darauf, das auch mit anderen zu machen, weil der Prozess irrsinnig bereichernd sein kann.

Was inspiriert dich zu deinen Songs?

Das ist sehr unterschiedlich. Vor allem auf Tonight gibt es sehr explizite Texte, wo eigentlich klar ist, dass es da einen konkreten Anlass gab dafür. Aber prinzipiell gibt es ganz viele verschiedene Möglichkeiten. Meistens schwirrt das so daher, auch in Momenten, in denen man vielleicht gar nicht darauf vorbereitet ist, wie beim Autofahren oder auf einem Festival.

Du hast längere Zeit in Berlin gelebt. Ist die Stadt ein chancenreicheres Pflaster für angehende Musiker als Wien?


Ich schätze Wien und Österreich für sehr viele Sachen. Gleichzeitig ist es natürlich ein kleines Land und ich bin der Überzeugung, dass es von Vorteil ist, wenn man einmal eine gewisse Zeit lang in einem anderen Land seinen musikalischen Mittelpunkt hat. Ich persönlich habe in Berlin eine ganz große Offenheit erfahren und es haben sich viele gute Dinge ergeben, man weiß natürlich nie – vielleicht wären in Wien anderen gute Dinge passiert. Ich würde mir in Österreich wünschen, dass es insgesamt ein besseres Selbstwertgefühl für Musik gäbe, sowohl von Musikschaffenden, als auch von Leuten, die sich sonst noch damit beschäftigen. In der Popmusik habe ich das Gefühl, dass die österreichische Band im Zweifel nicht auf Festivals spielt, weil die ausländische Band doch cooler ist. In anderen Ländern, wie zum Beispiel Schweden, ist das überhaupt keine Frage. Dort geht man sogar lieber zu einheimischen Bands als zu ausländischen und ich habe den Eindruck, dass es in Österreich genau umgekehrt ist.

Vor kurzem ist der Amadeus Award verliehen worden. Wie schätzt du die Bedeutung dieses Preises ein?


Vom theoretischen Standpunkt her finde ich es absolut ok, wenn man ein Forum schafft, wo einheimische Musik prämiert wird. Die Frage ist natürlich wie messbar solche Dinge sind. In der Kunst tu‘ ich mir mit Wettkampf generell schwer. Der Amadeus schwankt dann auch immer zwischen zu klein und zu aufgeblasen, was auch wieder mit der Größe des Landes zu tun hat. Insgesamt glaube ich, dass der Preis das Spektrum österreichischer Musik nicht richtig abbildet. Ich glaube, es würde zielführendere Wege geben, Musik zu fördern und den Künstlern den Rücken zu stärken.

Bitte vervollständige die folgenden Sätze:

Mein Lieblingsort in Berlin
: Der Prisma Pavillion am Kottbusser Damm.
Meine erste CD: Ich glaube das war Yeah Yeah von Matt Bianco.
Wenn ich nicht Musiker wäre, wäre ich: Designer, wobei das „wäre“ nicht ganz stimmt, da ich auch immer wieder an Designprojekten arbeite.
Meine Österreichische Lieblingsband: Naked Lunch
Ein unbekannte Band, die man unbedingt hören sollte: Codeine (Anmerkung: Live in der Szene Wien am 30.05.!)


Wir verlosen zwei signierte Alben! Einfach eine Mail mit dem Betreff „Tonight“ und dem vollständigen Namen und der Anschrift an gewinne[ät]fm5.at schicken. Einsendeschluss ist der 8. Juni 2012. Die Gewinner werden schriftlich verständigt.

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AutorInnen

Nina Wöss

Nina Wöss

'Sie gehörte zu den Mädchen, die niemals etwas nur mögen oder gut finden, sondern schwärmen.'

K. Hagena, "Der Geschmack von Apfelkernen"

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