Vergangenen Sonntag boten die aus Kalifornien stammenden Wahl-New Yorker We Are Scientists ein furioses Livekonzert im Wiener Flex
With Love And Squalor
Als ich die CD Ende letzten Jahres in London erstand, konnte sich der Verkäufer kaum einkriegen vor lachen. Nicht etwa, weil er sich über mich lustig machte, nein, es war das Covermotiv des Debütalbums "With Love And Squalor" von We Are Scientists, das ihn derart amüsierte, zeigt es doch ein Portrait der drei Musiker, während jeder ein kleines Kätzchen vorm Gesicht balanciert. Ein Motiv, das aus der Masse der Hochglanz-Posing-Cover heraus sticht und gleichzeitig die humoristische Seite des Trios zeigt. Die zeigt sich weniger in der Musik, als im gesamten Auftritt der Band, begonnen bei ihrer Homepage über parodistische Wortwechsel auf der Bühne bis hin zu ihren Interviews.
Chris Cain, Keith Murray und Michael Tapper (v.l.) im Tourbus
Jack (Daniels) & Coke
Besonders in Bezug auf letzteres bedarf es künstlerischem Geschick, um dem von Kalifornien nach New York übersiedelten Dreiergespann zwischendurch mal ein ernstes Statement zu entlocken. Stattdessen erzählten sie uns im Tourbus - in bester Gesellschaft von Whiskey-Cola („Jack and Coke") - über die Vorzüge New Yorks gegenüber L.A. ("everythings´s better in New York, except for the weather and the mexican food") oder Katzen-Weitschiessen (die vom Cover). Und über ihre beachtliche Splatter-DVD-Sammlung, auf die sie sich nach dem Interview wie aufgeregt gackernde Teenager stürzen, um sich für den Auftritt in Stimmung zu bringen. Aber nicht nur Horror-Movies erfreuen ihre Gemüter, auch US-Teenie-Soaps scheinen es ihnen angetan zu haben. So flackert wenig später während ihres Auftritts im Wiener Flex eine Folge der US-Serie „O.C., California", die auch bereits beim Interview für einige Slapstick-artige Kommentierungen herhalten musste, über die Bühnenmonitore.

„I fu.... love Summer* "
„I wanna marry Summer"
"No, I wanna marry Summer"
"Have you seen her in Episode 18?"
"18, that´s the legal age, don´t forget"
"You are talking about my girlfriend…"
(*eine der Hauptdarstellerinnen in O.C., California)
"If you wanna use my body, Go for it, yeah"
Es soll allerdings nicht der Eindruck entstehen, dass We Are Scientists eine reine Blödelpartie sind. Keineswegs, denn zumindest ihre Musik, die irgendwo im akustischen Umfeld von Bands wie Maximo Park, Muse oder den frühen Blur anzusiedeln ist, behandeln die Jungs mit dem nötigen Ernst.
Ihren Auftritt im knacke vollen Flex eröffnen sie in ungewohnt ruhiger Weise mit Akustikgitarre und mehrstimmigem Harmoniegesang. Ein Ruhepol, wie wir ihn während dem Rest der Show nicht mehr vernehmen werden. Stattdessen prägen räudige Zerrgitarren, knackige Beats & Bässe und der lupenreine Gesang des süßen Frontman Keith Murray das Klangbild der allesamt mitsing- und tanztauglichen Songs. Ihr Spiel auf der Bühne beherrschen die jungen Wahl-New Yorker trotz Einfluss von „Jack & Coke" („alcohol is our only drug, but we use that a lot") wie alte Hasen. Besonders beeindruckt dabei Murray beim Beackern seiner Gitarre, während er wie ein aufgeregter Wissenschafter nach der Entdeckung einer neuen Formel über die Bühne hüpft (erinnert irgendwie an den Editors-Sänger) und in die Anonymität entschwindet, wenn er sein Gesicht unter den langen Haarlocken vergräbt. Als er dazu noch Textzeilen wie „My body is your body, I won't tell anybody, If you wanna use my body, Go for it, yeah" addiert, ist das (weibliche) Publikum bereits gewonnen.

Alles schön und gut, aber haben wir das nicht alles schon mal gehabt? Klar, aber worin sich We Are Scientists von anderen artverwandten Bands unterscheiden, ist ihr Gesamtauftritt, der das spieltechnische Vermögen der Editors, den Humor von Supergrass, und die unbändige Energie von Maximo Park vereint. Und das macht sie zu einer der derzeit gefragtesten Newcomerbands, und ich denke, dass wir von ihnen noch so einiges zu erwarten haben.
Und bis zum Erscheinen des zweiten Tonträgers kann ich nur empfehlen: bei den nächsten O.C., California-Folgen den Fernseher auf tonlos schalten und das We Are Scientists-Album als Soundtrack missbrauchen, ihr werdet euch wundern, wie die Serie rocken kann!
Alle Fotos: (c) Stephan Brückler