2007-04-02 00:13:35
Die chilenische Schriftstellerin Isabel Allende ist eine Grenzgängerin wie es sie nur selten in der modernen Literatur gibt. Ihre Romane sind schwer einzuordnen: sie sind Utopie und Realismus gleichermaßen. Sie entführt ihre Leser in eine Welt voller Fabelwesen, mysteriösen Freunden und Magie, dennoch greift sie auf Ereignisse in ihrem Leben zurück und schildert die politische und soziale Situation in Lateinamerika ...
Die chilenische Schriftstellerin Isabel Allende ist eine Grenzgängerin wie es sie nur selten in der modernen Literatur gibt. Ihre Romane sind schwer einzuordnen: sie sind Utopie und Realismus gleichermaßen. Sie entführt ihre Leser in eine Welt voller Fabelwesen, mysteriösen Freunden und Magie, dennoch greift sie auf Ereignisse in ihrem Leben zurück und schildert die politische und soziale Situation in Lateinamerika, Tibet oder aber auch Österreichs während und nach dem zweiten Weltkrieg. Sie selbst sagt über sich, dass sie von zwei Extremen in ihrem Leben beeinflusst wurde: von Gewalt und Liebe. Sie erlebte mehrere politische Krisen mit, ihr halbes Leben verbrachte sie im Ausland und sie erfuhr mehrere Schicksalsschläge, wobei der größte wohl der Tod ihrer Tochter war. All diese Ereignisse finden sich in ihren Büchern wieder, jedoch sind es keine politischen Kampfschriften oder grausame Realitätsberichte. Vielmehr schafft die Autorin es immer wieder, alle diese Ereignisse nur als Teil einer wunderbaren und faszinierenden Welt darzustellen und der Erfolg gibt ihr Recht: Ihre Bücher werden heute in über 27 Sprachen übersetzt, sie bekam über 30 Preise und über 30 Ehrungen, darunter die Ehrenmitgliedschaft der österreichischen Akademie für Entwicklung und Frieden im Jahr 2000.
Ein Leben im Exil
Geboren wurde Isabel Allende im Jahr 1942. Nach der Scheidung ihrer Eltern zog sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern nach Chile, was bis heute ihre Heimat ist. Bis zu ihrem 15. Lebensjahr lebte sie, auf Grund der diplomatischen Tätigkeiten ihres Stiefvaters, in Bolivien und Beirut, Libanon, wo sie die Suez Kanal Krise miterlebte und in Folge dessen das Land verlassen musste. Danach lebte sie in Chile und in Europa (Schweiz und Belgien). Ende der 60er Jahre begann sie zu schreiben: zuerst war sie Kolumnistin, dann Journalistin bis sie später Theaterstücke und Kinderbücher veröffentlichte. Anfang der 70er arbeitete sie auch beim Fernsehen in Santiago de la Chile. Im Jahr 1973 erlebte sie ihre zweite politische Krise: Am 11. September wurde ihr Cousin, der erste sozialistische Präsident in Chile, Sal-vador Allende bei einem Putsch getötet. Zwei Jahre danach, konnte die Familie dem politischen Druck nicht mehr standhalten und ging, nach Venezuela, ins Exil. Für Isabel Allende dauerte das Exil 15 Jahre an. Nach dem Tod ihres Großvaters veröffentlichte Allende ihren ersten Roman, der sofort zum weltweiten Erfolg wurde. Ende der 80er Jahre heiratete sie ihren zweiten Ehemann und verließ Venezuela um mit ihrer Familie in Kalifornien zu leben. Anfang der 90er starb ihre Tochter Paula, im Alter von 29 Jahren. Zwei Jahre später, 1994, veröffentlichte Allende den Roman „Paula“, in dem sie ihre Tochter ehrt und ihrer Trauer Ausdruck gibt. Seit diesem Zeitpunkt veröffentlichte Isabel Allende sieben weitere Bücher.
Eine literarische Grenzgängerin
Insgesamt veröffentlichte Isabel Allende 14 Bücher. Die meisten dieser Bücher basieren auf einem wahren Hintergrund oder resultieren aus besonderen Ereignissen aus dem Leben der Autorin. Ihre Kritiker bezeichnen die Romane als „magischen Realismus“ andere behaupten sie haben einen starken Kafkaesken Einfluss, in dem Sinne, dass es eine Regierung gibt und eine Einzelperson nichts gegen diese ausrichten kann, egal in welchen Land die Handlung spielt. Ihr erster Roman „das Geisterhaus“, der 1982 veröffentlicht wurde, basiert auf spirituellen Briefen, die sie an ihren toten Großvater schrieb. Allende konnte damals, auf Grund ihres Exils, nicht nach Chile reisen, um an der Beerdigung teilzunehmen. Daher begann sie Briefe an ihn zuschreiben, die nicht unmittelbar mit ihr oder ihrem Großvater zusammenhangen. Aus diesen Briefen wurde ein Roman, der von drei Generationen von Frauen aus einer chilenischen Familie und der politischen sowie sozialen Situation, in der sie leben, handelt. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des Familienoberhauptes Esteban Trueba, der für seine Familie eine wohlhabende und einflussreiche Existenz aufbaut und schließlich an den Frauen seiner Familie scheitert. Die Geschichte beginnt im 19. Jahrhundert und schildert außergewöhnlich gut die politische und soziale Entwicklung Chiles bis zum 2. Weltkrieg. Allende veranschaulicht in diesem Roman ebenfalls die emanzipatorische Entwicklung der Frauen in Chile. Das Buch ist jedoch keines Wegs eine feministische Kampfschrift, sondern eher eine geschichtliche Chronologie mit viel Fantasie und Magie.
Zwischen Utopie und Realismus
Isabel Allende thematisiert aber nicht nur Fiktionales in ihren Romanen. Viele ihrer Ideen zu Büchern stammen aus der Tagespresse. Sie selbst sagt zu ihrer Inspiration, dass sie oft Themen aus den Nachrichten aufgreift, und sie in Verbindung mit Geschichten bringt, die sie von Bekannten, Freunden oder Fremden erfährt. Eine solche Geschichte ist zum Beispiel „Eva Luna“. In diesem Roman bringt Isabel Allende zwei Menschen zusammen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Eva Luna ist eine junge Frau, die ein außergewöhnliches Talent zum Geschichten erzählen hat, und sich dadurch, auf gewisser Weise, ihren Lebensunterhalt verdient. Rolf Carle ist genau das Gegenteil von ihr: Er wird von seiner Mutter von Österreich nach dem zweiten Weltkrieg nach Südamerika zu Verwandten geschickt, um ein neues Leben zu beginnen. Geprägt vom Krieg und den Misshandlungen seines Vaters, hat er jegliche Fantasie verloren. Irgendwann beginnt Luna für einen Fernsehsender zu schreiben und trifft dabei auf Rolf und beide sind von Anfang an fasziniert voneinander. Letztendlich erleben sie das wohl grausamste Abenteuer ihrer Freundschaft: Rolf findet bei einem Live – Bericht, ein kleines Mädchen, das im Wasser festklemmt. Rolf bleibt die ganze Nacht über bei ihr und versucht die Bergung voranzutreiben, bis feststeht, dass dem kleinen Mädchen nicht mehr geholfen werden kann … Allende greift hier auf eine wahre Gegebenheit aus dem Jahr 1985 in Kolumbien zurück. Die Darstellung der Ereignisse und die Beschreibung des kleinen Mädchens sind wahrheitsgetreu.
Weit entfernt von Feminismus
Die Romane von Isabel Allende sind keine feministischen Kampfschriften, die Männer zum „schwachen Geschlecht“ degradieren und Frauen als das „bessere“ Geschlecht postuliert. Im Gegenteil: Männer wie Frauen werden von menschlicher Seite gezeigt. Es gibt keine wahren großen Helden, sondern nur Menschen, die sich selbst überwinden und kleine Erfolge für sich erreichen. Ob dies nun Männer oder Frauen sind, ist bei Allende zweitrangig, man könnte fast sagen, dass die Autorin beide Geschlechter gleichsetzt und nur die unterschiedlichen Eigenschaften der Charaktere hervorhebt. Ein zentraler Bestandteil aller Bücher ist die Freundschaft, die die Charaktere mit einander verbindet und durch die die einzelnen Personen ihre Grenzen überwinden. Im Allgemeinen sind die Bücher von Isabel Allende entspannende Abenteurerlektüren für jedermann.