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Schwerpunkt: Im Proberaum mit: Hella Comet

Im Proberaum mit: Hella Comet

2010-08-23 18:59:15

Ein Komet erhellte die Nacht. Er trug einen Schweif aus Feinstaub. Wir sind ihm gefolgt. In die Hauptstadt des Kometen und des Feinstaubs gleichermaßen. Nach Graz, um genauer zu sein, in den Proberaum von Hella Comet.



Grazer Vorsicht

„Man muss schon genau schießen um mich treffen zu können“, sagt Max der Schlagzeuger und lacht. Wir stehen im Vorraum des Obergeschoßes eines unscheinbaren Industriegebäudes in Graz, trinken Wein aus Plastikbechern und rauchen. Mein Diktiergerät läuft seit circa zehn Minuten. Wir unterhalten uns über Pantera und das tragische Schicksal, dass den Gitarristen widerfuhr als er von einem eifersüchtigen Fan erschossen wurde. Gegenüber von mir stehen Jürgen und Franz, die Gitarristen der Band. Während Max von Beginn an sehr locker ist, scheinen die beiden noch etwas reserviert und zurückhaltend. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Hat man Hella Comet mal auf der Bühne gesehen, weiß man, dass Publikumsinteraktion nicht ihres ist. Fremde im intimen Bereich Proberaum zu haben, muss da noch ein Eck schlimmer sein. Vor allem wenn sie Diktiergerät und Fotoapparat im Anschlag haben. Als Lea dazu kommt, erkläre ich ihnen wie ich mir die ganze Sache so vorgestellt habe. Locker, ungezwungen, keine typischen Journalistenfragen. Lea will wissen, wann wir vorhaben wieder zu gehen. Sie hat eine Beule auf der Stirn. „Ich hab mich bei einem Kastl ang’haut.“, erklärt sie mit einem Schmunzeln im Gesicht.

 

 




Ein paar Minuten später sitzen wir im „Aufnahmeraum“ der Band. Durch eine Glasscheibe kann man in den eigentlichen Proberaum sehen. Am Boden ein riesiger Perserteppich, diverse Effektgeräte für die Gitarren und das übliche Proberaumequipment. Hinter dem Schlagzeug steht ein altes Rennrad. Asti, zuständig für die Fotos, beginnt alles abzulichten.

 

 




[
Hella'Comeet] - [Hella'Commet]

Ein paar „Journalistenfragen“ muss ich dann doch stellen. Wie spricht man Hella Comet aus, will ich wissen. Franz: „Hella Comeet“. Jürgen: „Hella Commet“. „Hella Comeet klingt poetischer“ ergänzt Max.
Franz reicht mir die neue Platte der Band über den Tisch. Während ich mir das Cover ansehe höre ich Lea lachen. Als ich aufblicke rangeln Lea und Max ausgelassen herum.
„Was glaubst’ woher die Muckis herkommen? Vom Raufen!“, lacht Lea und nimmt noch einen Schluck von ihrem Radler.
Die Vorderseite des Albums ziert ein Pferdekopf. „Zuerst dachten wir an ein braunes Muli, es ist dann aber doch ein Zuchthengst geworden.“, erklärt der Schlagzeuger. Auf der Rückseite sind die Bandmitglieder abgelichtet, sie stehen nebeneinander und schauen teilweise ausdruckslos in die Kamera. „Das war ein Foto bei dem nur das Licht getestet wurde. Wir wussten irgendwie noch gar nicht, dass schon fotografiert wurde.“ So zufällig wie dieses Foto entstand, fand sich auch der Name der Band. Namensgeber ist ein Autoscheinwerfer der in einem alten Proberaum als Lichtquelle diente. Marke: Hella. Modell: Comet. „Das hat sich irgendwie alles so entwickelt, wir probieren was aus, lassen es mal sitzen und wenn’s uns dann taugt passt’s. Der Name hat gewirkt, das Pferd hat gewirkt, also passt’s.“, meint Franz und Lea fügt hinzu: “Es is’ wie wenn jemand ein Gedicht schreibt und die Leute dann was hinein interpretieren, so ist das ganze Leben.“.
Und tatsächlich wirken Hella Comet nicht wie eine Band die sämtliche Aspekte bis ins kleinste Detail planen oder berechnen. Im Gegenteil, nach circa einer Stunde beginnt auch unser Besuch im Proberaum zunehmend lockerer zu werden. Asti unterhält sich mit Lea, ich mich mit Franz und Max geht schon mal in den Probraum um sich warm zu spielen. Wir fühlen uns zunehmend willkommen.

 

 



Die Droge macht süchtig

Nach und nach gehen die Bandmitglieder an ihre Instrumente und stimmen in das anschwellende Noisegewitter der anderen ein. Als die Band komplett ist, betrete auch ich den Perserteppich des Proberaums und schließe die Tür hinter mir. Die eigentliche Bandprobe beginnt.
Zwischen den ersten Songs grinst uns Lea an und Max macht Faxen hinterm Schlagzeug. Man spürt die Verlegenheit die unser Besuch in den bandeigenen vier Wänden auslöst.
Während der Songs jedoch scheint die Band unsere Anwesenheit vergessen zu haben und jeder weitere Ton scheint sie immer tiefer in ihre Welt aus atmosphärischem Noise hineinzutreiben. Ihre Augen sind geschlossen als Lea ins Mikrofon haucht. Es wirkt fast so, als würde ihre Musik nur aus reinem Selbstzweck bestehen, als wäre es eine Droge der sie alle verfallen sind.
„In Graz ist es nicht windig wie in Wien, hier sammeln sich der Smog und der Feinstaub. Wir sind hier in einem Kessel drinnen. Vielleicht gibt’s deswegen so viele Noisebands hier.“ sagte Franz vorhin. Daran muss ich jetzt denken, während sich der Feinstaub auf mich senkt. Das was sich uns darbietet steht einem Konzertbesuch um nichts nach. Ein paar Songs erkenne ich wieder, doch vieles ist verändert und scheint in diesem Moment intuitiv und improvisiert zu sein. Und gerade das ist es auch, was die Band auszumachen scheint.

 

 

 




Freiheit als Credo


„Bei manchen Sachen spielt der Jürgen eine Line und ich spiel halt - nicht zu laut und nicht zu leise - irgendwas, was mir halt g’rade taugt, aber ein paar Parameter sollten halt dann schon gleich sein, weil sonst checkt’s keiner.“ erklärt mir Franz im Anschluss. „Unser Ziel ist es, dass wir noch freier spielen als bei den letzten Gigs, da war es notwendig die Songs so zu spielen wie sie auf dem Album sind.“, ergänzt Lea.
Nach vier Stunden beschließen wir Hella Comet wieder zu verlassen. Diese Band hat es geschafft, mit einem - vielleicht nur für sich selbst geschaffenen - musikalischen Gefüge auch andere Menschen zu begeistern, denke ich als wir uns herzlich verabschieden.
Das muss wohl das erstrebenswerteste Ziel jeder Band sein. Als wir hinausgeh’n höre ich Max zu Lea sagen: „Also ich bin froh, dass wir ihnen die Wahrheit g’sagt haben.“, und muss schmunzeln.

Fotos: Reinhard Astleithner

 



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AutorInnen

Daniel Grabner

Daniel Grabner

mag Musik; legt auch mal gerne selbst auf; charakterlich angesiedelt irgendwo zwischen der Melancholie eines Shakespearestückes und der nüchternen Rationalität eines Mathematikprofessors; weiters interessiert er sich für Politik und mediale Arbeit;

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