Lasst uns doch gemeinsam eine Nacht im hippen Mobyhotel verbringen…
Ein dramaturgisch geschulter TV-Moderator könnte den heutigen Stargast etwa wie folgt ankündigen: „Er macht schon seit weit über einem Jahrzehnt Musik, ist in der Dance- und Technoszene ebenso daheim wie beim Punkrock. Seinen großen internationalen Durchbruch hatte er mit dem Sensationsalbum „Play“, dessen Songs so manchen hippen Werbespot aufmotzten. Jetzt präsentiert er uns sein neues Werk „Hotel“. Meine Damen und Herren, begrüßen Sie mit mir Richard Melville Hall aka MOBY“.
Ein kurzes Instrumentalintro geleitet uns in die Hotellobby, wo wir mit „Raining Again“ und „Beautiful“ freudig empfangen werden. Beide Titel reißen von den ersten Pianotakten der Einstiegsnummer unausweichlich mit. Zufrieden besteigen wir den Fahrstuhl, um uns mit „Lift Me Up“ zu unserer Suite zu begeben. Rhythmisch zwar ebenfalls das Tanzbein animierend, fällt „Lift Me Up“ aber etwas gar trivial aus und erinnert bei der „oh la la la la“-Passage ein wenig an Ricky Martin.
Es fällt auf, dass die flotten Nummern großteils in der ersten Hälfte des Albums angesiedelt sind und der „Chillfaktor“ gegen Ende immer mehr ansteigt. Nach einer sexy Flüstergesang-Nummer im Hotelbett („I Like It“) schmachtet Moby eine waschechte Tränendrücker-Ballade, „Love Should“. „Slipping Away“ rüttelt noch einmal kurz wach, bevor wir uns zu den sphärischen Klängen von „Forever“ und „Homeward Angel“ in den Schlaf wiegen lassen.
Was ist neu, was alt bewährt? Nun, neu ist im Gegensatz zu den beiden letzten Alben, dass Moby keine seiner Kompositionen mehr auf alten Blues- und Soulsamples aufbaut, sondern großteils auf klassisches Pop-Songwriting (Vers/Refrain/Vers...) setzt. Die zweite Novität ist, dass der sympathische Mann mit der Glatze mittlerweile fast alle Lead Vocals selbst übernimmt bzw. partiell Sängerin Laura Dawn überlässt (z.B. bei der New Order-Coverversion „Temptation“). Unverändert und unverkennbar bleiben die Moby-typischen Synthi-Streicher-Sounds und Beats, die der Meister nebst allen anderen Instrumenten selbst einspielt. Einzig für´s nicht synthetische Schlagzeug wurde mit Drummer Scott Frassetto ein weiterer Mitmusiker engagiert.
Die hymnisch angelegten Nummern wie „Raining Again“, „Slipping Away“ oder die David Bowie-Hommage „Spider“ sind in etwa nach demselben bewährten Grundrezept gestrickt: Tanzbarer Rhythmus, Schrummelgitarre, Keyboardteppich und unwiderstehliche Refrains.
An Melodienreichtum, feinen Songs und schönen Stimmungen fehlt es dem Album also nicht. Warum „Hotel“ trotzdem nicht vollauf begeistern will, liegt in erster Linie an der braven Produktion, wodurch die Songs teilweise so glatt gebügelt wirken, wie die Werbespots, in welchen diese sich möglicherweise wieder finden werden.
Empfohlen sei auf jeden Fall das Liveerlebnis Moby, wo der Meister für gewöhnlich energetisch zwischen Keyboard, Bongos, Gesang und Stromgitarre wechselnd sein facettenreiches Schaffenswerk von Techno bis Punk präsentiert.
31.5.2005: Moby live im Wiener Gasometer (BA-CA Halle)