2008-06-17 18:37:10
Die Sprache der deutschsprachigen Wissenschaft sei unnötig kompliziert, meinte Marian Berginz im DATUM 04/08. Und übersieht das Wesentliche.
Der Vorwurf kommt immer wieder. Meistens wird er von Seiten des Journalismus gegen die Wissenschaft vorgebracht, aber nicht immer. Einer "raunenden, esoterischen, labyrinthischen Sprache" bediene sich beispielsweise die Politikwissenschaft meinte Franz Walter, selbst Politologe, einst in einem Spiegel-Artikel.
In eine ähnliche Kerbe schlägt der Soziologe Marian Berginz in seinem Artikel „Kommunikationsschwierigkeiten“ in der Monatszeitschrift DATUM vom April 2008 (siehe Link). Während im englischsprachigen Raum auch in der Wissenschaft auf eine verständliche Sprache wert gelegt werde, gebe es besonders im deutschsprachigen Raum eine unsägliche Tradition zur Schwerverständlichkeit.
Wissenschaft ist zu elitär
Zunächst mag man dem zustimmen. Dass Wissenschaft ihre Anerkennung in der Gesellschaft durch eine gewisse Eliten-Attitüde pflegt und und sich auch durch unnötig komplizierte Sprache abzugrenzen versucht - geschenkt. Ebenso, dass man als jungeR WissenschaftlerIn diese Praktiken sehr schnell und ungefragt übernimmt, übernehmen muss um im Wissenschaftsbetrieb eine Chance zu haben. Und natürlich soll Wissenschaft in die Breite gehen, Wirkung entfalten und allen zugute kommen. In diesen Fragen bin ich ganz auf der Seite von Berginz, und vertrete den Anspruch der Verständlichkeit auch oft genug gegen StudienkollegInnen. Wieso also eine Erwiderung?
Drei Einsprüche
In drei Punkten passen mir die Ausführungen von Berginz allerdings ganz und gar nicht. Beginnen wir - didaktisch geschickt? - mit dem unbedeutendsten Einwand und steigern uns zum Kernvorwurf.
1. Der deutsche Sonderweg?
Zuallererst scheint mir die von Berginz vorgenommene Gegenüberstellung von anglo-amerikanischen mit der deutschsprachigen Tradition verkürzt. Zumindest kenne ich einige französische Denker die den deutschsprachigen in Sachen Sprache um nichts nachstehen. Einen davon möchte ich in seiner brillanten Verteidigung seiner ebenfalls oft als schwer verschrienen Sprache gleich zu Wort kommen zu lassen, den französischen Soziologen Pierre Bourdieu:
"Der Stil nun, der Gefahr läuft, durch seine langen verwickelten Sätze selbst den gutmütigsten Leser zu verprellen, tatsächlich doch in seinem Aufbau die komplexe Struktur der sozialen Welt wiederzugeben sucht, und dies mittels einer Sprache, die Disparatestes zu einer – in sich zugleich durch eine rigorose Perspektive hierarchisierten – Einheit fügt, verdankt sich dem Willen, die traditionellen Formen des Ausdrucks aus Literatur, Philsophie und Wissenschaft so weit wie möglich auszuschöpfen, um auf diese Weise Dinge zu Wort kommen zu lassen, die bislang daraus de facto oder de jure verbannt waren, sondern auch jedes Abgleiten der Lektüre in die Vereinfachungen des weltläufigen Essayismus oder der politischen Polemik zu hintertreiben" (Die feinen Unterschiede, S.14). Verstanden?
2. Die Zeugen der Anklage
Mit Berginz steigen zwei Männer in den Ring, beide der "guten" deutschen Sprache verpflichtet. Zuerst Wolf Schneider, Journalist und Buchautor sowie Oberaufseher des "guten Deutschs". Ein Mann für den Deutsch! (so der Titel eines seiner Bücher) als Programm vielleicht mehr als nur Sprachsäuberung ist. So bekam der deutsche Aufdecker-Journalist Günter Wallraff neben anderen folgende Aussage Schneiders zugespielt, die dieser angeblich in einem JournalistInnenkurs zum Besten gab: "Die Neger sind nun mal nicht so intelligent wie die Weißen, weil sie nur auf Körperkraft hin gezüchtet worden sind."
Karl Popper ist demgegenüber unverdächtig. Wenn Berginz den aus Österreich stammenden Philosophen in Stellung bringt wird klar, in welche Richtung seine Kritik zielt: es geht gegen die Kritik selbst.
3. Kritische Theorie
In Gestalt der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Jürgen Habermas sind die Negativbeispiele für unverständliche Sprache im Text von Berginz.
Naiv, als hätte es den Positivismusstreit nie gegeben, darf Popper im Sinne Schneiders nun Sätze von Adorno und Habermas in "besseres, einfaches" Deutsch umformulieren. Die kritischen Denker sollen als aufgeblasene Angeber entlarvt werden, die sich hinter unnötiger Schwerverständlichkeit verstecken. Und das sieht so aus: "Adorno schreibt: 'Die gesellschaftliche Totalität führt kein Eigenleben oberhalb des von ihr Zusammengefassten, aus dem sie selbst besteht.' Und was macht Popper daraus? 'Die Gesellschaft besteht aus den gesellschaftlichen Beziehungen.' Hier bleibt kein Interpretationsspielraum" (Berginz).
Funktioniert so ein Scheiß?
Doch ist die Bedeutung von Poppers "Übersetzung" dieselbe wie die des Original-Satzes? Natürlich nicht! Bewusst oder unbewusst wird der Kritik durch einfache Sprache ihr Zahn gezogen. Wenn Popper Adorno hier süffisant eine Tautologie unterstellt, ist das schlimm genug, noch schlimmer allerdings, dass Berginz dem einfach folgt ("Haben beide Sätze an Inhalt verloren? Sind sie nun weniger wert? Nein, der Inhalt kommt klarer zutage und ist für jeden verständlich."). Allerdings lese ich den Satz - und ich gebe zu ihn mehrmals gelesen zu haben! - von Adorno so: die Gesellschaft ist von Menschen gemacht, sie ist veränderbar. Auf diesen Gedanke käme bei der "Übersetzung" von Popper vermutlich keiner.
Alles nur Zufall?
Zufall? Wohl kaum. Adorno und Horkheimer war sehr wohl bewusst welche Bedeutung die Sprache spielt, und wie in einer "verwalteten Welt" die Kritik auch durch eine "Säuberung" der Sprache mundtot gemacht werden soll. Eine Entwicklung die ihr Kollege Herbert Marcuse als "Eindimensionalität" beschrieben hat. Ebenso erschien ihnen für ihr dialektisches, zweifelndes Suchen die fragmentarische, abstrakte Form des Textes viel angemessener als die systematisch, klare Form die in der Wissenschaft gepflegt wurde und dabei doch allzu oft am Bestehen picken bleibt.
Der Mythos vom Schwer Verstehen
Sind sie deshalb schwer verständlich? Nichts könnte falscher sein. Erst kürzlich hat der Wiener Politikwissenschafter Johann Dvorak darauf hingewiesen, dass man sich Adornos Werk sehr leicht nähern kann. Indem man zuerst seine Vorträge und kurzen Texte liest, und sich erst danach über die komplexen Spätwerke drübertraut. Nicht zufällig war Adorno zu seiner Zeit besonders unter den Studierenden ein Bestseller-Autor, die Minima Moralia Pflichtlektüre. Ebenso wissen wenige wie wichtig ihm die politische Bildung war, und ein möglichst breites Publikum anzusprechen (man denke an seine Auftritte in Fernsehen und Radio).
Und erst kürzlich las ich einen frühen Text von Horkheimer in dem er klar und auf weniger als fünfzig Seiten die Bedeutung von Machiavelli und Hobbes darlegt, dass es einem beim Lesen wie Schuppen von den Augen fällt.
Fazit
Was soll dann das Gerede von der Unverständlichkeit? Adorno und Horkheimer würden wohl sagen es ist Ideologie. Nicht in dem Sinne einer bewussten Verschleierung und Täuschung, sondern aus dem System der "verwalteten Welt" kommend. Trotzdem schneiden Forderungen die unreflektiert die Einfachheit der Sprache fordern, ohne zu erkennen was dabei verloren geht, die Lebensader der Gesellschaftskritik ab. Das, lieber Herr Marian Berginz, wollte ich Ihnen gesagt haben.
Ich mag mein Studium (Politikwissenschaft), Tiere, die Wiener Außenbezirke und gutes Essen (Tiere). Mitglied des FM5-Kletterteams.
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