2009-04-03 17:00:26
Wer zum Thema "Public Value" im Speziellen und öffentlich-rechtlichem Rundfunk im Allgemeinen weiterlesen will, dem seien folgende Quellen ans Herz gelegt.
Stoff zu Public Value
Wen die Ursprünge des Public Value Konzeptes interessieren, der greift am Besten zu Mark H. Moores "Creating Public Value". Das Werk hat zwar schon einige Jahre am Buckel und bezieht sich stark auf allgemeines Public Management, aber dafür ist es angenehm und anregend zu lesen.
Der zweite wichtige Text, ist der BBC-Bericht "Bulding Public Value", der sich auf das Gebiet des öffentlich-rechtlichen Rundfunks konzentriert. Leider bietet die BBC den Bericht nicht mehr zum Download an. Wer ihn trotzdem will, schreibt ein Mail an martin.bartenberger(at)fm5.at . Noch immer zum Download gibt es das erste Ergebnis der ORF-Auseinandersetzung mit Public Value. Den aktuellen Public Value-Bericht findet man unter http://zukunft.orf.at.
Digging deeper
Um die Public Value-Theorie einordnen zu können, muss man allerdings etwas weiter ausholen. Das Wasser im Becken der (öffentlich-rechtlichen) Mediendebatte ist kalt und weit, den ersten Sprung erleichtern Einführungen und Sammelbände. Zwei 2008 erschiene Bücher bieten sich dafür an.
Der Sammelband: Funk & Fernsehen für alle - Für einen zukunftsfähigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk
Das Buch ist ein Projekt der deutschen Gewerkschaft ver.di (genauer des Fachbereiches für Medien, Kunst und Industrie). Es umfasst jedoch neben der Gewerkschaftsseite auch Beiträge von WissenschafterInnen und JournalistInnen. Der Titel ist dabei Programm: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk soll als Qualitätsgarant gegen Privatisierungsversuche verteidigt werden. Der Sammelband ist aber keine billige "Mehr-Staat" Polemik sondern eine fundierte Auseinandersetzung mit Gegenwart und Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen.
Weites Themenfeld
Der Themenbogen ist dabei weit gefasst: Medienpolitik auf nationaler (in diesem Fall auf Deutschland bezogen) wie europäischer Ebene stehen ebenso im Mittelpunkt wie die digitale Zukunft; aber auch Gleichberechtigung und die Situation der freien MitarbeiterInnen.
Diese Spezialisierung der Beiträge verhindert, dass sich alle in denselben Allgemeinplätzen verlieren und verleiht dem Sammelband Tiefgang. Bestes Beispiel dafür ist der Beitrag des Rechtprofessors Dieter Dörr über ein besonders bedeutsames Bundesverfassungsgerichts-Urteil.
Fazit: Schwerpunkt Deutschland aber empfehlenswert
Den einzigen kleinen Schwachpunkt des Buches bildet aus österreichischer Perspektive der starke Deutschlandbezug. Allerdings ermöglicht eine derartige Eingrenzung erst die detaillierte Auseinandersetzung mit den zahlreichen Facetten des Themas.
Zusammenfassend ein streibarer Sammelband, der hoffentlich beizeiten wieder aktualisiert wird (das Vorgängerbuch Die bedrohte Instanz erschien 2005 und kann unter http://www.rundfunkfreiheit.de gelesen werden).
Frank Werneke (Hg.) (2008): Funk & Fernsehen für alle, Hamburg. VSA-Verlag
270 Seiten, ~17€
Die Einführung: Kulturindustrie
Zugegeben: Der Zusammenhang zwischen der Lage des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu Beginn des 21. Jahrhunderts und der Kulturindustrie-Theorie der 1940er bis 1960er Jahre erschließt sich nicht sofort. Doch zwei Gründe sprechen dafür: Erstens sollte jeder, der heute von (öffentlich-rechtlichen) Medien spricht, über Kulturindustrie nicht schweigen. Denn die Lage, in der sich uns der Kultur- und Medienbereich heute darstellt, ist viel stärker von einer Kommerzialisierung geprägt als im Jahre 1944. Zweitens stellt sich die Frage, inwiefern auch öffentlich-rechtliche Medien Teil dieser Kulturindustrie sind.
Kulturindustrietheorie - Die Anfänge
1944 veröffentlichten zwei aus Deutschland geflohene Sozialphilosophen, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, in den USA das Buch "Dialektik der Aufklärung". Am Beispiel der USA beschrieb Adorno darin die Kommerzialisierung des Kultur- und Medienbereiches - die Theorie von der Kulturindustrie war geboren.
Eine Einführung wie sie sein soll
Der Soziologe Heinz Steinert geht dieser Theorie in seiner Einführung nach - und hat nebenbei ein perfektes Beispiel für eine Einführung geschrieben: Sympathisch, kompetent, auf das Wesentliche konzentriert und doch dabei nicht vereinfachend. Und gerade an Punkten, an denen die gehaltvolle Lektüre anstrengend zu werden droht, bringt er anregende Beispiele, die die ungebrochene Stärke der Kulturindustrie-Theorie in der Praxis demonstrieren. Etwa wenn ein Clint Eastwood Thriller in seiner vollen Ambilvalenz dargestellt wird.
Fazit: Nichts zum Überfliegen - zum Glück!
Viele Einführungen konzentrieren sich auf biografische Details der DenkerInnen. Sie sind schnell gelesen und geben einem das angenehme Gefühl, etwas gelernt zu haben. Ein Verständnis der Theorie ergibt sich daraus aber selten. Steinert zeigt mit seiner überarbeiteten Version und der erstmal 1998 erschienen Einführung wie es besser geht. Und liefert neben einem anspruchsvollen und dabei trotzdem freundlichen Einstieg auch noch umfassende Hinweise zur weiteren Lektüre.
Heinz Steinert (2008): Kulturindustrie, Münster. Verlag Westfälisches Dampfboot
205 Seiten, ~20€
Ich mag mein Studium (Politikwissenschaft), Tiere, die Wiener Außenbezirke und gutes Essen (Tiere). Mitglied des FM5-Kletterteams.
Newsfeed von Martin Bartenberger abonnieren