2009-05-09 14:48:36
An der FH Wien für Journalismus diskutierten Experten und Journalisten über Jungjournalisten und warum ihnen Kritikfähigkeit, Prinzipien und Mut fehlt.
Es fehlt heute am Schneid und Mut, Kritik zu üben: Kurier-Kolumnistin Anneliese
Rohrer sieht in einem ORF "Artgenossen"-Interview schwarz für die Zukunft
junger Journalisten. Ihre Aussagen, die Anfang Jänner
aufgezeichnet und ausgestrahlt wurden, veranlasste drei Monate später am 8. Mai einige (angehende) Jungjournalisten
der FH Wien dazu, prominente Moderatoren, Redakteure und Experten einzuladen,
um eine Podiumsdiskussion mit dem Titel "Generation Unkritisch –
Jungjournalisten ohne Mut und Prinzipien?" zu halten. Der Audi Max der FH Wien war gut besucht – trotz Sonnenschein am Freitagnachmittag, wie Moderatorin Birgit
Fenderl (ORF) zu Beginn anmerkte. Ein Zeichen dafür, dass die scharfe Kritik Anneliese
Rohrers im ORF-Interview doch nicht so ganz berechtigt war? Nein – lautet die Antwort
der Kurier Kolumnistin: "Auch wenn man offensichtlich Wut erzeugt und darüber plaudern will. Ich bleibe dabei: Die Jugend ist unkritisch."
Kein Rezept
Über das Warum? –
oder der Warum nicht? – diskutierten anschließend Medienexperte und
Journalismus-Studienganggründer Alfred Noll, Falter Redakteur und FH Wien Abgänger Stefan Apfl, FM4 Moderator Martin Blumenau, Isabella Richtar von Puls4 –
und natürlich FH Wien Lektorin Anneliese Rohrer. Die
Meinungen waren verschieden. Eine wirklich zufriedenstellende Antwort konnte
aber keiner der geladenen Gäste geben.
"Vielleicht", begann Medienexperte
Alfred Noll, "weil Kritik ein relativer Begriff ist und immer in Bezug auf das Was?
diskutiert werden muss. Also ein Mensch, der Menschenrechten kritisch
gegenübersteht – ist nicht kritisch. Sondern ein Arschloch." Laut Noll sind
alle Menschen in Österreich unkritisch – von der Billa-VerkäuferIn bis zum Journalisten.
Dabei wäre seiner Meinung nach kritischer Journalismus gar nicht so wichtig für die
Gesellschaft. Sondern gefragt ist eher "ein guter Journalismus, der die Bevölkerung anregt, kritisch
zu reflektieren".
Falsche Schule, falsches System
FM4 Moderator Martin Blumenau – der sich später in seinem Blog bei einer persönlichen Reflexion des Abends
sich die Frage stellt, ob man eher von einer "Generation hilflos" sprechen
sollte – wählte einen anderen Zugang zu der Thematik: Kritik ist nicht lernbar,
sondern muss von der Familie oder vom Freundeskreis vermittelt werden. Aus
diesem Grund werden bei einem Eilsystem – wie es an der FH Wien oder UNI mit dem Bachelor-Master System praktiziert wird – nur "APA-Copy-Paste-Journalisten
herangezüchtet". Er vermisst den Fokus auf neue Medien. Außerdem fehlt es Jungjournalisten
an Vorbildern. Positive Beispiele lassen sich in "Österreich an der Hand eines
Sägewerkarbeiters abzählen", so der Journalist.
Diese Argumentation lässt
Anneliese Rohrer jedoch nicht gelten: Vorbilder gäbe es genug. Aber die Ökonomie und
Sozialbedingungen – vor allem der Kollektivvertrag für Journalisten – zwinge junge
Menschen dazu, "sich ihren Schneid abkaufen zu lassen". In einem waren sich die
Diskutanten einig: Kritisch sein bedeutet, für den Beruf zu brennen. "Da gehört
eine Portion Leidenschaft und Begeisterung dazu – das vielen jungen Leuten heute fehlt",
so Rohrer.
Unkritische Private und Biotope
"Bei es uns in den Redaktionssitzungen geht es unkritisch zu." Das war einer der wenigen Aussagen, die Puls4 Moderatorin Isabella
Richtar zur Diskussion beitrug. Am Ende ist doch jeder froh, wenn der Beitrag erledigt ist und man
heimgehen kann, lautet ihre Erklärung für die unkritischen Journalismus. Der durchschnittliche Zuseher will ohnehin kein anspruchsvolles Fernsehen – welches aber schon nötig und wichtig wäre, räumt Richtar ein.
Stefan Apfl in der Rolle eines kritischen Jungjournalisten, machte hingegen klar, dass
er die "erwartbaren" Aussagen der "alten Generation – zu der Rohrer gehört" – übertrieben
findet; und grundsätzlich von der Diskussion wenig hält. Der Falter Redakteur
bleibt optimistisch: In Biotopen wie Nischenprodukte gibt es noch genug Platz
für junge, kritische Leute. "Im besten Fall sitzen wir Jungjournalisten in zehn
Jahren an dieser Stelle – und haben dafür gesorgt, dass die alte
Generation abgelöst wird. Im schlechtesten Fall diskutiere ich in ein paar
Jahren mit Frau Rohrer über das gleiche Thema."
"Kleinkrieg" und gemischtes Resümee
Unter dem Strich
wunderten sich Blumenau und einige Diskussionsteilnehmer aus dem Publikum,
warum plötzlich einige FH-interne Sachen besprochen wurden: Da
ging es plötzlich über den "Ethikunterricht, dem einem an der FH später zum Hals heraushängt" und darum, dass an "der FH lediglich Fertigkeiten und keine Inhalte gelehrt
werden"(Apfl); oder um den "Kleinkrieg" (Blumenau), in den sich Rohrer und der FH Wien Absolvent Apfl verhedderten.
Andere Zuhörer wünschten sich vergeblich eine Antwort auf Methoden, wie Kritik erzogen werden könnte – und wurden enttäuscht. Denn ein Rezept gegen unkritische Jugend – ob sie nun existiert oder nicht – konnte keiner der fünf Diskutanten liefern. Ins Ausland gehen, einfach Leben, Jus oder Geschichte studieren – diese Schlagwörter fielen als Lösungsvorschläge zwar mehrmals; die Zuhörer blieben aber nachher so unbefriedigt wie zuvor. "Vielleicht einfach deshalb" – meint später Zuhörer und EDV-Student Martin im FM5-Gespräch – "weil die Jugend ihre Einstellung zu Kritik nicht aus einer Diskussionen mit Leuten saugen können, die glauben es besser zu wissen; sondern einfach ihren Arsch selbst in Bewegung setzen müssen."
beschäftigte sich schon im Biologieunterricht lieber mit Aphorismen und Kurzgeschichten als mit der Photosynthese. Widmet sich nun vor allem "Fokus" und ihren Geschichtebüchern.
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Es fehlte an vielem, ...
... nicht nur an einer fundierten Diskussion über Lösungsansätze.
Zum Beispiel wurde das Problem nicht ausreichend diskutiert. Man kann nicht einfach sagen, es fehlt die Leidenschaft. Die fehlt, weil sie nicht geweckt wird. Egal wo man hinkommt, man schreibt immer nur Artikel "mit nur Inhalt, lass Meinung nur ja weg". Wie soll da Leidenschaft aufkommen. Soll der Chefredakteur seine Apa-Meldungen doch selber aufs Layout kopieren. Da braucht man nicht mal Studenten dazu. Harsch gesagt, aber Azubis werden einfach immer für blöd verkauft.
Nächstes Problem: Deswegen fehlt der Ansatz sich selbst zu pushen. Da setzt man sich lieber das Ziel, bei der Krone die Texte für die niedlichen Bilderchen zu texten. Da kann man zumindest kreativ sein. Aber PR- und APA-Meldungen kürzen schaffts nicht mal zur Matura.
Und die Unistrukturen fördern das Gefühl halt auch nicht. FH zu verschult, Uni zu wissenschaftlich. Der Mittelweg pickt am Horizont mit Wolken davor, weil aus den Augen ...
Das die Diskussion nicht verlief, wie sie sollte, dafür können die Veranstalter nichts, aber man könnte mal versuchen, diese Diskussion auf niedrigerer Ebene abzuhalten, vielleicht finden sich da die notwendigen Ideen und die Pioniere voller Tatendrang zur Verwirklichung. Ich wär auf jeden Fall dabei...
[antworten]
die diskussion rund um kritisch und unkritisch ist sinnlos, wenn man sie nur auf "ausbildung" und FH/UNI beschränkt.
du hast meiner meinung nach recht, wenn man es auf einer anderen ebene diskutieren sollte bzw. es nicht der idee an sich od. der organisation anlasten darf, wenn es - naja - ein wenig schwammig zuging;
aber du behauptest, dass leidenschaft nur aufkommen kann, wenn man meinung verbreiten kann - das finde ich nicht richtig! denn - wie noll bei der diskussion meiner meinung nach richtig gesagt hat - es geht bei kritischen jour. nicht um meinung, sondern GUTEN journalismus! wenn jeder seine meinung reinpackt und glaub, das ist dann kritisch - wo kommen wir dann hin? kronen-zeitung-innenpolitik-grausligkeiten PUR!
[antworten]
Aber...
Wie soll man denn kritisch sein, wenn man stocknüchterne Beiträge schreibt? Wie sollen junge Journalisten da überhaupt Kritikfähigkeit zeigen können? Wenn da nur Information drin steckt, dann wird es auch schwierig, Leidenschaft rüberzubringen. Es ist schon wichtig, dass "guter" Journalismus präsentiert wird, da gehört laut Medienwissenschaft Kritik und Kontrolle dazu. Diese Ebene rein faktisch zu beschreiten geht in die Hose, weil die Message zu leicht verloren geht - bei Usern und Lesern.
Und das Meinung = kritisch hab ich nie behauptet; ist oftmals leider unvermeidbar, da beide Dinge meist korrelieren.
Kann übrigens den Artikel von Martin Blumenau zur Veranstaltung nur empfehlen. Der bringt die Sache auf den Punkt und ich spar mir hier die Zeit, mich in geistigen Ergüssen zu öffnen.
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danke, martina!
der letzte, zitierte satz von edv-student martin ist sehr, sehr richtig - und wichtig!
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