Wenn ein österreichischer Umweltminister als moralische Instanz den Verzicht auf Urlaubsreisen mit dem Flugzeug fordert, dann sollte davon ausgegangen werden, dass es eine Geschichte hinter dieser Geschichte gibt. Über die Chance Flugverkehr.
Wenn ein österreichischer Umweltminister als moralische Instanz den Verzicht auf Urlaubsreisen mit dem Flugzeug fordert, dann sollte davon ausgegangen werden, dass es eine Geschichte hinter dieser Geschichte gibt. Über die Chancen und die Schädlichkeit des Fliegens und das Fehlen zukunftsweisender Rezepte.
Kleine Geschichte des Fliegens Das erste erfolgreiche Motorflugzeug flog 1903 und wurde von den Gebrüdern Wright gebaut. 1909 überquerte Louis Blériot in 37 Minuten mit seinem Flugzeug Blériot XI den Ärmelkanal. Die kommerzielle Luftfahrt mit Passagierflugzeugen startete in den 1960er Jahren und bereits Anfang der 1970er Jahre trat der erste Jumbo Jet in Erscheinung, die Boeing 747. Wie so oft, war es jedoch das Militär gewesen, welches die Fortentwicklung der Flugzeuge insbesondere im 2. Weltkrieg und im anschließenden Ost-West-Rüsten rasant beschleunigte. Die Frage, ob denn der Mensch zum Fliegen geschaffen sei, beschäftigte die Menschen jedoch schon viel früher. Leonardo da Vinci entwarf zahlreiche Modelle von Flugzeugen und Helikoptern denen jedoch allen ihre Fluguntauglichkeit gemeinsam war. Bereits in der Sage um Daidalos und Ikaros sollte sich jedoch abzeichnen, dass das Fliegen mit zahlreichen Problemen verbunden sein würde.
Von der Geschichte zur Gegenwart Heute starten jeden Tag ungefähr 50.000 (Stand 2000) kommerzielle Passagierflugzeuge von Flughäfen auf der ganzen Welt. Flugzeuge tragen derzeit ca. 1,6% zum weltweiten Ausstoß an Treibhausgasen bei und fliegen dabei in einer Höhe, in der dieser Ausstoß besonders schädlich sein soll. Ist Fliegen moralisch noch vertretbar wenn wir uns frei nach Kant derart verhalten sollten, dass es für die Gesellschaft verallgemeinerbar wäre. Billigfluglinien in Europa und den USA sorgen mit der Entexklusivierung des Fliegens derzeit dafür, dass wir uns diese Frage stellen müssen und auf Kant zurückgreifen.
Was passiert, wenn sich plötzlich eine exponentiell höhere Zahl an Menschen es sich leisten kann, Flüge von Wien nach Paris, von London nach Rom, von Stockholm nach Dublin und von Berlin nach Bukarest zu buchen und diese Chance auch nutzt? Die Geschichte des Automobils zeigt uns, dass wir von dieser Chance derart stark Gebrauch nehmen, dass wir sogar endlose Blechlawinen in Kauf nehmen.
Sensibilisierung für Umweltfragen Das Wissen um die Sensibilität der Umwelt zeigt, dass nicht nur die Vielfliegerei nicht handlungsanleitend für die Gesellschaft sein kann, sondern die Problematik bei Autos, beim Heizen und beim Duschen beginnt. Die neue Chance des Reisens, des kulturellen Austauschs und des Überwindens nationaler Rassismen für eine große Summe von Menschen mit einem niedrigen Budget, die von Billigfliegern ermöglicht wird, zeigt uns die aktuelle Problematik auf und erfordert eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Thema.
Mit dem Plan der EU, für Flüge innerhalb Europas den so genannten CO2 Emissionsrechtehandel einzuführen – ein Plan der wohlgemerkt nicht nur für den Flugverkehr angedacht ist, sondern im Zuge des Kyoto-Protokolls für die Industrie bereits festgesetzt wurde und zukünftig auch in Bereiche wie Autos, Kühlschränke und Klimaanlagen vordringen könnte – würde eine Möglichkeit geschaffen (bei entsprechenden Kosten für die CO2 Emissionsrechte), den CO2 Ausstoß zu reglementieren und die Umwelt zu schützen.
Das Neokoloniale an den Emissionsrechten Damit könnte das Fliegen wieder so teuer werden, dass sich die Einsparungen die die Billigflieger vorgenommen haben, wieder aufheben würden und der Status Quo vor dem Aufkommen der Billigflieger wiederhergestellt werden würde: Fliegen nur für die, die es sich leisten können (was natürlich auch noch bei den Billigflügen der Fall ist, insbesondere bei kurzfristiger Buchung).
Das Problem: Das Konzept des Emissionsrechtehandels ist ein zutiefst Neokoloniales. Das Ziel dabei, den CO2 Ausstoß nicht mehr ansteigen zu lassen (von Senkung zu sprechen, deutet derzeit eher auf Sonntagsreden hin) bedeutet, dass es aufgrund der immanenten Logik Orte und Menschen geben muss, die einen geringen CO2 Ausstoß produzieren, von denen also CO2 Rechte gekauft werden können.
Was bekommen aber diese Menschen für den Verkauf ihrer Rechte? Jedenfalls dürfen sie nicht genug bekommen, damit sie nicht selbst auf die Idee kommen könnten, vermehrt CO2 auszustoßen, weil sonst lediglich die Preisspirale nach oben gedreht werden würde. Das Aufrechterhalten eines Abhängigkeitsverhältnisses wird äußerst attraktiv und zur Erreichung der Ziele des Emissionshandels notwendig.
Die Attraktivität des Reisens Da die Problematik nicht so leicht zu lösen ist, wird in den Medien interessanterweise neuerdings von einer Wiederentdeckung des Regionalen gesprochen. Ein Lokalpatriotismus macht sich breit. Menschen kommen zu Wort, die erklären, wie bedeutend das Wissen um die eigene Herkunft und wie unentdeckt die Schönheit um die Ecke doch ist. Dem ist auch gar nicht zu widersprechen, so lange das Wissen um die eigene Herkunft und die Schönheit der eigenen Region nicht in Konkurrenz mit der Schönheit und Wichtigkeit anderer Orte treten. Beides ist wichtig!
Besonders umweltfreundlich erscheint hier das Konzept von Second Life. Hier werden Cyberwelten geschaffen, die von zu Hause aus vor dem PC besucht werden können. Und tatsächlich findet ein großer Teil des weltweiten Austauschprozesses mittlerweile über das Internet statt. Doch auch hier darf es keine Konkurrenz geben, beides hat seine Berechtigung und ist kein Nullsummenspiel, wo das Eine (die Kommunikation über das Internet) das Andere (die Kommunikation mittels physischer Anwesenheit) ersetzen kann.
Ein lösbares Problem? Nun ist deutlich geworden, dass ein erheblicher Problemlösungsbedarf in der Frage des Fliegens liegt, der weit über diese Frage hinausgeht und zumindest sicher nicht mit dem Verzicht auf das Fliegen beantwortet werden kann. Die Einsicht, dass wir die Umwelt nicht weiter in der Weise belasten können, wie dies bisher gemacht wurde, wird noch viel mehr Fragen aufwerfen, deren befriedigende Antwort weit entfernt ist. Bis dahin (und damit wird ein Endpunkt postuliert, der, wie sich der Autor bewusst ist, nur imaginär existiert und nie erreicht wird) werden die unterschiedlichsten Akteure in den unterschiedlichsten Konstellationen nicht müde werden, ihre ureigensten Interessen durchzusetzen.