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Milch, Honig und "menschliche Bomben"

2007-04-12 20:25:51

  • Israel Tel Aviv
  • Israel Tel Aviv Hochhaus
  • Die Israelis Donna Rosenthal

Die israelische Journalistin Donna Rosenthal porträtiert in ihrem neuen Buch Die Israelis eine komplexe Gesellschaft, die zwischen täglicher Angst vor Krieg und Terror, Discos und Arbeitsplätzen auf Identitätssuche ist.

Bei komplexen Themen, denen nur allzu schnell vorgefertigte Vereinfachungen und populistische Ressentiments folgen, ist es ratsam, mittendrin, dort, wo es (den Medienkonsumenten, die ernsthaft glauben, bar jeder Hintergrundkenntnisse eine Diskussion führen zu können) wehtut, zu beginnen: "Obwohl israelische Männer mehr Jahre in Uniform verbringen als die Männer irgend eines anderen Landes, ist ihre Lebenserwartung die dritthöchste auf der Welt. Sie haben die denkbar unterschiedlichsten Körpergrößen und -formen – und sexuellen Orientierungen." Und weiter: "Von Armeeoffizieren bis zu EL AL-Stewards, auf breiter Front outen sich 'unorthodoxe' Israelis. So viele Tausende marschieren bei der alljährlichen Schwulenparade in Tel Aviv mit, dass die Proteste der Rabbis, Imame und Priester, die 'Blasphemie!' rufen, kaum zu vernehmen sind.“ 

Donna Rosenthal, die für die New York Times, Washington Post, Los Angeles Times und Newsweek über Nah-Ost-Themen geschrieben hat und als TV-Produzentin und Reporterin in Israel tätig war, hat sich dieser schweren Sache – der (ungeschönten) Wahrheit – mit ihrem jüngsten Buch Die Israelis (C. H. Beck Verlag) genähert. Sie fertigte unzählige spannende Porträits der verschiedensten Israelis an, die zusammen den (nur in der Theorie funktionierenden) Schmelztiegel namens israelische Gesellschaft ergeben – doch bereits beim zweiten Kapitel Eine Nation, viele Stämme wird deutlich, dass Israel ein Mosaik mit den im Buch beschriebenen vier jüdischen Vertretern (Ashkenasim, Mizrahim, Russen und Afrikaner) darstellt; abgesehen von arabischen bzw. palästinensischen Israelis, Christen, Drusen, Beduinen und anderen Kleingruppen.

Ständiger Begleiter Angst

Terror ist viel schlimmer als Krieg. Israel ist aber ein Land, das sich mit beiden unmenschlichen Phänomenen tagtäglich konfrontiert sieht. Eine Gesellschaft, die mit dem ständigen Begleiter Angst lebt, entwickelt sich natürlich anders: "Die Städte sind nachts verwaist. […] Die Menschen bleiben aus Angst zu Hause, holen sich Videos, bestellen Pizza, die Apotheken melden eine große Nachfrage nach dem Anti-Depressivum 'Seroxat'. […] Die Israelis fühlen sich an den Unabhängigkeitskrieg von 1948 erinnert, meiden Busse, Pizzerias Cafés und suchen Erleichterung in Meditations- und Yogakursen." (Thorsten Schmitz, Die Angst vor dem zerplatzenden Luftballon, in: Süddeutsche Zeitung vom 9. April 2002). Will man also über Israels Gesellschaft referieren, muss man die Tatsache der immerwährenden Angst miteinbeziehen.

Rosenthal klärt richtigerweise schon in Kapitel 1 (Eines der unsichersten Wohnviertel der Welt) auf, wenn sie über Busfahrer und Studenten schreibt, die einen Bus wählten, der durch einen Selbstmordattentäter, der gerade erst 18 Jahre alt war, in die Luft ging: "Als Israeli lebt man von einer Nachrichtenmeldung zur nächsten." Die Mutter des Terroristen meinte vor einer Kamera des arabischen TV-Senders Al-Jazeera: "Erst wenn ich weiß, dass alle Juden in Palästina tot sind, werde ich zufrieden sein." Und: "Wir lieben das Märtyrerwesen genau so, wie Israel das surreale Leben liebt, das es führt."

Die vielen Gesichter Israels

Im Vorwort von Kollidierende Welten erklärt Rosenthal ihr Buch: "Dies ist ein Buch über normale Menschen, die sich bemühen, in einer anormalen Zeit ein normales Leben zu führen. Die Israelis, die die Seiten dieses Buches bevölkern, sind weder Politiker oder Generäle oder Gäste in TV-Talkshows." So schildert sie in ihren 15 Kapiteln das Leben diverser im "gelobten Land" lebender Menschen: Von einer linken ashkenasischen Familie, die aus Polen nach Palästina eingewandert ist und in der damals britisch verwalteten Region einen Kibbuz gegründet hat; von einem in Beer Sheva lebenden Mizrahi-Fußballtrainer, der Kinder aus der ehemaligen Sowjetunion und aus Äthiopien trainiert; von der großen russischen Einwanderungswelle, die nach sich zog, dass es israelische Stadtteile gibt, die mit ihren Supermärkten und Restaurants Moskau gleichen; und von dem ärmsten Bevölkerungsteil, den in der Wüste Negev als Wandervolk lebenden Beduinen, die es mit Israels Regierung und deren Bürokratie(-verständnis) – wie umgekehrt – sehr schwer haben.

Auch wenn Israel ein Synonym für ein konfliktreiches Thema bleibt – mit diesem Buch kann man wenigstens versuchen, die dort lebenden Menschen ein bisschen kennen zu lernen.

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AutorInnen

Johannes Rausch

Johannes Rausch

"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)

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