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kreatives

Into the Future

2007-04-02 00:10:57

„Denkanstöße 2007“ nennt sich der im Piper-Verlag erschienene Band, der eine essentielle literarische Komponente von futuristischem Gedankengut darstellt. Darin sind Ideen aus den Bereichen Philosophie, Kultur und Wissenschaft enthalten, die hauptsächlich auf eine Frage abzielen: Wie schaut die Welt im Jahr 7 der 0er-Jahre aus?

Der Herausgeber Lilo Göttermann bestimmt schon im Vorwort die inhaltliche Richtung seines jüngsten, im Piper-Verlag erschienenen Buches „Denkanstöße 2007 – Ein Lesebuch aus Philosophie, Kultur und Wissenschaft“, wenn er folgende Fragen notiert: „Wohin führt Benedikt XVI. die Kirche? Wie könnte eine weibliche Interpretation des Islam aussehen? Was hat es mit dem Unvollständigkeitssatz von Kurt Gödel, dem genialen Mathematiker, auf sich?“ Die Antworten soll, auch im Prolog erwähnt, dieses mit namhaften Autoren wie Norman G. Finkelstein, Stefan Aust, Ayaan Hirsi Ali oder Udo Pollmer aufwartende Jahrbuch liefern – tut sich hier also ein Lesevergnügen für Futuristen jeder Couleur, deren anstrengende (Pseudo-)Thesen auf Stammtischen gerne ins vom Zigarettenrauch getragene Nichts verschallen, auf? Gewiss.


T wie These


Zunächst muss kundgetan werden, dass Lesewerke dieser Art, also das weite Feld namens Zukunft behandelnde Bücher, sehr wichtig sind. Denn leider denkt der gemeine Mensch, wenn er schon bis 3 zählen kann, ohnehin nicht an morgen, geschweige denn an übermorgen. Das würde viel zu viel an Konkretem einfordern, außerdem lebt es sich so – und das bedeutet häufig: eine Retrowelle folgt der anderen, Wiederholungen über Wiederholungen und Gestern war immer besser als Morgen sein wird – um ein Tausendfaches einfacher und unbeschwerter. Diesem konservativen, ja reaktionären Gedankengut schafft der seit dem Jahr 2000 herausgegebene Band „Denkanstöße 2007“ Abhilfe. Darin sind von wertvollen bis weniger wertvollen Thesen alle Formen der sich mit dem Kommenden beschäftigenden Essays enthalten, die in den 5 Unterbereichen, in den Kapiteln Thesen – Aus dem politischen Geschehen, Erkenntnisse – Aus Deutschland, Erklärungen – Aus der Religion, Erfahrungen – Aus dem Leben großer Persönlichkeiten und Erkenntnisse – Aus dem modernen Leben vorkommen. Zugegeben, ein der evangelischen Religion zugehöriger Mensch wird sich mit dem neuen Papst Benedikt XVI nicht so identifizieren und folglich beschäftigen wie das eventuell ein Katholik macht und einer kinderlosen Frau mag der Auszug „Von der Lust, Mutter zu sein“ von Daphne de Marneffe auch eher missfallen bzw. gleichgültig sein. Ein Thema sollte uns jedoch, weil es alle, die ganze europäische Gesellschaft berührt, angehen: der Umgang mit Muslimen.


Wertvolles, unausgesprochen


Dazu steuerte die gewohnt scharf kritisierte Frau Ayaan Hirsi Ali ihre Meinung mit dem munteren Titel „Ich klage an“ (so auch der Titel ihres vor kurzem erschienenen Buches) bei. 1969 in Somalia geboren, floh sie 1992 in die Niederlande und wurde dort Abgeordnete im Parlament. Spätestens seit ihrem Film „Submission“ wurde sie von ständigen Todesdrohungen islamischer Fanatiker bedroht und musste daher vor ca. einem halben Jahr in die USA ziehen. In ihrem Beitrag nimmt sich die meistgefährdete Person der Niederlande (zumindest bis vor ihrem Umzug in die USA) geltende Schriftstellerin, Politikerin und Filmemacherin kein Blatt vor den Mund: „Wenn mit dem Islam alles in Ordnung ist, warum sind dann so viele Muslime auf der Flucht? In den Top 10 der Länder, aus denen Menschen in die Niederlande geflüchtet sind, befinden sich neun überwiegend islamische. Warum gehen wir Muslime in den Westen, obwohl wir ihn gleichzeitig verurteilen? Was hat der Westen, was wir nicht haben? Warum ist die Stellung der Frau in islamischen Ländern so miserabel? Wenn wir Muslime so tolerant und friedliebend sind, warum gibt es dann in islamischen Ländern soviel ethnische, religiöse, politische und kulturelle Zerrissenheit und Gewalt? Warum können oder wollen wir nicht einsehen, dass wir alle in einer ernsten Lage stecken? Warum sind wir Muslime so voll von Gefühlen der Wut und des Unbehagens und tragen soviel Feindseligkeit und Hass untereinander und anderen gegenüber in uns? Warum gelingt es uns nicht, uns selbst zu hinterfragen?“


Natürlich ist das komplette Buch lesenswert und enthält noch viele (be)merkenswerte Thesen, jedoch erscheint eben gerade das Zusammenleben mit dem „Anderen“ (so werden Muslime durchaus in ganz Europa betrachtet) als ein Thema, das wohl zwei Mal gelesen werden muss und das Jahr 2007 sowie die nachfolgenden bestimmen wird. Lesetipp auch: die mit der provokanten Überschrift „Nehmt den Männern den Koran“ belegte Anklage einer Frau (Nahed Selim) gegen den reaktionären, patriarchalischen Islam. Wenn auch alle der in diesem Buch abgedruckten Artikel bereits vorher in irgendeinem Medium oder Buch veröffentlicht worden sind, so ist es doch eine Freude, sich mit für das 21. Jahrhundert wichtigen Themen auseinanderzusetzen. Man sollte sich immer, ohne leider zu oft vorkommende Missinterpretation, vor Augen halten: Die Vergangenheit war, die Zukunft wird sein…

 


Das Jahrbuch „Denkanstöße 2007 – Ein Lesebuch aus Philosophie, Kultur und Wissenschaft“ ist im Piper Verlag erschienen.

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AutorInnen

Johannes Rausch

Johannes Rausch

"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)

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