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Interesse Morgenland

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Im Umgang mit der Türkei können oft vereinfachte Darstellungen in den Medien festgestellt werden. Wie steht es aber um das Hintergrundwissen? Die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift "INAMO" bietet fundierte Berichte aus dem Nahen Osten an.

Max, Jahrgang 1960, ist sich voll bewusst: "Die Türkn', diese scheiss G 'frasta soin' east goa ned in die EU, sondan zeast amoi schaun', dass iare Tiachl-Weiba mea Rechte kriagn'… !" Auch Tobias (20) sticht mit gepflogenem Deutsch hervor: "Jo, die Mohammedana mog I a ned, mid iam Koran und so, und deitsch ko jo a koana. Die soin' si eifach z 'ruck in ia Tiaknlond schleichn'! Und bessa heid ois moagn'!"

Klar, Zeitgenossen dieser Art haben eine Aufklärung definitiv nicht mehr Not: Sie wissen bestens über die Türkei und ihre Geschichte Bescheid, Tobias feierte sogar den Erhalt seines Maturazeugnisses an der türkischen Riviera – was ihn natürlich nicht von Vorurteilen schützt. Vorurteile, die gewiss jeder ein bisschen hegt und pflegt. Und auch wenn es nicht bei jedem offensichtlichen Türkei-Experten zu verbalen Ausbrüchen kommt, vegetieren eine Handvoll Klischees über jenes Land, das unbedingt der Europäischen Union beitreten will, dahin. Um es auszusprechen: Vorurteile, also vorgefertigte und allzu schnell verbreitete stereotype Plattitüden, kommen nicht von irgendwo. Seit Beginn der Menschheit versuchen Menschengruppen, sich mit bewussten Klischees gegenseitig zu manipulieren, so gut wie immer auf Kosten der kleineren Gruppen, der Minderheiten. So viel sollte also bekannt sein: Vorurteile gab es immer schon.

Brückenbau

Um jedoch wieder am aktuellen politischen Geschehen anzudocken: Gerade die hitzig geführten Diskussionen am heimischen Stammtisch über das Thema EU-Beitritt der Türkei demonstrieren sehr deutlich, was  - wie überall sonst – das eigentliche Hauptproblem ist: Massiver Bildungsmangel und wenig Interesse an der Auslöschung von schlichtweg primitiven Vorurteilen. Dieser Sachverhalt soll keineswegs überraschen, schließlich sagt das Volk, dem man auf das Maul schaut, stets mehr als es überhaupt weiß. Doch wie so oft könnte ein Gespräch sinnvoll(er) ablaufen, wenn das entsprechende (Vor-)Wissen (Basic Facts) bereits vorhanden wäre. Dass es der vierteljährlich erscheinenden Berliner Zeitschrift INAMO (Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten) gelingen wird, sämtliche massenhaft existierenden Vorurteile über die Türkei abzuschaffen, ist angesichts der O-Töne heimischer Bildungsbürger stark zu bezweifeln. Zu einfach, zu schön, um wahr zu sein, wäre das! INAMO liefert fundierte, ausgewogene und exzellent recherchierte Berichterstattung über jene Länder, die gemeinhin als Morgenland tituliert werden. Und schafft damit Wundervolles sowie absolut Notwendiges in einer Zeit, in der ein kritischer Medienkonsument vor billigem Hype-Journalismus verzweifeln könnte: Einen tatsächlichen Brückenbau – zumindest im Geist. Denn ein gewichtiges Ziel für die Betreiber dieser Postille rund um den verantwortlichen Redakteur Norbert Mattes ist explizit Aufklärung. In diesem Heft regieren Fakten statt Unwahrheiten, Abwiegen beider Parteien eines Konflikts und ein an anderer Stelle oft vermisster Blick über den Tellerrand.

Befund Türkei

Das Heft für Berichte und Analysen zu Politik und Gesellschaft des Nahen und Mittleren Osten – herausgegeben vom Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten e.V. – berichtet in ihrer neuen Ausgabe Nummer 51 größtenteils über die Türkei: Die Historikerin und Politikwissenschaftlerin Ayşe Hür verfasste zum Beispiel einen hervorragend sachlichen und kritischen Artikel über den türkischen Nationalismus (Die Geschichte des türkischen Nationalismus), in dem sie richtig anmerkt: „Der türkische Nationalismus gründet, wie alle Nationalismen, auf der Ablehnung der Anderen. Diese Anderen sind auch jene, die zuließen, dass die äußeren Feinde dem Reich zum Verderben werden konnten: die inneren Feinde, die Minderheiten, also.“ Interessant vor allem deswegen, weil es eben auch einen türkischen Nationalismus gibt, der allzu gerne unter den Tisch gekehrt wird. Michael Leezenberg, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Programms Islam in the modern World an der Universität Amsterdam und Fellow am ISIM in Leiden, setzt sich hingegen mit einem dieser Tage wieder aufkeimendem, hochexplosiven Thema auseinander: Der Konflikt zwischen Kurden und Türken. In seinem Text (Die Türkei und die irakischen Kurden – Eskalationslogik vs. Stabilisierungsprozess) merkt er zum Schluss mit zurückhaltendem Optimismus an: „Der Wahlsieg der AKP könnte Hoffnung geben, dass in Zukunft die Beziehungen zwischen der Türkei und Iraks Kurden weniger von Militär, Geheimdiensten und religiösen Ideologien geprägt werden als von zivilen Politikern, diplomatischer Vernunft und Pragmatismus."

Außerdem, um einen Blick in die nahe Zukunft zu werfen, enthält die aktuelle Herbst-Ausgabe einen gelungenen Überblick über die zeitgenössische türkische Literatur: Der von Autor Tevfik Turan (Universität Hamburg) verfasste Artikel – basierend auf einer Recherche im Auftrag des Hauses der Kulturen der WeltTendenzen in der zeitgenössischen türkischen Literatur untersucht aktuelle Trends der türkischen Literaturgeschichte, deren derzeitige Epoche als Literatur unter dem Einfluss des Westens bezeichnet wird. Anlass: Im Jahr 2008 wird die Türkei Gastland der renommierten Frankfurter Buchmesse sein, was sicherlich für einigen Brennstoff, vor allem im Umgang mit kritischer Literatur (Stichwort Orhan Pamuk), sorgen wird.

Doch diese Ausgabe beschäftigt sich nicht nur mit der Türkei, sondern ebenfalls  mit anderen spannenden Themen wie die Intrige Israels gegen das Knesset-Mitglied, den arabisch-israelischen Politiker Azmi Bishara, die Geschichte über syrische Juden und ein Kommentar über Israels boomende Wirtschaft. Im hinteren Teil von INAMO sind – wie in jeder Heft-Ausgabe – noch Buchrezensionen zu finden – allesamt Bücher, die sehr gute Einsichten in dieses für den Europäer eher unbekannte Terrain bieten.

Alles in allem lässt sich feststellen, dass INAMO ein wertvoller Beitrag über einen sehr heiklen Bereich (Verhältnis Abend- zu Morgenland) ist. Wer in sehr spezifische und ausgesuchte Themenkomplexe tiefer eindringen will, als es von diversen Massenmedien angeboten wird, hat mit dieser Publikation den richtigen Lesestoff. Angemerkt: Um geradezu lächerliche 5, 50 Euro. Eine Zigarettenpackung kostet bereits fast mehr. Doch eine Frage bleibt noch im Raum stehen: Wie lässt sich jetzt endlich der Untergang des Abendlandes verhindern…?

Das "INAMO"-Heft lässt sich auf deren Homepage, die unten angegeben ist, bestellen.

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Johannes Rausch

Johannes Rausch

"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)

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Kommentare




 

15.11.2007
Eva

interessantes Thema...

... finde ich, in einer Stadt sitzend, in der mir gestern der Untergang ihrer 'abendländischen' Bevölkerung prophezeit wurde. Auch hier finden sich also Zeitgenossen, die im Bilde - gefangen - sind...

Liebe Grüße aus Marseille :-)

Eva

[antworten]




 

16.11.2007
Johannes

@ Eva:

Vielen Dank!

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03.12.2007
Marion

vielen dank für diesen tipp!!!

[antworten]




 

18.12.2007
Johannes

@ Marion:

Gerne!

[antworten]




 

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