2008-06-24 12:42:22
Der 14-jährige Erik prügelt sich in der Schule, zu Hause wird er selbst zum Opfer seines gewalttätigen Vaters. Gewalt scheint die einzige Lösung in diesem totalitären System der Unterdrückung zu sein.
Erik Ponti ist brutal und jederzeit bereit sich zu schlagen. Mit präziser Körperbeherrschung, Willensstärke und Kraft stemmt sich Erik gegen jeden, der ihm in die Quere kommt. Zusammen mit seiner Clique aus falschen Freunden tyrannisiert er seine Mitschüler.
Um keine Schläge abzubekommen, müssen sie Schutzgeld bezahlen. Weigert sich jemand, gibt es Prügel. Was in Erik wirklich vorgeht weiß keiner. Seine Klassenkameraden ahnen nicht, dass sich hinter der harten und kalten Fassade ein sensibler junger Mann befindet, der keine Bezugsperson hat.
Erik ist das Resultat seines Vaters, der ihn zu Hause mittels Riemen, Kleiderbürste, Schürhaken oder Schuhlöffel malträtiert. Es sind Lappalien wie das Herunterfallen einer Gabel, die dazu führen, dass Erik nach dem Essen in das Schlafzimmer der Eltern gehen muss, um dort auf seinem entblößten Rücken wegen unsittlicher Manieren mit 20, 30 oder mehr Hieben bestraft zu werden. Währenddessen setzt sich die Mutter ans Klavier, um die Schmerzen ihres Sohnes und ihre eigene Untätigkeit zu übertönen. Mit einem Tastenschlag ist alles verwischt, die Hiebe gehen in der Geräuschkulisse verloren.
Als Erik eines Tages zusammen mit seiner Clique beim Stehlen erwischt wird, verweist ihn der Direktor von der Schule. Erik ist unter Druck: Er muss die Mittelstufe beenden, um ein Gymnasium besuchen zu können.
Die letzte Chance bekommt Erik im Privatinternat Stjärnsberg. Seine Mutter verkauft alle kostbaren Gemälde um ihm den Aufenthalt finanzieren zu können.
Was wie ein friedvoller Ort aussieht, entpuppt sich jedoch schon bald als falsche Fährte.
Rebel with a cause
Jan Gillous autobiographischer Roman spielt im Schweden der 50er Jahre.
Ondskan, der Originaltitel des Buches, das 2003 verfilmt wurde, konzentriert sich sublim auf die psychische Ausnahmesituation, in der Erik sich befindet.
Es ist eine Expedition in tiefe Winkel des Gemüts eines Aufwachsenden, der die Dinge hinterfragt ohne mit ihnen konform zu gehen.
Es ist ein enormes Spannungsfeld, in dem Erik sich befindet. Gehorsam, Disziplin und Kameradschaftsgeist sind oberste Priorität. Wer sich widersetzt, wird schonungslos mit Härte bestraft.
Erik fühlt sich durch die Taten seines Vaters dazu verpflichtet, sich gegen den Kameradschaftsdienst und die Schikanen, die in Stjärnsberg an der Tagesordnung stehen aufzulehnen, diese in Frage zu stellen und nicht zu tolerieren. Mögen die Mittel nicht immer die gezielte Brutalität rechtfertigen, mit der Erik seine Kumpanen verprügelt, wird die Richtung trotz aller Gewalt beibehalten. Eine Umkehr ist nicht möglich. Auch wenn die Konsequenz noch so drastisch sein mag und er selbst auch Prügel beziehen muss, ist es in Wahrheit die einzig verbliebene Überlebensstrategie für ihn geworden. Dabei beschreibt Guillou die Situationen glasklar, kühl, straff und konzentriert, dass es fast weh tut.
Erst durch die Gespräche mit seinem Zimmerkameraden Pierre, findet Erik Erkenntnis zu sich selbst und überdenkt seine Taten.
Fragen nach Schuld, Verantwortung und Disziplin, nach gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, Selbsttäuschung und moralischer Integrität wirft das Buch auf. Dabei vermeidet es Gillou, Erik unkontrolliert durch die gefährlichen Lagen zu manövrieren. Erik weiß was er tut und gerade dieser Aspekt macht das Werk so fesselnd.
"Fill the air with poems, so thick
even bombs can't fall through."
(Peter Levitt)
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