2007-11-07 20:09:53
Sie sind die Götter des Punk, nur kennt sie keiner: Die Amsterdamer Haudegen The EX. Gemeinsam mit Couscous traten sie im Foyer des Arts in Vöcklabruck auf.
Die zwischen Linz und Wien pendelnde Vorband Couscous beweist zumindest einen Sachverhalt: Ausgeflippte Musik kann hin und wieder ganz schön in Ordnung sein! Das nach einer fantastisch schmeckenden ägyptischen Speise benannte Quartett rund um den inoffiziellen Mastermind und Bastler Martin Max Offenhuber benutzt zwar ein dem Laien unerschlossenes, weil deutlich zu ungeduldiges und abgehacktes Konzept. Dem nicht nur ästhetischen – völlig abgespaced: eine als Brille getarnte Kamera als visueller Mittler – Genuss tut dieser gehaltvolle Umstand jedoch keineswegs einen Abbruch, denn: Hier wird unter Benützung eines Schraubenziehers(!) schon mal die eine oder andere Saite eines E-Basses malträtiert. Sowie mit ständigem Ausloten eingerahmter Konventionen lukrative Kunstarbeit in Edelkultur lanciert.
Dass dies alles permanent einer ausgearteten, im Zeichen einer teilweise verquer anmutenden Mannigfaltigkeit steht, geschenkt. Während sich jene trashig riechenden Gitarreneffekte mit dem obskuren Wummern des Basses und holzfällerartigem Schlagzeugspiel – Hau drauf! – vermengen, zieht ein als Collage in Endlosschleife verstecktes, an eine im Hintergrund aufgebaute Video-Wall projiziertes Filmchen vorbei. Inhalt: Einige in einem, man vermutet indischen, jedenfalls exotischen Land aufgezeichnete Szenen, denen locker das Multi-Kulti-Branding angeheftet werden darf. Also known as: Zweckentfremdung. Oder so.
Flucht nach vorne
Danach so etwas wie eine Sensation: Die seit 1979 aktiven (musikalisch und umsturzlerisch!) alternativen, daher eher nicht so bekannten Punk-Götter The EX aus Amsterdem (ja, genau, jener Stadt, die lustige Nachwuchs-Bob-Marleys immer wieder gerne besuchen) demonstrieren, dass der Mensch erstens sowohl alt, als auch noch immer anarchistisch und zweitens sogar ohne Irokäse ein Punk sein kann. Punk ist man schließlich im Kopf! Der wahre Punker anno 2007 geht ohnehin regelmäßig zum Friseur seines Vertrauens und lässt sich zuungunsten seines hart verdienten Monatlohns eine praktische GI-Matte schneiden – und ist somit zumindest vom äußeren Erscheinungsbild her locker für den bevorstehenden Iran-Krieg einsatzbereit.
Es liegt auf der Hand, dass man mit dieser alltagskompatiblen Methode besser fährt: Weil täglich eine Stunde vor dem Spiegel stehen und drei Dosen Frostschutzmittel auf sein hehres Haupt sprühen ja doch irgendwie, äh, für den Hugo ist. The EX (und das soll an dieser Stelle auch einmal angemerkt sein: Terrie Ex, Gitarre, Andy Moor, Gitarre, Katherina Ex, Schlagzeug, Gesang und G.W. Sok, Gesang) umgehen diese lächerliche, an eine Zwangsjacke erinnernde Pflicht aber seit jeher. Das merkte man alleine schon an den anarchischen, wild raus geschrienen Worte des mit einem, an sämtliche Demos erinnerndes Megaphon bewaffneten Sängers G.W. Sok, der vielleicht nur zufällig dasselbe (oder doch das gleiche?), mit schwarz-roten horizontalen Streifen versehene Shirt wie weiland Kurt Cobain trug.
Und verdammt: Wie geht man mit jener prekären Tatsache um, dass man nun selbst schon bei einer, im Besitz des Dr. Evil himself stehenden, der virtuellen Kommunikation dienenden Internet-Musikplattform angemeldet ist? Oder ist Rebellion eh nur mehr für die Fisch`, wie man landläufig so schön sagt? So sorgt eine von dieser Band angewandte, dem Rebellionsgestus geschuldete Brachialität bei unfassbar widerspenstigen Songs wie „Live Wire“(…You talk about pollution, talk about pollution, this is no solution…) schnell für die nötigen klaren Verhältnisse bei ihrem wieder überraschend gut besuchten Konzert im Vöcklabrucker Foyer des Arts: Punks not dead!
Und wenn doch, sollte es uns, dem kapitalistischem Diktum – „Geiz ist geil!“ – unterwerfende Bildungsbürger auch schon powidl sein; wenn alles den Bach runter geht, schwimmen wir mit. Und der sich aus einer gewissen Lebensrealität (Punk-Wear bei H&M, schnorrende „Punks“ auf den konsumorientierten, westlichen Einkaufsstraßen und generelle Passivität) speisende Effekt der politischen Lethargie muss eben mit messerscharfen Gitarrenriffs und einer schroffen Wall of Sound (Phil Spector) kompensiert werden. Aber auch Psychobilly- und ein Knarzer-Blues dürfen nicht fehlen!
Nichtsdestotrotz: Ein gelungener Beweis dafür, dass man auf die schnöden, als Punks verkleideten Faschingskasperln da draußen, also Spießer, einen Krapfen fallen lassen muss. Tag für Tag.
"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)
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