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Indymedia - weltweit und in Österreich

2007-04-02 00:14:09

Indymedia ist ein weltweites Medienkollektiv, dass sich die Verbreitung von basisnahen, kritischen und unabhängigen Nachrichten auf die Fahnen geschrieben hat. Dieser Text beleuchtet diese Hauptschlagader der sozialen Bewegungen in aller Welt.

Indymedia - weltweit und in Österreich


Was ist Indymedia?

Das "Indy" in Indymedia steht für independent (engl. unabhängig) und trifft die Selbstdefinition von Indymedia bereits ganz gut. Indymedia ist ein weltweites Kollektiv an Organisationen, MedienaktivistInnen und engagierten Menschen. Es erhebt den Anspruch auf eine basisnahe, unabhängige Berichterstattung aus erster Hand.
Die vielen Independent Media Centers (IMCs) weltweit bestehen im Grunde aus jeweils einer Website, auf der Berichte über lokale aber auch internationale Ereignisse veröffentlicht werden.
Die Essenz von Indymedia ist das Open-Publishing Konzept, dass es jeder Person erlaubt anonym Beiträge zu veröffentlichen. Es gibt bei Indymedia kein Redaktionssystem, dass die Beiträge zuerst durchsieht und dann freigibt, wohl aber ModeratorInnen. Da Indymedia keine zentral gesteuerte eigenständige Organisation ist, sondern lediglich ein loser Zusammenschluss von lokalen Independent Media Centers (IMCs) auf der ganzen Welt, variiert auch das Selbstverständnis der ModeratorInnen. Bevor wir jedoch einen genaueren Blick auf Indymedia werfen, ein kurzer Ausflug in die Geschichte.


Wie entstand Indymedia?

Natürlich gab es die Idee von unabhängigen Nachrichten schon weit früher, das eigentliche Indymedia entstand jedoch erst 1999 in Seattle. Die damaligen Demonstrationen und Proteste gegen das Treffen der WTO (World Trade Organisation) bildeten den Auftakt einer ganzen Reihe von Demonstrationen gegen diverse Gipfeltreffen weltweit (Davos, Prag, Salzburg, Genua,...) und werden heute oft als Geburtsstunde der globalisierungskritischen Bewegung genannt. Das Independent Media Center in Seattle berichtete hautnah und aktuell von den Ereignissen, die Internetseite wurde in diesen Tagen 1,5 Millionen mal pro Tag aufgerufen.
Wenig später entstanden im Zuge von Gipfeltreffen in Boston und Washington weitere IMCs, und bald darauf in der ganzen Welt. Momentan gibt es an die 150 Independent Media Centers weltweit, die auf allen Kontinenten vertreten sind.


Indymedia im Detail

Wie bereits erwähnt sind der Kern der IMCs die Webseiten auf denen Berichte veröffentlicht werden. Dabei können auch Bilder, Videos und Audio-Dateien hochgeladen werden, die sich auf das Ereignis beziehen. Andere Indymedia-BenutzerInnen können diese Artikel dann kommentieren, ergänzen, kritisieren, etc. was auch meistens passiert. Verwaltet und moderiert wird die Seite von den lokalen "Indys" also den Indymedia-AktivistInnen.
Obwohl momentan der Fokus von Indymedia auf dem Internet liegt gibt es auch zahlreiche Indymedia-Projekte im Bereich Radio, Zeitung und Fernsehen.
Ein Punkt der immer wieder zu heftigen Diskussionen führt ist die Frage der Zensur, und wie mit beleidigenden und diskriminierenden (rassistischen, antisemitischen, sexistischen, etc.) Beiträgen umgegangen werden soll. Grundsätzlich gibt es das Bekenntnis solche Beiträge nicht zu tolerieren und zu löschen, oder zumindest zu verstecken oder in einen bestimmten Bereich zu verschieben ("Zensurkübel"). Die schwierige Frage ist hierbei natürlich, auf welche Beiträge konkret diese Maßnahmen angewendet werden sollen.
Ein weiteres Problem wirft natürlich das Open-Publishing Konzept auf, da natürlich alle möglichen Personen an Indymedia teilnehmen können (was natürlich ausdrücklich erwünscht ist). Dadurch kann es aber auch zu bewusst falschen oder verzerrten Berichten kommen, auch von Personen und Organisationen die Indymedia nicht freundlich gesinnt sind.
Da Indymedia traditionell eine Plattform der Linken ist, macht sich von Zeit zu Zeit Furcht breit, rechtsextreme Organisationen oder die Polizei könnten Indymedia für ihre Zwecke benutzen (diese Furcht ist natürlich nicht unberechtigt!).
Das Open-Publishing Konzept führt natürlich zu einigen Problemen, macht Indymedia gleichzeitig aber auch so einzigartig und begehrt. Der Anspruch von Indymedia ist es jedenfalls, solche Probleme auf breiter Basis und möglichst transparent auszudiskutieren (z.B. auf Mailinglisten), um eine konsensuale Lösung zu finden.
Als gutes Praxisbeispiel zu diesem Thema, und um die angesprochenen Probleme genauer zu erörtern, bietet sich das österreichische IMC an.


Indymedia in Österreich

Das österreichische IMC (zur Erinnerung, IMC = Independent Media Center) entstand im Mai 2001, rechtzeitig zu den Protesten gegen den WEF- (World Economic Forum) Gipfel in Salzburg. Bereits zuvor, im Jahr 2000, hatten österreichische AktivistInnen bei den Protesten gegen IWF (Internationale Währungsfonds) und Weltbank in Prag Erfahrung mit dem Indymedia-Konzept gesammelt.
Bei at.indymedia.org werden alle Beiträge sofort und ohne Kontrolle auf die Startseite (konkret auf den "Newswire") gestellt.
Das deutsche Indymedia (de.indymedia.org) hingegen, ist eines von vielen, das einen anderen Ansatz verfolgt. Nur von den ModeratorInnen gelesene und den Indymedia-Grundsätzen entsprechende Beiträge werden in den Newswire auf der Startseite gestellt, alle anderen landen (vorerst) in einem Open-Posting Bereich.
Am 3. Mai 2004 wurde at.indymedia.org vom Netz genommen, um einen Umstrukturierungsprozess zu beginnen. Grund dafür war die Überlastung und Demotivation der österreichischen "Indys" und die zunehmend schlechte Atmosphäre auf der Website. Die gegenseitigen Beschimpfungen, Beleidigungen und Verdächtigungen häuften sich, und gute, hochwertige Berichte waren nur noch schwer zu finden. Indymedia wurde als Plattform für die Streitigkeiten und Diskussion von Meinungsverschiedenheiten verschiedener Gruppen und Organisationen innerhalb des linken Spektrums genutzt, wobei das Selbstverständnis von Indymedia auf der Strecke blieb. Des weiteren wurden auch immer wieder Daten (Name, Adresse...) von Personen gegen deren Willen veröffentlicht, und at.indymedia.org zunehmend von Neonazis als Quelle verwendet.
Im Zuge der Umstrukturierungsphase kam es zu Treffen in ganz Österreich, bei der neue AktivistInnen und ModeratorInnen angeworben werden sollten. Natürlich wurden dabei auch die vorhandenen Probleme angesprochen und diskutiert.
Seit dem 13. August 2004 ist at.indymedia.org wieder online, und die mehrwöchige Pause dürfte der Seite gut getan haben. Zwar gibt es noch immer die zwangsläufige Zensurdiskussion und kleinere Reibereien, aber die "Qualität" der Seite leidet nicht mehr in einem Maß darunter, wie zuvor.


vienna.indymedia.org

Im Zuge der Umstrukturierungsphase von at.indymedia.org, bildete sich eine Gruppe, die ein neues IMC in Österreich verwirklichen wollte - vienna.indymedia.org.
Anhand von vienna.indymedia.org lässt sich gut nachvollziehen wie ein neues IMC entsteht, welche Entscheidungen dabei getroffen werden müssen und welche verschiedenen Ansätze es gibt. Dem Ganzen geht zunächst ein langwieriger und schwieriger Diskussionsprozess voraus. Dabei gibt es viele wichtige Fragen zu klären, verschiedene Ansätze abzuwägen und zu einer konsensualen Entscheidung zu kommen. Auch wenn man/frau es der kurzen Beschreibung von vienna.indymedia.org nicht anmerkt, hinter den erwähnten Punkten steht mehr Diskussion und Reflexion als man/frau annehmen möchte.
Um als IMC anerkannt zu werden, müssen die AktivistInnen einen Prozess durchlaufen, bestimmte Kriterien erfüllen und den Indymedia-Grundsätzen zustimmen. Dazu gehören zum Beispiel an keine Partei gebunden zu sein, nicht profit-orientiert zu sein, offen und konsensual zu entscheiden und vieles mehr. Vienna.indymedia.org hat diesen Prozess bereits erfolgreich abgeschlossen und wird im Laufe des Jänners online gehen.
Das Wiener IMC verfolgt den Ansatz des deutschen IMC und stellt nicht sofort alle geschriebenen Beiträge auf die Startseite (konkret in die rechte Spalte, den "Newswire"). Diese landen zuerst im Open-Posting Bereich, und falls sie den Indymedia-Grundsätzen völlig zuwider laufen sogar in einem "Abfallbereich". Dieser kann nicht öffentlich eingesehen werden, wird einem jedoch nach Anfrage per E-Mail zugesandt.
Die linke Spalte dient, wie üblich, einer Auflistung aller weltweiten Indymedia-Projekte, und in der mittleren Spalte landen von den ModeratorInnen ausgewählte Beiträge die als besonders ausführlich und informativ befunden wurden. Vienna.indymedia.org soll kein Wien zentriertes IMC werden, sondern verfolgt hauptsächlich ein anderes Moderationskonzept als at.indymedia.org, mit dem Anspruch, dass "besonderes Augenmerk auf eine klare Strukturierung der veröffentlichten Nachrichten gelegt (wird)."

Abschließend möchte ich noch allen Leserinnen und Lesern nahe legen, gelegentlich auf einer Indymedia-Seite vorbei zu schauen, sich Informationen zu holen und vielleicht auch selbst ab und zu einen Beitrag zu schreiben. Be the media!

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AutorInnen

Martin Bartenberger

Martin Bartenberger

Ich mag mein Studium (Politikwissenschaft), Tiere, die Wiener Außenbezirke und gutes Essen (Tiere). Mitglied des FM5-Kletterteams.

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