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Kapitalismus als Herrschaft der Unvernunft

2007-05-05 17:57:56

  • Herbert Marcuse
  • Musik Toyota Roboter Trompete

Die heutige Gesellschaftsform gibt sich gern den Anstrich alternativlos und vernünftig zu sein. Zu Unrecht wie ich finde.

Spätestens seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist die Sache angeblich gelaufen. Der Kapitalismus hat sich als scheinbar alternativslose Wirtschafts- und Gesellschaftsform etabliert, oder wie die konservative britische Premierministerin zu sagen pflegte: "There Is No Alternative". Ihre Legitimität schöpft diese Meinung aus einem Konzept, das seit der Aufklärung unser Denken dominiert. Der Vernunft.

Kapitalismus - heute eher bekannt als Marktwirtschaft - erscheint demnach als vernünftigste Wirtschaftsform. Kein Wunder also, dass der amerikanische Politologe Francis Fukuyama meinte, bereits das "Ende der Geschichte" ausrufen zu können. Denn nach der Blamage des Realsozialismus schien der Kapitalismus für alle Zeit konkurrenzlos.

Dass sich Herrschaftsansprüche ins Gewand des allgemeinen Interesses und der Vernunft werfen ist allerdings nicht neu. Deshalb gilt es den Kapitalismus als das zu entlarven was er ist: Als Herrschaft der Unvernunft.

Auf den Schultern von Riesen – von Marx bis Ziegler

Bei Herbert Marcuse – dem großen Theoretiker der 68er Bewegung – finden wir dazu folgendes: "Gegenüber der oft allzu starken Betonung des rationalen, 'rechenhaften' Charakters des protestantisch-kapitalistischen 'Geistes' muß auf seine irrationalen Momente besonders hingewiesen werden. (...) Daß die Produktion und Reproduktion des Lebens von dieser Gesellschaft rational nicht zu bewältigen ist, kommt in der theologischen und philosophischen Besinnung auf ihre Existenz immer wieder zum Durchbruch."

Und bereits über hundert Jahre früher fielen Karl Marx und Friedrich Engels im "Kommunistischen Manifest" auf, dass der Kapitalismus nicht fähig ist alle zu ernähren und ein gutes Leben zu ermöglichen. Das ist lange her. Doch dass sich daran nicht viel geändert hat bestätigt ein Blick in den Süden. Oder in die U-Bahn Stationen der Großstädte.

Eine andere Welt ist möglich - erstmals

Stopp! werden vielleicht manche rufen. Arme und Bettler hat es schließlich seit Menschengedenken gegeben, ein gutes Leben für alle zu fordern ist Gutmenschen-Utopie. Hören wir dazu wieder Herbert Marcuse, geschildert durch Helmut Dubiel: "Er sagte, zum ersten Mal in der Geschichte der Gattung hätte die technische Entwicklung ein Niveau erreicht, das ein Leben ohne physische Not und entfremdete Arbeit, ein Leben in Würde und Freiheit für alle möglich macht. Zugleich sei die Politik in der Ersten und der Zweiten Welt darauf konzentriert, durch immer umfassendere autoritäre Kontrollen die Menschen davon abzuhalten, diese weltgeschichtliche Chance zu erkennen und praktisch zu ergreifen."
Oder wie Jean Ziegler – der Ernährungsbeauftragte der UNO - sagen würde: "Jedes Kind das heute an Hunger stirbt wird ermordet".

These

Die These ist nun klar: Der Kapitalismus ist unter den heutigen Umständen eine unvernünftige Gesellschaftsform. Abschließend soll dieser Gedanke mit drei weiteren Beispielen untermauert werden.

Beispiel 1: Umweltschutz muss sich rentieren

Mittlerweile sind auch die Grünen in die Falle getappt. Mit einem Wirtschaftsprofessor an der Spitze argumentieren sie Umweltschutz inzwischen mit der Schaffung neuer Jobs in der Umweltbranche. Umweltschutz – in Zeiten des Klimawandels und anderer Probleme längst Selbstschutz geworden – unterwirft sich der wirtschaftlichen Verwertungslogik.

Wie schön das mit Ökologie manchmal auch Profit gemacht werden kann. Wer sich allerdings auf dieses Spiel einlässt verliert, wenn sich das Verhältnis umdreht. Sobald nämlich die Wirtschaft Gefahr für ihre Gewinne wittert, ist die Zustimmung für ökologische Maßnahmen schnell verschwunden.

Dass es keine so gute Idee ist das langfristige Überleben der Menschheit für die Gewinne der Gegenwart zu opfern sollte eigentlich klar sein. Ist es aber anscheinend nicht.

Beispiel 2: Star Trek – Zukunft ohne Geld

Ein kitschiges Beispiel aus dem klassichen Bereich der Utopie: Science-Fiction.
Wir befinden uns an Bord der Enterprise. Captain Picard und seine Crew sind in die Vergangenheit – unsere Gegenwart – gereist. Der Captain streunt mit einer Frau aus dem 21. Jahrhundert durchs Schiff. Überwältigt von der Größe des Raumschiffs und dem technischen Fortschritt stellt die Frau die Frage die man im Kapitalismus als erste lernt: Wieviel das Schiff gekostet habe?

Dem Glatzkopf aus der Zukunft kostet das nur ein müdes Lächeln. Geld, erklärt er, würde es in der Zukunft nicht mehr geben. Nur durch gemeinsame Anstrengung wäre ein derartiger Fortschritt möglich gewesen. Der schnöde Mammon wäre da nur hinderlich.

Diese Szene gibt’s wirklich. Wer es nicht glaubt möge sich "Star Trek: Der Erste Kontakt" zu Gemüte führen.
Mit diesem Beispiel will ich Star Trek nicht zur wünschenswerten Utopie verklären. Es soll lediglich Gedanken anregen, was in einer Welt jenseits von kapitalistischem Kleingeist möglich wäre. Weitere Beispiele dafür finden sich spielend, man denke nur an die medizinische Forschung.

Beispiel 3: Lohnarbeit – Ein Fetisch aus vergangen Zeiten

Die technologische Entwicklung schreitet voran. Durch die verstärkte Automatisierung und den Weiterentwicklungen in der Robotertechnik wurde die Produktion gesteigert. Gleichzeitig wurden dadurch allerdings viele Arbeitsplätze, die vormals von Menschen besetzt waren, überflüssig. Die große Frage ist nur, wieso das von rechts bis links beinahe jedeR schlecht findet. Seien wir doch froh, dass wir die Fließbandjobs an unsere elektronischen Freunde abgeben können.

Erstmals in der Geschichte hat sich der Mensch befähigt stupiden Tätigkeiten zu entfliehen. Die Arbeitszeit um das eigene Überleben und das der Menschheit zu gewährleisten verringert sich - trotz steigender Bevölkerung. Doch der Mensch scheint nicht gewillt sich aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Krampfhaft klammert er sich an alles was ihm geblieben ist: seine Arbeit. Für die Chancen ist er blind. Denn, was er mit der freien Zeit anfängt, wäre seine Sache. Der Zwang wäre weg, was bleibt ist die Angst vor der Freiheit.

Literatur 

Wer sich in das Thema vertiefen möchte dem seien folgende Bücher empfohlen:

Zu Herbert Marcuse die Einführung von Brunkhorst/Koch sowie eins seiner wichtigsten Werke: Der eindimensionale Mensch.

Zum Beispiel über die Lohnarbeit empfiehlt sich das "Maschinenfragment" von Marx, dessen 20 Seiten sich problemlos im Internet finden. Zur Arbeitskritik sind "Das Manifest gegen die Arbeit" sowie "Dead Men Working" ein guter Einstieg.

Bilder: Wikipedia, flickr.com 

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AutorInnen

Martin Bartenberger

Martin Bartenberger

Ich mag mein Studium (Politikwissenschaft), Tiere, die Wiener Außenbezirke und gutes Essen (Tiere). Mitglied des FM5-Kletterteams.

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