2011-03-24 22:53:31
Von Vögeln, Früchten und Flüchtigen. Von Deutschen, Diversität und Dreadlocks. Von Sprache, Schafen und Schädlingen. Von Kühen, Kiwis und Kapitalismus. Von Rückkehr.
Bei den Vorbereitungen zu meiner
Neuseelandreise, die ich gemeinsam mit zwei Freunden bestreite,
erfahre ich, dass auf jeden Neuseeländer vier Schafe kommen. Meine
Gegenthese: Auf jeden Kiwi, so nennen sich die Einwohner selbst,
kommen fünf Schafe, zwei Kühe und ein totes Possum am Straßenrand.
Wer glaubt, der Name der über vier Millionen Bewohner komme von der
Frucht, liegt so falsch, wie es nur geht. Tatsächlich ist der Kiwi
nämlich der Nationalvogel – der ganze Stolz der Neuseeländer –
der nur auf den Inseln zwischen Tasmanischem und Pazifischen Ozean
vorkommt. Auch die Frucht ist nach dem eigenwilligen Tier benannt,
das nicht fliegen kann, nicht besonders hübsch ist und das ich auf
meiner Reise kein einziges Mal zu Gesicht bekomme. Ganz im Gegenteil
dazu die bereits erwähnten Schafe, Kühe und toten Possums am
Straßenrand. Letztere sind dort so etwas wie eine Plage, sie
bedrohen die heimische Flora, Fauna und Vogelwelt, auf die die
Neuseeländer so stolz sind.
Landeier statt Städter
Auf den ersten Blick wirkt das Ende der
Welt wie eine intensivere Version von Österreich mit Meer. Schöne
Berge, Wälder, Seen – viel Natur und viel Gegend eben. So viel,
dass dann sogar der Österreicher ins Staunen kommt, denn in der
vielen Gegend, die etwa drei mal so groß wie Österreich ist, leben
weniger als halb so viele Menschen. Drei Viertel davon auf der
Nordinsel, die dichter besiedelt ist als die Südinsel, aber nicht
minder schöne Umgebungen bietet. So kann es vorkommen,
dass man sich an einem Punkt befindet, an dem jede Himmelsrichtung
eine eigene Landschaft bietet. Und darin liegt definitiv die Stärke
Neuseelands, in der ländlichen Gegend. Die Städte hingegen wirken
eher öd und kleingeistig. Die Kiwis sind halt eher Landeier und
Naturburschen und keine hippen Bewohner großer Metropolen.
Jung, Europäer, auf der Flucht.
Schnell merke ich, Neuseeland ist ein
Land, das man ganz einfach alleine bereisen kann. Nirgendwo anders
auf meinen Reisen habe ich innerhalb so kurzer Zeit und ohne große
Mühe so viele verschiedene Leute kennen gelernt. Menschen, die mir
sympathisch sind, auch wenn ich mich mit den wenigsten identifizieren
kann. Rasch kristallisiert sich heraus: Die meisten Backpacker, die
durch das Land der Kiwis reisen, sind erstens junge Europäer,
zweitens recht lange dort und drittens auf der Flucht. Auf der Flucht
vor ihren Problemen, ihrer Gewöhnlichkeit oder ihrer Zukunft. Die
über zwei Meter großgewachsene Norddeutsche mit den langen
Dreadlocks sei hier, um ihre eigene Mitte zu finden und an den
zahlreichen Energiepunkten Neuseelands Kraft zu tanken. Dass das
nicht von Heute auf Morgen geht und gleich ein paar Monate dauert,
versteht sich von selbst. Und welcher Platz der Erde würde sich
dafür besser eignen, als Neuseeland, dessen Bewohner so besonders
sind. Besonders gelassen, besonders freundlich, besonders tolerant.
So tolerant, dass der 18-Jährige Schotte, der vor seiner Abreise in der Heimat mit einem halben Kilo Gras und acht Unzen Kokain erwischt
wurde, mit offenen Armen willkommen geheißen wird. Eine Finnin,
Anfang 20 wiederum erklärt, sie habe zu Hause keine gute Ausbildung
und keine Aussichten auf einen guten Job, also hat sie beschlossen
auf Reisen zu gehen und dort zu arbeiten – für zehn Jahre. Die
meisten, die ich treffe, sind mit einem sogenannten
Holiday-Working-Visa hier, das ihnen erlaubt, sich ihren Aufenthalt
durch Arbeit zu finanzieren. Andere, können sich mit woofen über
Wasser halten – man arbeitet auf Bio-Farmen für Unterkunft und
Verpflegung.
Neuseeland bietet viele Überraschungen,
doch auch hier kann man sich, wie im Rest der Welt, auf eines
verlassen, wie auf das Amen im Gebet: in jedem Hostel, in jedem Cafe,
an jeder Straßenecke findet man mindestens einen deutschen
(Rucksack-)Touristen – jedoch, das muss für alle festgehalten
werden, die bereits an Poppitz denken, sind die deutschen Backpacker
nicht mit den deutschen Pauschaltouristen zu vergleichen – es gibt
auch Sympathische. Die Frage, wie viele von den 80 Millionen
Deutschen sich tatsächlich im eigenen Land befinden, kam trotzdem
bei meinen Mitreisenden auf und bleibt seit dem im Raum stehen.
Cooles Nebeneinander
Die Diversität der Inseln ist nicht
nur Landschaftlich beachtlich. Hier leben einfache Schaffarmer neben
Adrenalinjunkies, Alternativen, die ihr eigenes kleines Bio-Gemüse
oder -Obst unweit der Stadt anpflanzen und den ersten Bewohnern
Neuseelands, den Maoris. Kein Wunder also, dass man hier so viele
Aussteiger findet, wirkt diese Gegend doch wie ein kleines Paradies.
Manchmal hat man sogar das Gefühl, man sei an einem Platz der Erde
angekommen, an dem der Kapitalismus noch keinen Einzug gehalten hat.
Den Easy-Going-Lifestyle bemerkt man bereits an der Sprache, und
damit ist nicht der witzige englische Dialekt der Neuseeländer
gemeint, der einfach alle „e“ durch „i“ ersetzt. Ob man an
der Bar ein Bier bestellt, Fallschirmspringen geht, oder im
Supermarkt seine Rechnung mit Kreditkarte begleichen will, die
Reaktion, besonders der jungen Kiwis, ist meist die gleiche: Cool.
Cool geht einfach immer. Mehrmals in einem Satz und auch gerne
hintereinander. Auch Gruß und Abschiedsformen sind, wie allgemein im
englischen überfreundlich. Statt einfach Hallo zu sagen, will gleich
jeder wissen „How are you?“ oder „What have you been up to today?“
und zur Verabschiedung gibt’s ein „See you (soon)“, ob es die
Aussicht auf ein Wiedersehen gibt oder nicht. Aber einen Sinn hat es
vielleicht: So viele Menschen haben mir prophezeit, dass wir uns bald
wieder sehen, dass ich schon selbst daran glaube, dass ich
wiederkehre und wer weiß, vielleicht mach ich's dann wie der Rest,
kaufe mir einen umgebauten Van, bereise damit monatelang alleine das
Land und suche meine Mitte. Easy.
...Ich wollte immer eine Prinzessin sein, leider war nur mehr der Part der bösen Hexe frei....
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