2012-08-20 13:51:20
Zum 100. Todesjahr von Karl May schreibt ein Ghostwriter dessen Reiseerzählungen einfach fort. Unter dem Pseudonym Karl Hohenthal ermöglicht er allen Fans ein gelungenes Wiedersehen mit Old Shatterhand, Winnetou und Hadschi Halef Omar.
Bis heute lösen seine Werke Begeisterung aus. Ganze
Generationen haben mit seinen Helden mitgefiebert. Doch auch das überaus
umfangreiche Gesamtwerk Karl Mays stößt irgendwann an seine Grenzen. Dabei
hätte man doch so gerne noch etwas mehr über Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi,
Winnetou, Hadschi Halef Omar und all die anderen urigen Charaktere aus dem
Mayschen Kosmos erfahren.
Selbst ist der
Schreiberling
Eine Lösung für diesen eskapistischen Wissensdurst ist die
sogenannte Fan-Fiction, die sich in den letzten Jahren durch die
Publikationsmöglichkeiten des Internets immer mehr verbreitet. Natürlich ist es
kein gänzlich neues Phänomen, im Volk beliebte Charaktere literarisch immer
wieder erstehen zu lassen. Doch erst durch weltumspannende Erfolgsbücher wie Harry Potter kam es zu unzähligen
Fortschreibungen, in denen die noch unbekannte Vergangenheit und Zukunft der
Helden beleuchtet, bekannte Geschichten aus einer anderen Perspektive erzählt
oder Lücken in den literarischen Vorlagen gefüllt wurden. Nicht nur das Papier,
auch das Internet ist geduldig. Heutzutage kann man sich bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag
durch diese qualitativ oftmals zweifelhafte Liebhaberliteratur lesen.
Das Buch lebt!
Dass eine solche Fortschreibung aber in Buchform erscheint und
dazu noch gezielt beworben wird, ist äußerst selten. Und so löst Hadschi Halef
Omar im Wilden Westen schon vor dem Lesen Erwartungsfreude aber auch
ängstliche Gefühle aus. Denn messen lassen muss sich das Buch mit denen des
Meisters – dem akribischen Fantasten Karl May. Und nebenbei wollen auch noch
ganze Generationen an Karl-May-Verehrern literarisch befriedigt werden. Eine
keineswegs leichte Aufgabe, die der unter dem May-Pseudonym Karl Hohenthal schreibende
Autor des Buches zu erfüllen hat.
May vs. May
Doch der geht sogar noch einen Schritt weiter. Nicht genug,
dass er den altbekannten Charakteren neues Leben einhaucht, er versucht auch
noch die Figur des Ich-Erzählers spielerisch mit der tatsächlichen Biografie
Karl Mays zu verknüpfen. Dabei schießt er allerdings des Öfteren über das Ziel
hinaus. So stellt er dem Edelmenschen Old Shatterhand einen Widersachen
gegenüber, der ihm nicht nur im Aussehen gleicht. Milton Hayes ist ein ebenso
gewiefter Westmann mit Schmetterhand, Häuptlingswürden und eigenem
Indianernamen. Wie Old Shatterhand stammt er aus Sachsen. Einziger Unterschied:
Er ist 30 Jahre älter und aufgrund unglücklicher Umstände in seiner Jugend auf
die schiefe Bahn geraten. Diese mitunter zu überdeutlich gezeichnete
Parallelität mit Karl Mays Leben wirkt im Laufe der gut 500 Seiten ebenso
ermüdend wie die zähe Rahmenhandlung, mit der Hadschi Halef Omars Reise in den
Wilden Westen erklärt wird.
Typische Typen
So sind es nicht die bekannten Mayschen Helden, die
begeistern, sondern die neu eingeführten Figuren. Vor allem der Mundkoch des
bayerischen Königs Theobald Hirtreiter, der die Küche des Wilden Westens
erforscht, steht in seiner schrulligen Liebenswürdigkeit May-Schöpfungen wie
Sam Hawkins in nichts nach. Auch in Sachen Spannung kann sich der Autor mit Karl
May durchaus messen. Nachdem die Erzählung den Sprung vom Orient in den Wilden
Westen vollzogen hat, gewinnt die Handlungen deutlich an Fahrt und bringt das
aufs Tapet, was der Leser sich von Karl-May-Erzählung erwartet: der unbedingte
Glaube an christliche Werte, Konfrontationen und Verfolgungsjagden sowie der
Sieg des Guten und die Läuterung der Bösen.
Fazit: Ein gelungenes, wenn auch etwas überambitioniertes Buch.
Hadschi Halef Omar im Wilden Westen
von Karl Hohenthal
erschienen im Heyne Verlag
Gebunden, 512 Seiten, 20,60€
Nobody knows the trouble I've seen.
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