2007-08-05 22:35:01
Julian spürt den Schmerz und die Wut, die Anna durchdringen. Er sieht ihrem Leiden auf der Parkbank zu. Sie verzweifelt an der Suche nach Erklärungen für Julians Rückzug aus dem Leben. Da beginnt der Wind, leise zu ihr zu sprechen...
Sanft wischt er eine blonde Strähne aus ihrem tränenbedeckten, wimmernden Gesicht. Der zarte Windhauch der umgibt, die kindlich anmutende junge Frau, die zusammengekauert, ihren Schmerz und ihre Wut ganz fest bei sich haltend, auf der Parkbank sitzt. Sie bemerkt es nicht. Zu sehr haftet ihr Denken an der Vergangenheit. An wundersamen Momenten, die aber eben nur Momente waren und welche die, Richtung Zukunft jagende, Zeit, gnadenlos hinter sich zurück ließ – sie nicht mitnahm, sie nicht zur unendlichen Ewigkeit machte. Verhaftet in bebilderten Erinnerungen und versunken im Sumpf des erbitterten Schmerzes über ihren Verlust, merkt Anna nicht, wie Windhauch sie berührt, sie umschlingt, sich zärtlich, ihre Haut streichelnd, an sie schmiegt. Sie vernimmt auch nicht leises Wispern dieses Hauches, wie er flüstert, in ihr, vor Pein verschlossenes, Ohr. Sie vernimmt nicht, wie er, Julian, zu ihr spricht.
Schmerzen in Dunkelheit
Ausgepeitscht vom Schicksal wurde er. Zweige des Lebensstrauches, in dem Julian gefangen war, klatschten in sein Gesicht und bohrten ihre dicken, harten Dornen in sein Fleisch. Ließen keine Bewegung zu. Versuche sich, etwas in seinem Leben, zu bewegen, wurden mit tieferen, klaffenden Wunden bestraft.
Früher, waren Träume noch Wirklichkeit. Er konnte sie ergreifen, sie festhalten, ansehen und wieder fliegen lassen, damit sie über ihm schwebten, in greifbarer Nähe erreichbar blieben. Früher, als er mit Anna auf dem Spielplatz noch Freude verspürte, war die Dunkelheit in weiter Ferne.
Doch die, Richtung Zukunft jagende Zeit wartet nicht. Sie rastet nicht und lässt auch uns nicht rasten. Sie treibt uns vor sich her, wie kleine hilflose Schafe, in ständiger Bedrohung über uns hinwegzufegen, uns hinter sich zu lassen, uns damit zu Vergangenheit werden zu lassen.
Die dunkle Zukunftswolke kam rasch. Julian konnte nicht mithalten, mit dem raschen Lauf der Zeit. So fand er sich eines Tages, erstarrt und in Dunkelheit gehüllt, wieder – gefangen im dornigen Lebensstrauch.
Ruhe in Frieden?
Keine Ruhe findet er. Selbst nach dem Ende schmerzt ihn der Nachhall seines Lebens. Die Schuld nagt an ihm. Frisst sich durch sein Seelenfleisch, bis auf die Knochen, an manchen Stellen. Die Geruhsamkeit des Friedens verlangt eine Erklärung. Denn sie war wundervoll anmutende Unendlichkeit für ihn gewesen. Geborgenheitsrubin in seiner reinster Form. Schattenvernichtende Einzigartigkeit. Anna brach die Dornen ab, heilte seine Wunden mit Salbe aus Hoffnung. Und trotzdem hatte er sie zurückgelassen. Ohne sich zu erklären. Ohne sich zu verabschieden. Die Schuld darüber verzehrt ihn und hält die Ruhe, die er sich durch seine Tat erhoffte, fern von ihm.
Der Wind wispert immer noch in Annas Ohr. Immer lauter und eindringlicher erklärt sich Julian. Er beschreibt die Schmerzen der Dornen, die ihn festhielten, ihre unglaubliche Überzahl, gegen die selbst Anna nichts ausrichten konnte. Er wimmert und schluchzt als er immer wieder und wieder die Sinnentleertheit seines Lebens beschreibt, wie er in dunkler Aussichtslosigkeit getappt war. So dunkel und schwarz, dass letzten Endes selbst Annas warmes Seelenlicht keine Erleuchtung brachte.
Und da, ergreift Anna das Leid, spürt, versteht es und macht es zu ihrem eigenen...
getrieben im reißenden Lebensfluss; verwirbelt, umhergerissen, (noch) richtungslos;
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