Kurz vor ihrem Konzert in der Werft in Korneuburg anlässlich des Donaufestivals 2005 baten wir Kante-Bandbegründer Peter Thiessen zum Interview.
„Für mich gibt es eigentlich keine Art von Musik, der ich nicht irgendwas abgewinnen kann.“
Kurz vor ihrem Konzert in der Werft in Korneuburg anlässlich des Donaufestivals 2005 baten wir Kante-Bandbegründer Peter Thiessen zum Interview. Der äußerst sympathische und höfliche Hamburger war von 1996 bis 2002 Bassist bei der erfolgreichen Band Blumfeld und nimmt in seinem jetzigen Hauptprojekt Kante die Position des Sängers, Texters und Gitarristen ein.
FM5: Ich habe auf Eurer Homepage gelesen, dass ihr vor ein paar Tagen in Tokyo gespielt habt. Was war das für ein Erlebnis bzw. wie ist es generell, als deutschsprachige Band im nicht deutschsprachigen Ausland zu spielen? Wie wird Eure Musik dort wahrgenommen?
Peter Thiessen: So oft machen wir das ja nicht. Im Januar waren wir in Tallinn, Estland und jetzt eben in Tokyo. Es kommt nicht so oft vor, aber unsere Erfahrung ist eigentlich, dass, wenn man dann vor Ort, vor einem Publikum ist, die Sprache nie so ein Problem ist. Früher, wie ich noch bei Blumfeld war, da haben wir mal in Südamerika gespielt und in London und so. Meine Erfahrung ist, dass das eigentlich ziemlich egal ist. Bei Popmusik ist ja immer das schöne, dass man selbst entscheiden kann, ob man jetzt dem Sinn der Worte folgt oder einfach der Musik. Ich hab das immer so empfunden, dass Popmusik sehr vielfältig ist, ich glaube nicht, dass das wortwörtliche Verstehen so das einzige ist, worum es da geht. Es geht viel darum, wie ist der Gestus des Gesangs, ist das eher cool oder eher aufbrausend, wie sieht man so aus auf der Bühne, was sind das für Leute so, aber auch was hat man für Videos, was für Plattencover, so dieses ganze Zeug. Das war für mich immer was, wo Popmusik in besonderer Weise mitgespielt hat. Für mein Verständnis von Popmusik ging es eigentlich nie darum, Sachen wortwörtlich zu verstehen.
Also für mich liegen die Wurzeln von Popmusik ganz klar in der afroamerikanischen Kultur, und die hat sich immer dadurch ausgezeichnet, dass es von vornherein ein gebrochenes und kein authentisches Verhältnis zur Sprache gab. Afroamerikaner haben diese Kultur entwickelt aus einer Sprache, die von vornherein nicht ihre eigene war. Sie haben es dann in irgendeiner Art zu was anderen gemacht, aber ich glaube nicht, dass man Popmusik in Kategorien wie Fremd und Eigen beschreiben kann. Deswegen glaube ich, dass das nicht so eine große Rolle spielt. Deswegen habe ich immer uns als Band nicht als deutsch empfunden. Ich finde gerade das tolle an Popmusik, dass man es nicht an eine Nationalsprache oder eine nationale Kultur binden kann. Für mich war das immer die internationale Sprache der Jugend oder des jugendlichen Gefühls, und insofern fühle ich mich bestätigt durch die Erfahrung, dass, wenn wir dann wirklich konkret vor Leuten stehen, die Sprache eigentlich meistens ziemlich egal ist.
FM5: Wieso dann deutsche Texte und nicht englische? Und wie wichtig sind die Texte bei Eurer Musik?
Peter Thiessen: Auch wenn es sich absurd anhört, ich würde nicht sagen, dass wir deutsche Texte machen. Das was ich mit deutschen Texten oder deutscher Kultur verbinden würde, ist eher ein existentialistischer Ansatz, z.B. die Reinheit der Sprache muß bewahrt werden, der Autor und der Text sind identisch und so. Das war nie, was uns interessiert hat, uns hat das Gegenteil interessiert. In dem Sinne würde ich erst einmal sagen, dass, bevor es irgendwas anderes ist, sind es in erster Linie einmal meine eigenen Texte. So wie ich schreibe, geht es mir nicht so um das Vermitteln von dem und dem Inhalt, weil ich denke, wenn ich so was wie eine Message zu verkünden hätte, dann würde ich mich fragen, was ist dafür die passende Form. Und da denke ich, dass Popmusik nicht unbedingt die richtige Form ist. Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn man sich bemüht, klare Inhalte zu formulieren, das halte ich sogar für sehr notwendig. Aber wenn ich das machen wollte, würde ich eher eine Radiosendung machen oder ein Flugblatt schreiben oder ein Buch schreiben. Ich hab das tatsächlich früher auch oft gemacht.
Die Musik war für mich immer eher was, wo es sehr viel um Sprachbilder, um Sprachklang und eher die materielle Ebene von Sprache ging. Deswegen finde ich das auch nicht so wichtig, dass der Gesang so laut ist, dass man jedes einzelne Wort versteht.
FM5: Kann man also sagen, dass es Euch eher um den Klang der Sprache, um die Melodie, die die Stimme singt, geht, als um den Inhalt selbst?
Peter Thiessen: Das kann jetzt natürlich ein bisschen haarspaltig werden (lacht), aber für mich ist der Inhalt auch die Textur, der Klang, der Gestus. Ich glaube nicht daran, dass Sprache so funktioniert, dass man einen Inhalt hat, den man dann so verpackt und der mittels Sprache transportiert und woanders entziffert wird, das glaube ich nicht, dass Sprache so funktioniert.
FM5: Die japanische Band Mono verzichtet ja auf das Element Sprache ganz. Habt ihr mit Mono in Tokyo zusammen gespielt?
Peter Thiessen: Nein, das hat sich so zufällig ergeben, die kommen auch gerade aus Tokyo, und wir haben die eben erst kennen gelernt.
FM5: Habt ihr geplant, öfters im nicht deutschsprachigen Raum aufzutreten?
Peter Thiessen: Ja, von uns aus gern. Das ist mit Plattenveröffentlichungen aber gar nicht so leicht, weil viele Plattenfirmen sagen, die Sprache ist ein Problem und so. Die sehen das so, und da haben wir nicht so viel Einfluss drauf. Wir bemühen uns zwar darum, und das macht uns Riesenspaß. Ich mache jetzt seit ca. zehn Jahren oder so in irgendeinem Sinne professionell Musik und hab manchmal das Gefühl, ich kenne so in Deutschland, Österreich, Schweiz jede kleine und mittelgroße Halle. Das macht natürlich Spaß, aber wenn man dann noch mal woanders spielen kann, so ist das natürlich eine ganz besondere und tolle Erfahrung.
FM5: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Performancegruppe Showcase Beat Le Mot? Ist der heutige Abend eine Premiere bzw. als eine Art Experiment zu sehen?
Peter Thiessen: Ja, es ist ein bisschen ein Experiment. Wir kennen die auch schon ziemlich lange, die haben auch schon bei unserer Platte „Zweilicht“ das Video zu „Die Summe der einzelnen Teile“ gemacht. Also sie haben es nicht gedreht, das ist ein Video, da sind wir in so farbige Mullbinden eingepackt und haben die Köpfe verbunden und spielen so Blindenfußball, und das ist quasi eine Performance von denen, die sie dann für das Video benutzt haben. Wir fanden das toll. Der Felix (Müller, Anm.), unser Gitarrist kennt die schon länger, dadurch kam der Kontakt zustande und seitdem haben wir regen Kontakt, sie haben auch das Video zur Single „Zombie“ gemacht. Die sind auch zum großen Teil in Hamburg.
FM5: Es ist aber nicht geplant, dass Kante Liveshows in Zukunft generell in Richtung Performance gehen?
Peter Thiessen: Nein, das war Zufall, weil die Leute, die das Festival organisiert haben, uns und auch Showcase eingeladen haben, und das fanden wir total irre, so dass wir beschlossen haben, einen Abend gemeinsam zu bestreiten. Und die vom Festival fanden das auch gut. Wir haben das in sehr kurzer Zeit geprobt, und ich freue mich schon sehr darauf. Es ist nicht eine bis ins letzte Detail ausgearbeitete Show, sondern es ist viel Improvisation dabei, aber das ist eh was, worin die sehr gut sind.
FM5: Die Musik von Kante ist ja nicht so leicht in eine Schublade zu stecken. Ich bin, wie viele andere auch, durch „Die Summe der einzelnen Teile“ zu Kante gestoßen. Hörte man sich dann das Album „Zweilicht“ an, hatte man es mit einer Vielfalt an Musikstilen (Indierock, Pop, Elektronik, Jazz,...) zu tun. War Kante als so ein stil-vielfältiges Projekt geplant oder hat sich das durch die unterschiedlichen Musikvorlieben der einzelnen Musiker ergeben?
Peter Thiessen: Geplant war das nicht, wir machen halt einfach das, was wir toll finden. Ich kenne eigentlich keine Leute, die jetzt nur Rockmusik oder nur HipHop, nur Techno oder nur Jazz hören. Meiner Meinung nach gehört das ein bisschen der Vergangenheit an, dass die Leute wirklich nur die eine Sparte hören. Wir interessieren uns alle, jeder einzelne von uns, für alle möglichen Arten von Musik, also für mich gibt es eigentlich keine Art von Musik, der ich nicht irgendwas abgewinnen kann. Die Platten, die ich zu Hause höre, variieren auch von Salsa bis Minimal House oder so. Es gibt so viel wahnsinnig tolle Musik, und ich hab auch immer das gemacht, was ich gut fand und die anderen von uns auch. Uns kommt das auch gar nicht so unterschiedlich alles vor. Ich hab schon das Gefühl, dass so grundsätzliche Herangehensweisen an Arrangements, Harmonien, Melodien, etc., das finde ich schon alles sehr ähnlich, für uns ist das dann nicht so entscheidend, ob das ein Rockstück ist, oder eher Jazz.
FM5: Nachdem die Nummern meines Empfindens nach musikstilistisch teilweise doch unterschiedlich ausfallen, schreibt ihr die Songs zusammen oder zeichnet jeweils eine Person für das Songwriting verantwortlich?
Peter Thiessen: Eigentlich nicht. Meistens komme ich mit irgendwas an, manchmal nur irgendwie ganz kleine Fragmente, ein Basslauf, und dann probieren wir dran rum, meistens sehr lange, und irgendwann entwickelt sich was. Manchmal habe ich auch richtig komplette Songs, was das Songwriting betrifft, aber die Arrangements machen wir schon weitgehend zusammen. Diese Vielfältigkeit hat jetzt nicht so viel mit den unterschiedlichen Vorlieben der einzelnen Leute zu tun. Vielleicht ein bisschen der Thomas (Leboeg, Anm.), unser Keyboarder, der kommt sehr aus dem Jazz und Freejazz und hat auch ein Elektronikprojekt (Iso68) und der Felix (Müller, Anm.), unser Gitarrist, der hat noch eine richtige Rockband, Sport heißt die, aber der hört auch ganz viel HipHop. Der hat mal mit Sebastian (Vogel, Anm.), dem Schlagzeuger zusammen bzw. hat der immer noch so ein Projekt, Mr. Bird and Partner, wo sie immer noch für uns und für Blumfeld auch mal so HipHop-Remixes gemacht haben, wo Felix dann tatsächlich gerappt hat. Es geht uns glaub ich allen so, dass wir alles Mögliche hören.
FM5: Kommen wir zu einer abschließenden Frage. Hat Peter Thiessen manchmal Heimweh nach Blumfeld?
Peter Thiessen: Ja, hab ich schon manchmal. Ich hab ja Kante schon lange vor Blumfeld gemacht. Ich hab das immer wahnsinnig gern gemacht, war immer ein Riesenfan von der Band, lange bevor ich da angefangen hab, und auch jetzt noch verfolge ich das sehr aufmerksam und finde das sehr toll, was die machen. Und es war damals eher eine Zeitfrage, es war irgendwann einfach nicht mehr unter einen Hut zu kriegen. Jetzt waren wir z.B. fast drei Jahre mit der „Zombie“-Platte beschäftigt, und das kann man natürlich nicht von einer anderen Band verlangen, dass die mal drei Jahre Pause machen, oder vier, wenn man dann noch das Jahr dazu nimmt, wo man tourt, das geht halt nicht. Und es ist mir damals sehr sehr schwer gefallen, und ich habe sehr lange gebraucht, um mich zu diesem Schritt zu entscheiden. Es ist nicht so, dass ich jetzt ständig da sitze und das so vermisse, aber es war schon ein sehr harter Schritt für mich.
Es war natürlich schon für mich die Entscheidung, mich jetzt auf mein eigenes Zeug zu konzentrieren. Bei Blumfeld ist es natürlich so, dass es klar ist, dass Jochen (Distelmeyer, Anm.) da die Songs schreibt, und das soll auch so bleiben, er macht das auch fantastisch.
FM5: Vielen Dank!
P.S.: Das geplante Interview mit Mono wurde vom Tourmanager leider wegen zu geringer Englischkenntnisse der Band (und natürlich auch mangels meiner japanischen Sprachkompetenz) abgesagt.