FM5 hat zwei Medizin-StudentInnen aus Wien in ihrer spärlichen Freizeit erwischt und mit ihnen über das Studium, Zugangsbeschränkungen, ihren Lernalltag, ihre Zukunftsperspektiven und vieles mehr geplaudert. Besonders empfehlenswert für Leute, die selbst überlegen Medizin zu studieren, aber auch für andere Studierende, die einen Blick in die ultimative Studiumshölle werfen wollen.
FM5: Könnt ihr euch am Anfang kurz vorstellen. In welchem Semester seid ihr? Wieso studiert ihr Medizin und was wollt ihr später einmal machen?
Dagmar: Ich bin jetzt im vierten Semester, das heißt also schon fast im fünften. Was ich machen will, weiß ich noch nicht. Ich hab schon lange vorgehabt, Medizin zu studieren, habe dann aber etwas Anderes gemacht (Genetik, Anm. M.B.). Das hat mir aber nicht gefallen und ich habe mir gedacht, ich mache Medizin. Es interessiert mich auch sehr, aber ich weiß noch nicht, was ich dann daraus machen will.
Stefan: Ich studiere Medizin jetzt im sechsten Semester und zwar auch in Wien. Ich wollte eigentlich schon immer Medizin studieren, weil mir das gefällt, wenn Leute zu mir kommen und Hilfe wollen und diese Hilfe wichtig für ihr Leben ist. Ich glaube die Frage, was man später einmal machen will, kann man erst im dritten Abschnitt beantworten, wenn man das Klinikum macht und die Praxiserfahrung mit den Patienten erlebt. Ich kann eigentlich nur gewisse Bereiche ausschließen, und dieses Ausschlussverfahren ist ein Prozess, den ich auch bei anderen Studenten und Ärzten feststelle. Momentan kann ich schon Pathologie, Gynäkologie und Neurologie ausschließen.
FM5: Seid ihr mit dem Studium zufrieden? Würdet ihr es nochmal studieren, wenn ihr wüsstet was euch erwartet?
Stefan: Vor der SIP (große Jahresprüfung, Anm. M.B.) ist man immer unzufrieden, aber danach ändert sich die Meinung wieder. Also grundsätzlich ja.
Dagmar: Ich auch, aber man könnte schon viel ändern. Es wäre zum Beispiel gut, wenn es zwei Prüfungen im Jahr geben würde (statt momentan einer großen, Anm. M.B.).
Stefan: Das sehe ich nicht so. Jetzt hat man im Wintersemester Zeit zum Ausspannen und hat dann erst im Sommersemester den Stress. Außerdem würde man dann mehr aufs Kurzzeitgedächtnis lernen.
FM5: Das System in Graz mit mehreren kleineren Prüfungen unterm Jahr gilt als StudentInnen-freundlicher als das Wiener System mit einer großen Prüfung am Jahresende. Wieso seid ihr trotzdem nach Wien gegangen und was haltet ihr von den unterschiedlichen Systemen?
Dagmar: Ehrlich gesagt habe ich, wie ich mich für Wien entschieden habe, nicht gewusst wie es in Graz abläuft.
FM5: Würdest du jetzt, wo du die Unterschiede kennst, in Graz studieren?
Dagmar: Ja, ich glaube schon. Soweit ich den dortigen Studienplan kenne, finde ich ihn besser, weil du wie in jedem anderen Studium deine Prüfungen hast und danach mit dem Stoff abschließen kannst. Außerdem hat man dann unterm Jahr Erfolge.
Stefan: Es stimmt schon, dass der Studienplan in Graz besser ist. Aber wenn man der Typ ist, der unterm Jahr oft ein Lerntief hat, dann ist er nicht vorteilhaft. In Graz kann man leicht ins Hintertreffen geraten. Ich wollte eigentlich nach Innsbruck gehen, aber ich bin dann nach Wien gegangen, weil wir hier eine Wohnung haben.
Dagmar: Was bei uns in Wien besser ist, ist dass man den Stoff vor der Prüfung wiederholt und zweimal lernt, was in Graz nicht so ist.
FM5: Wie sieht so euer durchschnittlicher Tagesablauf aus? Wie viel lernt ihr und wie viele Stunden seid ihr auf der Uni? Was ändert sich, wenn die SIP (große Prüfung zu Jahresende) näher rückt?
Dagmar: Im Wintersemester lerne ich eher weniger. Unterm Jahr lerne ich etwa drei Stunden am Tag, aber kurz vor der SIP lerne ich dann schon 12 Stunden.
Stefan: Vor der SIP lerne ich so acht Stunden am Tag, da schwänze ich aber die Vorlesungen. Unterm Jahr lerne ich auch ca. 3-4 Stunden.
FM5: Ich habe oft den Eindruck Medizin-StudentInnen bleiben gern unter sich und unterhalten sich hauptsächlich über Themen, die das Studium betreffen? Seht ihr das auch so und warum ist das so?
Stefan: Dieser Eindruck stimmt sicher.
Dagmar: Im neuen Stundenplan ist man so oft auf der Uni, dass man seine Freunde eben auf der Uni hat und mit denen redet man übers Studium.
Stefan: Es finden sich wenig Gesprächsthemen außer Medizin, weil man den ganzen Tag ja nichts anderes tut als Medizin lernen. Andere Interessen verkümmern total und das stört mich extrem. Das Einzige was ich mir leiste ist Sport.
Dagmar: Ich mache zum Beispiel unterm Jahr keinen Sport und Wien kenne ich auch kaum.
FM5: Wie ist so die Stimmung im Studium? Steht ihr sehr unter Druck und gibt es starke Konkurrenz untereinander?
Dagmar: Eine starke Konkurrenz gibt es vor allem im ersten Jahr, weil da am stärksten aussortiert wird.
Stefan: Aber es gibt auch danach noch einen großen Konkurrenzdruck. Es wird zwar ein irrsinniger Informationsaustausch betrieben, aber nur unter gewissen Leuten. Und die Personen, die sich nicht in diese Kreise integrieren können oder wollen, ziehen oft den Kürzeren.
FM5: Seit einigen Wochen gibt es ja nun Zugangsbeschränkungen für einige Fächer. Auslöser für diese Maßnahme war sicher vor allem die Situation an der Medizin und die Angst vor deutschen "Numerus-Clausus-Flüchtlingen". Wie steht ihr zu den Zugangsbeschränkungen, sind sie nötig? Ist die Angst vor "den Deutschen" berechtigt?
Dagmar: Ich glaube, die Angst vor den Deutschen ist nicht berechtigt. Ich glaube auch nicht, dass Zugangsbeschränkungen in dem Sinn (wer sich zuerst angemeldet hat wird genommen, Anm. M.B.) nötig und sinnvoll sind, aber, dass vor der SIP aussortiert werden sollte. Zum Beispiel könnte es nach zwei Monaten eine Prüfung geben, damit die Leute, die sie nicht schaffen, ab März schon etwas anderes studieren können. Da das meiste Geld für die Praktika benötigt wird, wäre es sinnvoll in den ersten zwei Monaten keine Praktikas anzubieten.
Stefan: Das sehe ich eigentlich genauso. Das einzige Problem ist nur, dass dieser zusätzliche Test den Unis Geld kosten würde und das haben sie nicht.
FM5: Darum gibt es ja jetzt auch die Idee von der Rektorenkonferenz, dass sich die Leute diese Aufnahmetests selber zahlen müssen.
Dagmar: Eine Platzbeschränkung für das zweite Jahr finde ich aber nicht schlecht. Denn wenn man lernt, schafft man es auch, aber wenn man schon am Anfang nicht mit dem Stoff klarkommt, schafft man die sechs Jahre sowieso nicht. Im zweiten Jahr ist die Situation schon ganz anders, weil wir nicht mehr soviele Leute sind, da lernt man dann viel mehr.
FM5: Wie viele AusländerInnen gibt es jetzt ca. im Studium und wie viele in den Krankenhäusern? Seht ihr das eher als Gefahr für euer späteres Berufsleben, weil ihr schwerer einen Arbeitsplatz findet oder könnte das auch eine Chance sein?
Dagmar: Ich glaube, dass die Deutschen, die hier studieren, später großteils nach Deutschland zurückgehen und die Türken in die Türkei.
Stefan: Es gibt aber schon viele deutsche Ärzte in Österreich.
Dagmar: Durchschnittlich sind von 10 Studenten ca. 3 Ausländer, würde ich sagen, vor allem aus Deutschland und der Türkei.
Stefan: Ich habe aber den Eindruck, dass viele relativ rasch wegfallen, oft auch wegen fehlenden Deutschkenntnissen.
Dagmar: Das stimmt, im ersten Jahr fallen schon viele weg, die Deutsch nicht als Muttersprache haben.
Stefan: Das finde ich auch an den neuen standardisierten multiple-choice Tests gut, dass eben jeder die gleichen Chancen hat, auch wenn er nicht so gut deutsch spricht.
FM5: Wollt ihr selbst einmal ins Ausland gehen?
Stefan: Auf jeden Fall. Ich möchte ein Auslandsjahr machen, im Ausland famulieren und möglicherweise auch einen Teil der Facharztausbildung im Ausland machen. Dafür muss ich aber noch zusätzliche Prüfungen machen.
Dagmar: Ich überlege, ob ich in Deutschland den Turnus oder die Facharztausbildung machen soll, weil es dort mehr Plätze gibt.
FM5: Fühlt ihr euch gut aufs Arzt/Ärztinnen-Sein vorbereitet oder fehlt euch im Studium etwas? Z.B. ethische und soziale Aspekte.
Dagmar: Ethische und soziale Aspekte sind genug vorhanden. Da wurde viel neu gemacht und da wird jetzt auch viel Wert darauf gelegt. Wir haben jetzt im neuen Studienplan "Ärztliche Gesprächsführung" und "Ärztliche Grundfertigkeiten", was es im alten Studienplan noch nicht gab. Mir wurde auch im Krankenhaus gesagt, dass wir da viel besser drauf sind als früher.
Stefan: Ich glaube aber, dass man Ethik und soziale Aspekte in Vorlesungen und Praktika nur schwer vermitteln kann. So was lernt man bei Famulaturen oder man will es nie lernen.
Dagmar: Sie haben auch die Famulaturen aufgestockt, dadurch sind wir viel mehr im Krankenhaus und die Praxis wird in den höheren Semestern immer mehr.
FM5: Glaubt ihr, dass dieser Konkurrenzdruck im Studium sich auch auf den Umgang mit PatientInnen auswirkt? Martina Salomon hat zum Beispiel kürzlich in der Furche die fehlende soziale Kompetenz von ÄrztInnen auch auf die Atmosphäre während des Studiums zurückgeführt.
Stefan: Das glaube ich nicht. Das hängt doch nicht zusammen, ob man untereinander auskommt und wie man mit den Patienten umgeht. Als Gruppe - in dem Fall Mediziner - hat man untereinander immer einen Konkurrenzkampf. Aber wie man sich den Patienten gegenüber verhält, hängt von dem Menschen ab. Ob man sich als Gott in Weiß darstellt oder als Freund und Diener des Menschen sieht.
FM5: Ist es aber momentan nicht so, dass durch die großen Prüfungen mit dem enormen Lernaufwand Menschentypen bevorzugt werden, denen die sozialen Fähigkeiten fehlen, die es später aber braucht?
Stefan: Aber das war doch immer schon so. Die Leute, die in und unter Mindestzeit studiert haben, haben auch wenig soziale Kontakte gehabt.
FM5: Ihr habt ja beide schon Praktika in Krankenhäusern hinter euch. Was habt ihr dort für Erfahrungen gemacht? Wie seid ihr behandelt worden und wie habt ihr die Routine im Krankenhaus erlebt?
Dagmar: Ich bin draufgekommen, dass ich nicht ewig im Krankenhaus arbeiten will. Weil gerade auf der Chirurgie, wo ich war, das Klima unter den Ärzten nicht das beste ist. Am meisten gelernt habe ich von den Turnusärzten, die mich betreut haben, von den Schwestern und dem Oberarzt wird man oft nicht so respektiert.
Stefan: Ich fühle mich als Famulant teilweise unbeholfen, aber die Leute auf der Station haben mir bis jetzt immer ein gutes Gefühl gegeben, auch wenn ich Sachen noch nicht so gut kann. Ich habe es immer als angenehm empfunden, auch wenn es oft sehr anstrengend ist.
FM5: Jetzt eine frauenspezifische Frage: Wie fühlst du dich als Frau im Studium? Gibt es Vorurteile von Seiten der Mitstudenten oder der Professoren? Wie hast du die Situation im Krankenhaus erlebt?
Dagmar: Im Studium habe ich da noch nichts erlebt, weil über die Hälfte Frauen sind. Der Frauenanteil unter den Professoren ist allerdings gering. Es ist auch den Leuten im Krankenhaus aufgefallen, dass viele weibliche Studenten famuliert haben und da gab es schon blöde Meldungen von Männern. Vom Wissen her wurde ich aber respektiert und ich hatte auch den Eindruck, dass weibliche Ärzte im Krankenhaus respektiert und integriert waren. Von den PatientInnen wurde ich aber oft als "Frau Schwester" angesprochen, während alle Männer automatisch der "Herr Doktor" waren.
Stefan: Ich habe jetzt aber zum Beispiel kürzlich von einer Psychiaterin gehört, dass es für Frauen schwieriger ist, in gewisse Facharztausbildungen hineinzukommen.
FM5: Was würdet ihr Leuten raten, die Medizin studieren wollen? Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, auf was sollte man sich gefasst machen?
Stefan: Ausdauer und Interesse. Das Interesse muss riesig sein.
Dagmar: Das ist das wichtigste sonst kann man nicht soviel lernen!
Stefan: Ich finde das Medizinstudium ist eine Passion; Passion jetzt auch als Leidensweg gemeint. Du bist natürlich auch oft mies drauf und willst alles hinschmeißen, aber wenn du es wirklich willst, findest du immer einen Grund weiterzumachen.
Dagmar: Es gibt aber auch noch viele Studenten, von denen die Eltern Ärzte sind und die Medizin studieren, obwohl es sie nicht interessiert. Die schaffen es dann aber auch meistens nicht.
FM5: Danke für das Gespräch und viel Glück weiterhin.