2007-07-03 00:33:37
Ein Sturm fegte durch Graz. - Doch nur wenige haben davon Wind bekommen.
Wie ein Wirbelwind stürmt Kevin Blechdom die Bühne in der Grazer Postgarage, unentschlossen welches Instrument sie als erstes in Angriff nehmen soll hüpft sie auf der Bühne auf und ab. Die Vorschläge ihres Drummers ignoriert sie gekonnt, bis sie sich endlich ans Keyboard setzt.
First I will do an Evanescence cover.
Sagt sie, setzt einen würdevollen Blick auf, der halb von einer übergroßen Zimmerpflanze verdeckt wird und beginnt voller Inbrunst My Immortal, ein Klavierstück von Evanescence Frontfrau Amy Lee, zu singen. Kevin Blechdom, die irre Banjo-Spielerin aus Amerika, scheint plötzlich nicht mehr sie selbst zu sein, sie singt wie eine Göttin und steigert sich so sehr in dieses Lied hinein, dass einem die Gänsehaut über den Rücken läuft. Amy Lee hätte das nicht besser machen können.
Endlich darf auch der Mann am Schlagzeug ran, lässt den Laptop noch unentschlossen ein paar Beats abspielen, bis Frau Blechdom nickt und sie beide zu dem ausgewählten Beat abrocken, wie man so schön sagt. Es folgen fliegende Instrumentenwechsel, die so chaotisch wirken, dass das Publikum nicht weiß ob es lachen darf oder helfen soll.
The next song is by a band called… Evanescence.
Überraschung, Überraschung. Schon nach einem einzigen Stück von Kevin Blechdom selbst geht es mit einem weiteren Evanescence Cover weiter, diesmal aber härter und wilder. Schnell wird am Computer herumgetrickselt und die helle Stimme wird zu einer krächzend-dunklen, ohne dass Miss Blechdom sich dabei die Stimmbänder verdrehen müsste. Alles elektronisch, alles gekonnt eingefädelt. Immerhin haben wir es hier mit einer Meisterin ihres Fachs zu tun. 1978 geboren, lernt sie schon als Kind Klavier zu spielen, findet später die klassische Musikszene aber zu konservativ und entdeckt die Elektronik für sich. Zusammen mit Blevin Blectum, die sie bei ihrem Studium in Kalifornien kennenlernt hat, gründet Kristin Erickson (so Kevins richtiger Name) die Band bLectum from bLechdom. Die halbe Welt wird von den beiden bespielt, Preise bei Elektro-Musikfestivals werden eingeheimst und einige EP’s und Alben veröffentlicht. 2001 bringt sie ihre erste Solo EP heraus, zu der sie ebenfalls – wie bei allen bLectum from bLechdom releases - das Artwork selbst entwirft.
This song is dedicated to Evanescence.
"I wanna make a life with you", singt uns Kevin Blechdom am Boden der Postgarage knieend ins Ohr. Uns – das sind 20 bis 25 Leute. Eine erschreckende Bilanz, gerade bei Kevin Blechdom, die so selten wie kaum jemand anderer live zu sehen ist, bei der aber jeder dieser Auftritte zum Kult wird. Und erschreckend vor allem auch deshalb, da das Konzert im Rahmen von Sonntags Abstrakt sogar ein Gratis-Konzert war. „My name is Kevin Blechdom and you broke my heart..." und man glaubt es ihr sogar.
Weshalb ihre Auftritte so schnell zu Kult werden ist leicht erklärt. Kevin Blechdom ist eine Vollblut-Performerin, sie lebt von der Spontanität, die sie auf der Bühne ausleben kann. Wie man von früheren Konzertgästen erfahren hat, reibt sich die Dame beispielsweise gerne mit Eingeweiden ein. Für Graz hat sie sich was ganz besonderes einfallen lassen: Sie will, so trällert sie ins Publikum, die erste Abtreibung mit einem Mikrophon durchführen. Schwups, da ist es auch schon unter ihrem Kleidchen verschwunden. Ihr Lächeln formt sich zu einem schmerzhaften Grinsen und der Grazer Konzertbesucher kann nur erahnen, was sich unter dem Rock gerade abspielt.
We are not Evanescence!
Zum Abschluss eines Abends voller Action, Spaß und Evanescence-Songs setzt Frau Blechdom noch eins drauf, stellt ihr Mikrophon auf männlich um und singt Amerika von Rammstein. Spätestens jetzt sind alle überzeugt, dass es gut war herzukommen. Selbst schuld wer nicht gekommen ist.
„Make the Whitney Houston Cover!“, wünscht sich ein junger Mann im Publikum, doch mit einem leisen “That’s so 2005...“ winkt Kevin Blechdom ab, spielt noch drei, vier Zugaben und geht dann einigermaßen erschöpft mit einem verdienten Bier in der Hand von der Bühne.
Bis zum nächsten Mal! For sure.
...und ich wär' hier so gerne zu hause,
denn die Erde ist mein Lieblingsplanet.
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