2007-09-18 17:13:13
Jüdischer Humor beißt. Auch noch im 21. Jahrhundert. Das beweist die Autorin und Schauspielerin Iris Bahr mit ihrem Debüt-Werk Moomlatz. Ein Buch, das auf den ersten Blick nur unterhält.
„Du Moishe, wenn ich sterb', wirst du gehn' auf mei Begräbnis?“ „Warum soll ich, du wirst ja auch nicht gehn' auf meins!“ Stechend, beißend und immer trocken. So präsentiert sich der jüdische Humor, der "Jüdische Witz", seit jeher. Ob früher Georg Kreisler, Billy Wilder oder die Marx Brothers – der jüdische schwarze Humor lebt mehr denn je: Es genügt, sich den Vorspann einiger hervorragender TV-Serien wie The Simpsons, South Park oder King of Queens durchzulesen. Auch die heute in Los Angeles lebende Autorin und Schauspielerin Iris Bahr, die in den vergangenen Jahren in Nebenrollen bei den US-Serien Curb Your Enthusiasm, Larry the Cable Guy, Star Trek und King of Queens fingierte, bedient sich in ihrem ersten Buch Moomlatz oder Wie ich versuchte in Asien meine Unschuld zu verlieren ebenfalls über weite Teile des Werkes des jüdischen Humors. Bahr wuchs in der Bronx auf. Im Alter von zwölf Jahren zog sie mit ihrer Mutter nach Israel, wo sie der Armee diente, danach studierte sie in den USA und festigte ihr Können als Komikerin und Schauspielerin.
Vaginahörig
Moomlatz, hebräisch für „empfehlenswert“, ist ein autobiografisches Buch, das allerdings mit ein paar frei erfundenen Passagen vermengt wurde, um – wir ahnen es – den literarischen Mehrwert des Inhaltes zu steigern. Erzählt wird die Geschichte also von der Ex-Soldatin Bahr, die nach der abgeschlossenen Wehrpflicht nun "auf die Welt da draußen" neugierig ist. Ihre Reise führt sie auf den unbekannten Kontinent Asien: Wie viele ihrer israelischen Kollegen will auch sie fernab der Heimat große, exzessive Abenteuer erleben. Ganz nebenbei meldet sich tagtäglich ihre Libido, deren Zentralorgan („goldenes Dreieck“) endlich entjungfert werden möchte. Denn obwohl sie bei der Armee mehr als genügend Möglichkeiten hatte, ihre überaus eifrigen sexuellen Wünsche zu erfüllen, fand der Beischlaf noch nicht statt. Und das treibt sie zum Reisen, zum Entdecken anderer Länder und deren Kulturen, wenn auch aus Frust. So fliegt sie von Tel Aviv zuerst in die thailändische Hauptstadt Bangkok. Anfangs noch von einem Freund, den sie in Wahrheit jedoch abstoßend findet, begleitet, muss sie sich bald allein in Asien durchschlagen. Aber, zum Glück: Als Israeli stößt man hier auf zahlreiche Landsfrauen und so freundet sie sich, wenn auch eher gezwungenermaßen, schnell mit einer israelischen Frau an, die ebenfalls den Namen Iris trägt. So schart sie mit ihrem gefinkelten Organisationstalent einige Freunde aus Israel, England und den USA um sich herum und managt Reisen in die Nachbarländer Vietnam, Indien und Nepal, wo sie ein Abenteuer nach dem anderen erlebt. Sie fängt sich vom strengen asiatischen Essen Würmer ein, landet daraufhin in einem indischen Krankenhaus und muss schließlich eine Sex-Show besuchen, bei der sie unglücklicherweise auch noch gezwungen wird, als Anschauungsbeispiel zu dienen. Bei diesen und anderen willkürlichen Eskapaden bleibt es stets ihr Ziel, endlich "das erste Mal“ genießen zu dürfen: „Das Landemanöver beginnt. Ich verringere meine Flughöhe. Lippen nähern sich der Landebahn. Angst steigt. Drei. Zwei. Eins. Aufgesetzt. Der Mann küsst mich zurück. Bingo! Na ja, fast. Ich wühle neugierig forschend mit der Zunge in seinem Mund, doch seine Zunge liegt da wie ein Wiener Schnitzel.“
Unerhört
Doch Bahrs Geschichte (deren bewusste Exaltiertheit einen Augenblick ignoriert werden sollte) wäre eben nur halb so spannend, wenn es sich hierbei nicht um eine, wahlweise amerikanische, zwanzigjährige Protagonistin handeln würde: Und man muss an dieser Stelle nicht die über 2000 Jahre dauernde jüdische Leidensgeschichte erwähnen – obwohl man es doch muss. Denn wenngleich komplizierte pubertäre Erscheinungen und Hormonausschüttungen keine Staatsgrenzen kennen, so kann wahrscheinlich eine Reise für Israelis respektive Juden sehr viel Verwirrung stiften. Aber wer meint, hier auf Trauerstimmung oder ähnliche emotionale Verstörungen zu stoßen, liegt grundlegend falsch. Vielleicht, so konstatiert auch Bahr, die den Begriff "Holocaustkomplex" verwendet, will man sich mit der permanenten Aneignung von Witzen "wegdenken": Das Wort "Galgenhumor" fällt in diesem Zusammenhang sehr oft.
Hörbar machen
Jedoch, das weiß der aufgeklärte Humanist: Randgruppen, ob politischer oder religiöser Natur, dürfen sich selbst mit gar "un-erhörten", ja zutiefst ins Mark stoßenden Witzen verunglimpfen. Nur unter diesem Gesichtspunkt darf dieses Buch gelesen werden.
Insofern untermauert die zwar nicht mit intellektuellen, sprich: allzu tiefgründigen Mitteln arbeitende Autorin Bahr mit folgender Textstelle nur den bekannten jüdischen Humor, der mit voller Absicht vor nichts zurückschreckt: "Ich quetsche mich durch bis zum einzigen freien Sitzplatz in der mittleren Reihe und versuche einen Blick auf den Fernsehbildschirm zu erhaschen. Es handelt sich um einen schwarz-weiß-Film, den ich sofort als Schindlers Liste identifiziere. Als ob die Abwesenheit des Dalai Lama nicht genug wäre! Jetzt hocke ich auch noch in einem tibetischen Multiplex-Kinocenter und glotze mir mit einer Horde bekiffter Deutscher einen Holocaustfilm an. Fantastisch!"
Und auch das im Klappentext erwähnte Zitat des Borat-Regisseurs Larry Charles, der das Buch Moomlatz völlig zurecht als "intim, ehrlich, aufregend, klug, unglaublich witzig und irgendwie erregend" beschreibt, ist bei näherer Betrachtung sehr hilfreich: So war es doch dieser Mann, der die jüngste Debatte über Political Correctness auslöste…
Die Lesungs-Termine mit Nora Tschirner:
08.10. München, Volkstheater, 20 Uhr
09.10. Berlin, Bar jeder Vernunft, 20 Uhr
10.10. Köln, Gloria Theater, 20 Uhr
11.10. Leipzig, Kulturbundhaus/Hochschulverein, 20 Uhr
12.10. Hamburg, Schauspielhaus, Malersaal, 21 Uhr
13.10. Frankfurt, Globetrotter, 20 Uhr (Eintritt frei)
Das Buch Moomlatz oder Wie ich versuchte in Asien meine Unschuld zu verlieren ist im Münchner Frederking & Thaler-Verlag erschienen.
"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)
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