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Kleine Pöbelei gegen die Eliteuni

2007-04-02 00:14:15

In Zeiten wie diesen gibt es kaum Möglichkeiten sich ruhigen Gewissens in der hohen Kunst der Schadenfreude zu üben. Unserer Generation wurde ein solch historischer Moment geschenkt: Eine Eliteuni in Gugging? Es darf gelacht werden!

Freitag morgen. Während ich mein Müsli schlürfe, werfe ich einen Blick auf die Titelseite der Tageszeitung meiner Wahl (derStandard). In diesen Tagen wird der Medienkonsum mehr und mehr zu einem masochistischen Akt, und seit 2000 ist auch auf den Innenpolitik-Seiten Schluss mit lustig. Mit meinem frühmorgendlichen Harmoniebedürfnis flüchte ich mich oft in die Chronik und den Wien-Teil, und konfrontiere mich erst gegen Mittag mit den neuesten Entwicklungen im Iran-Atomstreit. Doch an diesem denkwürdigen Morgen kann ich mich gleich an zwei Artikeln der Titelseite erfreuen. Anscheinend scheinen sich Innenministerium und die Zivildiensteinrichtungen halbwegs geeinigt zu haben, und eine Auszahlung des fehlenden Verpflegungsgeldes an ehemalige Zivildiener wie mich steht kurz bevor. Einem Urlaub in Kuba auf Kosten des Ministeriums steht somit nichts mehr im Weg; was könnte schöner sein?

Achja, die Hydra „Eliteuni“ hat einen ihrer wichtigsten Köpfe – Anton Zeilinger – verloren. Kein Wunder, wer will denn schon nach Gugging? Die schwarzen HobbymusikantInnen Gehrer und Schüssel, sowie ihr Parteifreund Erwin Pröll stehen mit ihrer Freude über diese Entscheidung peinlicherweise ziemlich alleine da. Die Industriellenvereinigung – ansonsten alles andere als ÖVP-kritisch – zeigt sich verwirrt und uneinsichtig. Sogar dem schwarzen Wirtschaftskammer-Chef Christoph Leitl ist das Lachen einmal vergangen.

Schadenfreude ist die schönste Freude

Die Schadenfreude über die schwerwiegenden Meinungsverschiedenheiten in dem nicht ganz bunten Haufen der Eliteuni-BefürworterInnen ist mehr als berechtigt. Nachdem wir in den letzten Jahren die Schattenseite der repräsentativen Demokratie – das problemlose „Drüberfahren“ über alle Gegenmeinungen und kritischen Stimmen, solange man die Mehrheit im Nationalrat besitzt – zur Genüge erlebt haben, nimmt man die wenigen Gelegenheiten zum Spott gerne in Anspruch. Immerhin besitzt das Projekt „Eliteuni“ alle wichtigen Zutaten, die es leicht machen, das Ganze abzulehnen.
Da haben wir zum einen eine alteingesessene Bildungsministerin, die die „normalen“ Universitäten von einem Tiefpunkt zum nächsten führt, und hier offensichtlich versucht, eine der spärlichen Gelegenheiten wahrzunehmen, sich im Lichte eines Prestigeprojektes zu sonnen. Nachdem es mit den „Weltklasse-Unis“ nicht so richtig geklappt hat, versuchen wir es halt anders.
Zweitens der bereits erwähnte Anton Zeilinger – ein Naturwissenschafter – dem man vielleicht keine bösen Absichten, dafür einen völlig unreflektierten Umgang mit dem Wort „Elite“ und einen falschen Anspruch an Wissenschaft und Blidung vorwerfen kann.

Elite und Leistung

Dahinter schwebt drohend die wieder aufkeimende Idee einer Elite, mit der versucht wird, die Schmach des Adels seit der Französischen Revolution zu tilgen, und eine Teilung der Gesellschaft auf neue Füße zu stellen. War es früher eine Elite, die auf Herkunft beruhte und direkt und unverfroren einfach weitervererbt wurde, beruft man sich neuerdings auf das anscheinend objektive und gerechte Kriterium der „Leistung“. Was Leistung eigentlich ist und wie sie gemessen werden kann, wird dabei bequemerweise unter den runden Tisch fallen gelassen. Dass auch ein anscheinend objektives Kriterium wie Leistung vom gesellschaftlichen Background (Bildungsgrad und Wohlstand der Eltern), sowie einer Vielzahl weiterer Faktoren (Aufreten, Aussehen, Hautfarbe, Geschlecht,...) entscheidend beeinflusst wird, sollte jedeR wissen, der schon was von Pierre Bourdieu gelesen hat.

Wen wunderts, dass diese Idee auf dem Mist einer Partei gewachsen ist, die seit der konservativen Wende nach rechts die katholisch-ländliche-konservative-bürgerliche Borniertheit wieder mit stolzgeschwellter Brust zur Schau stellt. Prototypisch stehen dafür Figuren wie der Kaumsprecher Schüssel, Willi „Moltofon“ Molterer, Andreas „Gott in die Verfassung“ Khol, Reinhard „Schlammschlacht“ Lopatka und neuerdings auch „die Mutter Teresa der Hofratswitwen“ (Zitat derStandard) Ursula Stenzel.

Nachdenkliches und Selbstkritisches zum Abschluss

Die Schadenfreude darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die aufgetretenen Probleme - einmal mehr - ihre Ursache in der hausgemachten Unfähigkeit der ProtagonistInnen und keineswegs in der parlamentarischen Oppositionsarbeit oder der zivilgesellschaftlichen Proteste (die kaum vorhanden waren) hatte. Erschreckend ist, wie breit der Konsens für eine „Eliteuni“ bereits geworden ist, und alle Parlamentsparteien zu einer Volksfront zur Stärkung der nationalen Wettbewerbsfähigkeit geeint hat. Auch die ÖH hat an genug anderen Fronten zu kämpfen und muss sich nebenbei mit den typisch innerlinken Selbstzerfleischungen auseinanderzusetzen. Die Eliteuni wird also auch diese groteske Episode nicht verhindern können, viel mehr scheint man nun aus der Not eine Tugend machen zu wollen, und unser stolzes Heimatland gleich mit zwei „Exzellenz-Instituten“ zu beehren.

Abschließend ein Zitat des bekannten kritischen Soziologen und Eliteforscher Michael Hartmann: „Ja, es ist mithilfe von Netzwerken möglich, in bestimmte Positionen zu kommen, ohne die dafür nötige Leistung zu erbringen. Das funktioniert aber vor allem in Ländern, in denen derlei Elite-Netzwerke seit langem bestehen. Die Musterbeispiele sind Frankreich mit den Grandes Ecoles, die USA mit der Ivy League oder Großbritannien mit den Board and Public Schools.“ Glücklicherweise hat Österreich seinen Nachholbedarf bereits erkannt, und in Zukunft wird Gugging (im Englischen vermutlich als „gagging“ gesprochen) in einem Atemzug mit Harvard, Yale und Princeton genannt werden.

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AutorInnen

Martin Bartenberger

Martin Bartenberger

Ich mag mein Studium (Politikwissenschaft), Tiere, die Wiener Außenbezirke und gutes Essen (Tiere). Mitglied des FM5-Kletterteams.

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