2009-06-01 22:45:39
Fm5 hat am Frequency-Festival die drei Franzosen von 1984 zum Interview getroffen: Etienne Nicolini (Gitarre, Gesang), Bruno Pelgatti (Bass) und Thomas Figenwald (Schlagzeug).
1984 machen rockigen New Wave (wie praktisch, dass sie die Achtziger und die gewünschte Orwell’sche Stimmung gleich im Namen haben) – doch wer jetzt an die minimalistischen Arrangements der Joy Division-Platten denkt, der wird sich bei der Liveshow der Band ganz schön fürchten.
Denn auf der Bühne wird die Sau rausgelassen, werden die Verstärker auf 11 gestellt und generell keine Gefangenen gemacht. Das Weekender-Zelt hat ordentlich gewackelt, als 1984 dort spielten.
Etienne: Ich werde Deutsch sprechen.
Aber verstehen deine Kollegen auch Deutsch?
E: Sie sprechen Englisch.
Bruno: Etienne wird das Interview anführen, aber du könntest die Fragen auf Englisch stellen.
E: Wenn du Französisch sprichst, könnten wir das Interview auf Französisch machen.
Ich spreche leider kein Französisch… (Lachen)
Erzählt mir mal ein bisschen von eurer Band, hier kennt euch nämlich noch niemand.
E: Wir wurden vor drei Jahren „geboren“, wir spielen sehr harte, sehr raue Rockmusik… sehr laut!
B: Ich habe mich heute am Finger verletzt, weil wir so hart spielen.
Das heißt, es wird euch nicht lange geben, weil früher oder später eure Hände abfallen. (Lachen)
E: Wir haben ein Demo mit fünf Stücken aufgenommen und bekamen prompt einen Anruf von Weekender Records, die meinten, „wir finden eure Musik toll, kommt doch nach Innsbruck und tretet in unserem Club auf!“ Nach dem Konzert trafen wir deren Boss, der uns anbot, gemeinsam eine Single zu produzieren. Das haben wir dann auch gemacht.
Wir hatten in Straßburg schon ein ganzes Album aufgenommen, „Open Jail“, von dem wir dann Weekender Records zwei Songs geschickt haben.
Und durch diese Single wurden Blood Red Shoes auf uns aufmerksam und fragten uns, ob wir sie als Vorband auf ihrer Europa-Tour begleiten möchten. Das taten wir, logischerweise.
B: Wir haben sie in Großbritannien und dann später auch in Frankreich begleitet, weil wir uns angefreundet hatten – sie sind sehr liebenswerte Leute, großartige Menschen, wir teilen den Sinn für Humor… (Lachen) deshalb spielen wir im Oktober wieder neun Shows mit ihnen, von denen die letzte im Londoner Astoria stattfinden wird, worauf wir uns sehr freuen, weil es ein sehr bekannter Club ist.
Plant ihr, eher in Großbritannien oder in Europa bekannt zu werden? Kennt man euch in Frankreich?
E: Wir sind lustigerweise völlig unbekannt in Frankreich, halbwegs bekannt in Großbritannien, und wohl am meisten in Deutschland und Österreich.
B: Wir sind nur in den Nachbarländern unseres eigenen bekannt!
Thomas: Wir haben in einem relativ angesagten Club in Paris gespielt, und die Leute dachten, wir wären Engländer. Wir mussten ihnen versichern, non, nous sommes Français!
Nach Frankreich kommt ihr dann zurück…
T: Als Helden!
Gibt es in Frankreich eine Szene für Rockmusik?
E: Naja, normalerweise denkt man bei Frankreich entweder an elektronische Musik oder Chansons.
B: Wir finden, dass die französische Sprache sich nicht gut für Rock n Roll eignet. Sie ist nicht kraftvoll genug. Es ist sehr kompliziert, einen echten Rocksong auf Französisch zu schreiben. Die Sprache ist zu… gehoben dafür. Außerdem kommt der Rock’n’Roll aus den USA und England, aus einer anderen Kultur. Nur wenige Bands schaffen es, französischen Rock zu machen, Noir Désir zum Beispiel. Aber solche Bands sind in Großbritannien und Deutschland unbekannt.
Deshalb wollen wir auf Englisch singen, weil es einfacher und internationaler ist. Aber wir spielen gerne mit den Sprachen. Zum Beispiel bei unserer Single, die Weekender in England veröffentlicht hat: „Cashe-Cashe“. Das ist ein französischer Begriff: Versteckspielen.
E: Oder „Innere Unruhe“. Ein paar unserer Songs sind auf Französisch, und wir haben vor, auch welche auf Deutsch zu schreiben.
Um ehrlich zu sein, ich glaube ja, dass sich Deutsch noch weniger für Rockmusik eignet als Französisch. Zu holprig.
B: Komisch ist auch, dass das Englisch, welches französische Bands verwenden, um Lieder zu schreiben, kein richtiges Englisch ist.
E: Wir erfinden oft Phrasen, oder verwenden Wörter, die im Englischen zu Phrasen werden, die wieder eine eigene Bedeutung haben. Aber manchmal ist das auch wieder interessant, auch wenn es nicht immer hundertprozentig richtig ist.
Unsere Band ist auch nicht völlig auf das Englische ausgerichtet – das beginnt schon beim Namen: 1984. Das ist universal verständlich, und niedergeschrieben sieht es in jeder Sprache gleich aus.
Und außer, dass es sich um eine Zahl und den Titel eines berühmten Romans handelt, hat 1984 sonst noch eine Bedeutung für euch?
B: Es ist unsere Generation. Thomas und ich sind um 1984 herum geboren. Und es gibt eine Ähnlichkeit zwischen dem Buch und der Welt, in der wir leben. Weniger im Sinne von Totalitarismus und Überwachung, sondern der Einsamkeit des Individuums, dem die Fähigkeit zu Sprechen, zu Kommunizieren, abhanden kommt.
E: Jeden Tag wird uns eingeredet, „du bist ein Individuum! Du bist etwas Besonderes! Du darfst tun und lassen, was du willst!“ Aber die Menschen sind wie gelähmt, sie wissen nicht, was sie tun sollen. Es heißt, sie sind einzigartig, aber tatsächlich sind sie alleine. Das ist die Parallele zum Buch, das Spiegelbild zu unserer heutigen Gesellschaft.
Orwell hat sich Gedanken gemacht, wie die Welt im Jahr 1984 sein wird, und wir wurden 1984 geboren.
B: Wir sollten in einer gegenteiligen Welt leben, demokratisch, mit freiem Willen… Aber es gibt nach wie vor Ähnlichkeiten zu dem Szenario Orwells.
Sprachterroristin, Musikjunkie.
Musikterroristin, Sprachjunkie.
Beschauliches
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