2007-11-02 14:15:27
In ihrem neuen Roman "Die österreichische Oberfläche" setzt sich Andrea Maria Dusl mit einem Land auseinander, dessen Existenz äußert fragwürdig erscheint.
Österreich ist ein Konstrukt unserer Gedanken, eine Nation, die nicht einmal richtig auf der Landkarte existiert. Dies wird von der Autorin mit Hilfe eines graphischen Programms nachgewiesen. Das Land, in dem die Psychoanalyse entwickelt wurde, scheint selbst keinen tiefgehenden Hintergrund zu haben. Als "Fettauge in der europäischen Rindssuppe" bezeichnet Dusl unseren viel gerühmtem Staat, der außerdem der "Punschkrapfen unter den Nationen" sein soll.
Fragen Sie Frau Andrea
Die 1961 in Wien geborene österreichisch-schwedische Filmregisseurin, Zeichnerin und Autorin ist unter anderem durch ihre Falter-Kolumne als Frau Andrea bekannt. Andrea Maria Dusls erster Spielfilm Blue Moon wurde mit mehreren nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Die Spielfilmprojekte Dining Car, Crazy Day und Channel 8 befinden sich gerade in Vorbereitung.
Österreich, immer wieder Österreich
"Österreich ist das Land zwischen Bodensee und Langer Lacke, zwischen Böhmerwald und den Karawanken, ist eine gut gemeinte Erfindung. Schon sein Name ist eine Mystifikation. Österreich, das Reich im Osten, das Österreich, existiert es überhaupt?"
Mit diesen Worten beginnt Dusls Roman. Gegliedert in sechs Kapiteln wagt die Autorin den Versuch einer Dekonstruktion des Staates Österreich. Von der „österreichischen Begegnung“ zur „österreichischen Oberfläche“, über „das österreichische Herkommen“ bis zur „österreichischen Leere“ werden diverse Klischees und Anekdoten hinterfragt und aufgeklärt.
Der etymologische Ursprung des Wortes stammt nicht von der Himmelsrichtung Osten ab. Österreich ist nicht das Reich im Osten, schließlich liegt es auch nur aus deutscher Sicht im Osten. Unsere slawischen Nachbarn meinten mit dem ehemaligen Wort Ostarrîchi den Ostarik. Dieser Berg ist auch unter dem Namen Ostrik oder Spitzberg bekannt.
Unheimliche Begegnungen
Im Laufe ihres Lebens machte Andrea Maria Dusl viele Bekanntschaften mit berühmten Österreichern/Spitzbergenern. Beim Life Ball wählte die Autorin das Kleid einer Beduinenfrau und traf auf Viktor Klima. Dieser erkannte Dusl unter ihrem Schleier wohl nicht. Er nahm der Beduinenfrau, die gerade ein Foto von ihm machen wollte, den Apparat aus der Hand, gab ihn zwei Japanern, umarmte Dusl und meinte: „Des loss ma si von die Profi machen."
Kasperl und Pezi sind Dusl vor allem am Bildschirm begegnet. Natürlich ist die Beziehung zwischen den beiden fragwürdig: Ein älterer Hanswurst, der sich mit seinem kleinen Freund herumtreibt. Vor allem der junge Bär bereitet der Autorin Sorgen: Bären sind in unseren Breitengraden nicht sehr heimisch. Ob die Familie Petz rund um Pezi ein Beispiel für die Zuwanderungsproblematik sein soll?
Hier bietet die Autorin eine Lösung:
Pezi ist ein Spross einer deutschtümelnden, die eigenen slowenischen Wurzeln verleugnenden Kärntner Proletarierfamilie aus dem Bärental. Mangels Ausbildung und von der eigenen Geschichte abgeschnitten, verdingen sich deren Mitglieder beim Zirkus als Hilfsarbeiter.
Fazit
Dusl recycelt alte Texte aus ihrer Kolumne Fragen Sie Frau Andrea und andere eigene Artikel und setzt diese zu einem interessanten Buch zusammen. Neben ausreichender Recherche zeichnet sich der Roman auch durch lebensgeschichtliche Details der Autorin aus. Besonders die eigene Wohnung hat einen hohen und amüsanten Stellenwert.
Die österreichische Oberfläche gibt einen vergnüglichen Überblick über die Geschichte und Gegenwart des Staates Österreich. Wer hätte gedacht, dass Figl den Staatsvertrag mit seinem eigenen Ring versiegelte oder dass die Schöne blaue Donau eigentlich der schöne blaue Inn ist?
Trotz Dusls flottem Schreibstil ist das Buch stellenweise ein bisschen langatmig. Eine konkrete Antwort auf die Frage, ob Österreich nun wirklich nur in unseren Köpfen existiert, wird auch nicht gegeben. Aber die kann sich der Leser nach Lektüre des Buches auch selbst überlegen.
Das Buch Die österreichische Oberfläche ist im Residenz Verlag erschienen.
We are all in the gutter but some of us are looking at the stars. (Lord Darlington, Lady Windermere's Fan)
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