2007-04-02 00:11:22
Der österreichische Musiker Hubert Mauracher sprach mit dem Freien Magazin unter anderem über seine Oma, die außergewöhnlich viel mit seinem neuen Album zu tun hat.
Als ich den zum Interviewzimmer umfunktionierten Raum in einer Altbauwohnung im 1. Wiener Gemeindebezirk betrat, hieß mich Hubert Mauracher mit seinem sympathischen Tiroler-Akzent herzlich Willkommen. In der Hand hielt er einen selbstgebackenen Schokokuchen, zubereitete nach Großmutters Rezept. Im Hintergrund lief Musik von Hans Rehmstadt, die mich rund 60 Jahre in die Vergangenheit versetzte.
Der erste Gedanke war die Oma
Bereits den ganzen Tag hatte er in diesem Zimmer ausgeharrt und das für ihn eher müßige Frage – Antwort-Spiel mit diversen Journalisten gespielt. Das hatte aber auch seinen guten Grund: „Kissing my Grandma“, das zweite Album des gebürtigen Zillertalers, erscheint am 14. Oktober.
Zu diesem Titel kam es wie folgt: „Das Album war fertig und ich habe einfach keinen Titel dafür gefunden. Dann habe ich mich hingesetzt und mir überlegt, wer in der Zeit, in der das Album entstanden ist, den meisten Einfluss auf mich hatte. Der erste Gedanke war die Oma, die sich beinahe jeden Tag telefonisch bei mir erkundigt hat, wie es mit dem Album vorangeht, ob ich eh noch was zum Essen habe und so weiter – einfach so typische Oma-Fragen.“ Die Oma versteht natürlich so gut wie gar nichts davon, mit was ihr Lieblingsenkelsohn in Wien so seine Zeit verbringt. Aber welche Oma tut denn das schon? Eben, keine!
Nach seiner Flucht vor dem Ofenherd, an dem ihn seine Eltern eigentlich gerne sehen würden, gelang ihm mit seinem Debüt „29°“ vor zwei Jahren die Medien und die Menschen für sich zu gewinnen. Verstärkt wurde dies durch zwei aus diesem Album stammenden Songs, die für die Schokobananen-Werbung von Casali Verwendung fanden.
Hast du darauf geachtet, dass sich auf dem neuen Album wieder einen „Casali-Hit“ befindet? Mauracher: „Nein, mir war während des Produzierens schon bewusst, dass ich einige Leute verlieren werde, die mich gerade wegen meinem letzten Album unterstützt haben – unter anderem auch der Verantwortliche von Manner, Billy Riedl, der einfach ein voller Elektroniker ist.“
Das ist ein gutes Stichwort: Das neue Album ist einfach nicht mehr so elektronisch und tanzflächentauglich wie das bei „29°“ der Fall war. Vielmehr finden sich auf "Kissing my Grandma" bis ins Detail verliebte Songstrukturen. Auffällig ist der Genre-Mix auf dem neuem Album. War das aus verkaufstechnischen Gründen beabsichtigt oder ist dies durch Zufall zustande gekommen? Mauracher: "Es ist kein Album geworden, das durchgehend gleich klingt - das war mir auch sehr wichtig. Das Leben ist bunt und meine Musik ist das auch. Ich verkrampfe mich beim Musikmachen nicht und stelle auch keine mathematischen Musik-Theorien auf, nur um irgendwelchem Szenegeist zu entsprechen. Mir geht es in erster Linie um Emotionen. "
Wenn sich Mauracher einmal nicht mit Musik auseinandersetzt, schaltet der sympathische Tiroler beim Playstationspielen ab oder zieht sich auf seine Hütte ins Zillertal zurück, wo er voll und ganz die Natur genießt.
Von welcher Musik, welchen Künstlern lässt sich Mauracher denn beeinflussen? Mauracher: "Ich versuche, es bewusst zu verhindern. Aber was ich einfach genial finde, sind zum Beispiel dEUS oder die Frames – also schon eher im Songbereich."

"Kissing my Grandma“ hat Mauracher fast zur Gänze allein produziert. Dafür setzte er sich wieder selbst hinter das Schlagzeug. Bass und Gitarre hat er großteils auf dem Computer produziert. Bei einigen Songs jedoch ließ er die Bassline von einem außenstehenden Musiker einspielen, damit, wie er sagt: „mehr Dynamik entsteht“.
Die Gesangsparts der 11 Songs wurden auf verschiedene Sänger aufgeteilt. Da haben wir zum Beispiel Maya Racki, die sich vor allem für die energetischen Impulse auf dem aktuellen Werk verantwortlich zeigt. Mit ihrer kraftvollen und ausdrucksstarken Stimme gibt sie dem nach vorne orientierten Beat Rückhalt und sorgt dabei zugleich für die nötige Melodie.
Dann ist da noch Frenk Lebel alias Reinhold Siebert, der als Pendant zu Maya fungiert. Gekonnt gelingt es ihm die melancholische Stimmung, die Gefühlswelt von Mauracher stimmlich zum Ausdruck zu bringen. Vor allem der Song „Going Home“ wird erst durch die stimmliche Präsenz von Frenk zum Leben erweckt. Die Emotion wir dabei beim Schopf gepackt und mittels Streicher, die auf dem neuen Album eine zentrales Instrument darstellen, gemeinsam mit vor Sehnsucht erkrankten Melodien in das Universum getrieben. Ergänzt wird das Ganze noch durch den M`Cinoc Haddad, der sich auf Französisch, unterstützt von einem kindlichen Dreifingerklavier und zu Afterwork-Rhythmen, bei seiner kleinen Tochter entschuldigt.

Die Song-Palette auf "Kissing my Grandma" reicht von langsamen, kuscheligen Balladen bis hin zu aufreibenden, Richtung Tanzfläche schielende Upbeat-Kracher. Mauracher lässt dabei seiner Kreativität freien Lauf und verbindet die unterschmusikalischen Elemente - oder anders formuliert: Er mixt aus Kraut und Rüben ein wohlschmeckendes Süppchen, das mit Sicherheit polarisieren wird. Genau das ist auch sein Ziel: „Ich hätte genauso an diese neue Platte herantreten können, wie an die erste, und es wäre mir leicht gefallen, den vorgefassten Erwartungen der Leute gerecht zu werden. Aber mir ist es lieber, wenn mein neues Album so starke Reaktionen hervorruft, dass die Zuhörer mittendrin die Stop-Taste drücken, als dass es einfach im Hintergrund plätschern gelassen wird. Alles, bloß keine Stagnation.“
Mauracher Livedates:
28.10.'05 WUK/Wien (Album Release-Party)
29.10.'05 Posthof/Linz
19.11.'05 Rockhouse/Salzburg
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