2008-10-10 10:09:07
Die deutsche Journalistin Güner Yasemin Balci veröffentlicht mit „Arabboy“ eine Reportage über das triste Ghettoleben von Rashid A. in Berlin-Neukölln.
Berlin-Neukölln. Großstadtdschungel der etwas anderen Art. Triste urbane Landschaften bestehend aus heruntergekommenen Sozialbauten. Ein Ghetto nach dem anderen. Darin vermischt sich rohe Gewalt mit sexistischen G-Boys, allesamt mit Migrationshintergrund. Muslimische Lebensweise geprägt durch Religion trifft auf stigmatisierte Teenager, deren Leben schon wie vorbestimmt zu sein scheint: Geboren in Deutschland wie ein Schnösel aus West-Berlin, und trotzdem immer noch „Ausländer“, werden sie (und wollen sie manchmal auch nicht) nie in der deutschen Gesellschaft ankommen.
Jene verruchte Gegend, die in Deutschland immer wieder als Symbol für eine gescheiterte Integrationspolitik herangezogen wird, ist die Hölle auf Erden. Heilig ist hier nichts, erlaubt alles: Zuhälter, die sich mit einem extravaganten Lebensstil, „mächtig vielen“ Frauen (für sie ohnehin nur Objekte) und Bodyguards ihren guten Ruf erwerben; 16-jährige, die dem Schulunterricht fern bleiben, provozieren und ständig mit einem extrem hohen Gewalt- und Aggressionspotenzial durch ihre Hood streunen. Man könnte es Gewaltspirale nennen oder auch Parallelgesellschaft – eine Bezeichnung wird an der Situation nichts ändern.
Gewalt im Nacken
Güner Yasemin Balci, 1975 im Hotspot Berlin-Neukölln geboren, kennt diese Situation wohl am besten. Auch wenn sie persönlich nicht wirklich betroffen war: Ihre Eltern, die in den 60er Jahren als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland kamen, legten stets großen Wert auf ihre Schulausbildung, so konnte sie dann auch Erziehungs- und Literaturwissenschaften studieren. Danach war sie im Modellprojekt Kiezorientierte Gewalt- und Kriminalitätsprävention und im Mädchentreff MaDonna tätig, wo sie mit vielen arabisch- und türkischstämmigen Jugendlichen gearbeitet hat. Gewalt im Nacken hatte sie immer zu spüren, sogar bedroht wurde sie. Heute ist sie beim Magazin Frontal 21 (ZDF) als Redakteurin angestellt.
Sie hat es geschafft, sie ist ein Winner. Vor kurzem erschien ihr Buch über ein Ghetto-Kid, über Rashid A. (Name von Balci geändert), Arabboy – Eine Jugend in Deutschland oder Das kurze Leben des Rashid A. Im Vorwort meint sie in Bezug auf ihr Ende als Sozialarbeiterin: „Der Endpunkt war für mich erreicht, als meine Kollegin eines Tages angegriffen wurde und ich selbst Gewalt anwenden musste, um Schlimmeres zu verhindern. Dieser Vorfall beschäftigte mich lange. Ich hatte keine Lust mehr auf die Gewalt, die ständig in der Luft lag, auf die Zerstörungswut von Jungen ohne Zukunftsperspektive, die sich wie geprügelte Hunde benahmen und jeden bissen, der ihnen nahe kam. Ich zog mich zurück.“
In Arabboy beschreibt sie einige schreckliche Szenen im Leben von Rashid A. Er repräsentiert das, was man sich gemeinhin unter einem Neuköllner mit Migrationshintergrund vorstellt: Pfeift auf die Schule, ist ständig in Raufereien verwickelt, behandelt Frauen wie den letzten Dreck, wird von seinen Eltern, wenn es sein muss, schon mal mit dem Gürtel geschlagen und hängt meistens irgendwo im Hof mit Kumpels herum.
Als er beginnt Drogen zu nehmen, was in seiner Szene nicht goutiert wird, vereinsamt er, mutiert vom King seiner Clique („Mega-Checker“) zum depressiven Einzelgänger. Als er erfährt, dass seine deutsche Freundin sich mit einem anderen Jungen getroffen hat, rastet er völlig aus und verlässt sie. Passagen, die harmlos klingen mögen, doch nach Weglegen der Lektüre ist man bestimmt anderer Meinung. An dieser Stelle sei nur an den Tag, an dem Rashid A. eine gewisse Freude an Gewalttaten fand und jene seitdem ständig wiederholte, verwiesen: „Es blieb nicht bei zwei Ohrfeigen. Rashid demütigte den Kleinen und zwang ihn zu sexuellen Handlungen. Als er fertig war mit Musim, gab er ihm einen Tritt und drohte, ihn umzubringen, wenn er irgendjemandem davon erzählte.“
Balci hat ein schockierendes Buch geschrieben, eines, das die tragische Lebenssituation einer Gegend, in der man besser nicht leben sollte, treffend beschreibt. Der Unterton ist wahrlich schlimm: Die Politik kümmert sich keinen Deut um diese sozialen Brennpunkte.
Arabboy – Eine Jugend in Deutschland oder Das kurze Leben des Rashid A. von Güner Yasemin Balci ist im S. Fischer Verlag erschienen.
"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)
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