2012-08-01 18:53:49
Einer der größten deutschsprachigen Schriftsteller steht in diesem Jahr zu seinem 100. Todestag besonders im Fokus der Öffentlichkeit. Doch wer war Karl May überhaupt? fm5 wagt einen Blick auf Leben, Schaffen und Rezeption.
Am 22. März 1912 hielt Karl May in den Wiener Sophiensälen auf
Einladung des Akademischen Verbandes für
Literatur und Musik in Wien den zweieinhalbstündigen freien Vortrag Empor ins Reich der Edelmenschen, in dem
er über sein Werk, seine Philosophie und die Verleumdung seines Erfolgs durch
Neider sprach. Vermutlich war er zu diesem Zeitpunkt schon schwerkrank. Acht
Tage später – an seinem Hochzeitstag – verstarb Karl May in der sogenannten
Villa Shatterhand in Radebeul. Die offizielle Todesursache lautete "Herzparalyse, acute Bronchitis, Asthma". Die Forschung geht heute von
unerkannt gebliebenem Lungenkrebs aus. Seine zweite Frau Klara, die an diesem
Tag die ganze Zeit an seiner Seite verbrachte, beschreibt das Verscheiden
später folgendermaßen: "Gegen acht Uhr richtete er sich plötzlich im Bett auf,
sah mit leuchtenden Augen, die nichts von seiner Umgebung zu fassen schienen,
in die Ferne und sagte mit klarer Stimme: Sieg, großer Sieg! Ich sehe alles
rosenrot."
Gutmensch May
Dieses doch sehr pathetische Ableben Karl Mays steht wie
eine monolithische Metapher für sein ganzes Leben. May stellte sich in seinen
Büchern mit den scheinbar autobiografischen Charakteren Old Shatterhand und
Kara Ben Nemsi stets als ein Gutmensch dar, dem nichts wichtiger ist, als eine
bessere Welt für die kommenden Generationen. Diese Fassade wollte der
Schriftsteller auch im wahren Leben aufrechterhalten. Jeder, der seine
Biografie und die damit verbundenen Heldentaten anzweifelte, wurde vor Gericht
gezerrt und verklagt. Doch je älter er wurde, desto schwerer fiel es ihm, die
selbstverfasste Legende einschließlich Doktorgrad und Ausflügen um die ganze Welt
aufrecht zu erhalten. In Wirklichkeit war Karl May nämlich ein vorbestrafter
Schreibtischtäter, der sein Zimmer nur selten verließ. Nach einem vierjährigen
Zuchthausaufenthalt verfasste er ab 1874 zunächst Kolportageromane, die in diversen
Zeitschriften veröffentlicht wurden, später Reise- und Jugenderzählungen. Hinzu
kamen mit der Zeit die Beantwortung von Fanbriefen und der Empfang von
begeisterten Lesern, denen er Devotionalien wie den Henrystutzen oder den
Bärentöter zeigte.
Naives Seelchen
Reisen hat Karl May erst sehr spät selbst unternommen: 1899
ging es in den Orient und 1908 in die USA. Jedes Mal war der Bestsellerautor
erschüttert von der Wirklichkeit, die so gar nichts mit seinen Imaginationen zu
tun hatte. Entsprechend änderte sich in den letzten Jahren seines Lebens auch
sein Schreibstil. Seine Werke wurden immer philosophischer und wendeten sich
mit Ardistan und Dschinnistan sogar
in Richtung esoterischer Fantasy-Roman. Das war nichts mehr für das
Massenpublikum, weshalb sein Spätwerk nur wenigen vertraut ist, aber viel mehr
über den Menschen Karl May aussagt als seine Bestsellerwerke. Einen guten
Einblick in die zweifellos gutherzige, aber doch sehr naive Seele des
Schriftstellers bieten auch seine Kompositionen. Karl May vertonte unter
anderem sein Ave Maria aus Winnetou III:
Ein wahrlich berührendes Chorstück, das leider nicht allzu bekannt ist.
Das Leben nach dem
Tod
Heute ist die Karl May Rezeption nicht mehr nur auf sein persönliches
Schaffen beschränkt, das vom Karl-May-Verlag verwaltet wird. Seit dem Ende des Zweiten
Weltkriegs spielt immer mehr das Medium Film eine wichtige Rolle. In den 1960er
und 70er-Jahren waren es vor allem die Kinoadaptionen der Geschichten um
Winnetou (Pierre Brice) und Old Shatterhand (Lex Barker), die prägend waren.
Die heutige Jugend kennt dagegen eher die satirische Auseinandersetzung Bully
Herbigs im Film Der Schuh des Manitu.
Aber auch auf der Freilichtbühne ist Karl May omnipräsent. Zwar verschwand sein
einziges Theaterstück Babel und Bibel noch zu seinen Lebzeiten im Orkus der Geschichte, doch sind die Bühnenadaptionen
seiner bekannten Abenteuergeschichten etwa in Bad Segeberg (Schleswig-Holstein)
und Winzendorf (Niederösterreich) bis heute äußerst beliebt.
Mythos May
Es ist also kein Wunder, dass rund um Karl Mays 100.
Todestag auch viele neue Publikationen zu diesem undurchsichtigen
Schriftsteller entstanden sind. Zwei Bücher hat sich fm5 etwas genauer für euch
angesehen. Aus der Vielzahl der Biografien haben wir uns für Rüdiger Schapers Karl May: Untertan, Hochstapler, Übermensch entschieden. Das zweite Buch ist eine Fortschreibung der Reiseerzählungen im
Stile Karl Mays, die von einem gewissen Karl Hohenthal (Pseudonym) unter dem
Titel Hadschi Halef Omar im Wilden Westen veröffentlicht wurde. Beide Publikationen nähern sich auf gänzlich
unterschiedliche, aber nichtsdestoweniger spannende Weise dem Mythos May an.
Nobody knows the trouble I've seen.
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