2008-02-27 00:11:29
Stefan Horvath beschreibt aus verschiedenen Perspektiven das Bombenattentat vom 4.Februar 1995 in Oberwart/Burgenland, wo auch sein eigener Sohn ums Leben kam. Vor Kurzem trug er seine Erzählung in vertonter Form im Rathaus von Oberwart vor.
13 Jahre ist es nun her, seit der Bombenattentäter Franz
Fuchs die österreichische Öffentlichkeit in Atem hielt. So lange schon - und
doch kommt es einem vor, als wäre es gestern gewesen. Sogar mir, obwohl
ich damals sieben Jahre alt gewesen bin. Meine Eltern hatten mich ein paar
Jahre zuvor mit der besonders wichtigen Aufgabe, täglich die Post vom
Postkasten herein ins Haus zu holen, betreut.
Das war für mich als kleiner Wicht eine riesen Aufgabe. Und
so bin ich täglich nach der Schule oder in den Ferien gleich nach dem Aufstehen
zum Postkasten gelaufen und ging meiner Pflicht nach. Eines Tages jedoch wurde
ich viel zu plötzlich von dieser Pflicht enthoben. Meine Eltern waren wieder
die, die zum Postkasten gingen und jedes etwas größere Paket von nun an mit
äußerster Vorsicht behandelten.
In Österreich ging die Angst um. Jeden Tag hörte man in den
Nachrichten von neuen Anschlägen, die meistens per Briefbombe durchgeführt
wurden. Und obwohl ich mich damals meiner Aufgabe und Würde entrissen fühlte, bin
ich meinen Eltern heute dankbar für ihre Sorge. Ich kann mir vorstellen, dass
die meisten Menschen in unserem Land damals Angst hatten, durch etwas so
gewöhnliches wie einen Brief ihr Leben zu verlieren. So war es sicher auch in
Oberwart/Burgenland, wo Franz Fuchs am 4.Februar 1995 keine Briefbombe, sondern
eine Sprengfalle detonierte, die vier junge Männer aus der Oberwarter
Roma-Siedlung das Leben kostete.
„Roma zurück nach Indien“ war auf einer Tafel, die auf der
Bombe befestigt war, zu lesen. Stefan Horvath, der Vater eines der Verstorbenen
und gleichzeitig Sohn zweier Überlebender des Holocausts, versucht seither
seine Gefühle durch Schreiben auszudrücken. Mit Katzenstreu hat er sein
zweites Buch veröffentlicht, in dem er sich aus verschiedensten Blickwinkeln
dem Attentat in Oberwart annähert. Auch die Sicht des Attentäters selbst scheut
er nicht und schafft es so erstmals, auch in Franz Fuchs’ Psyche einzudringen.
Zusammen mit dem Musiker und Komponisten Willi Spuller
gestaltete Stefan Horvath im Rathaus in Oberwart an drei Terminen im Februar
eine vertonte Lesung, deren Ziel es war, eine Synthese zwischen Text und Musik
zu bilden, was großartig funktionierte. Man wurde nicht nur zum Nachdenken,
sondern auch zum Erinnern angeregt, was wohl das wichtigste an der Lesung war.
Unglaublich berührend und - trotz großer Metaphorik – auf sehr realistische
Weise beschreibt Stefan Horvath, wie er die damaligen Ereignisse erlebt hat,
wie er seitdem mit seinem Schicksal zu kämpfen hat und sich dennoch immer
wieder dafür entscheidet.
Am Schluss der Lesung, wo einem als Zuhörer nichts anderes
als Hass für Franz Fuchs geblieben ist, richtete Horvath das Wort an sein
Publikum und erklärte, dass er dem Attentäter längst vergeben habe. Es wäre
nicht sein Ziel, ein hasserfülltes Leben zu führen. Berührend und aufrüttelnd
zugleich ist Katzenstreu ein sehr zu empfehlendes Buch, das man unbedingt
gelesen haben sollte, um sich zu erinnern.
...und ich wär' hier so gerne zu hause,
denn die Erde ist mein Lieblingsplanet.
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