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Ich war der Spinner im Dorf.

2008-08-04 21:35:40

Karl Schillinger, Inhaber des vegetarischen Restaurants in Großmugl, wird schon lange nicht mehr als Spinner bezeichnet. Mittlerweile ist sein Gasthaus international bekannt und die Dorfgemeinschaft ist dem Vegetarismus keineswegs mehr abgeneigt.

Mitten in der niederösterreichischen Einöde, irgendwo hinter Stockerau, liegt Großmugl. Wo denn der große Mugl sei, hat mich meine Freundin M. belustigt gefragt, als wir zum ersten Mal den einstündigen Weg auf uns nahmen, um in das kleine Dorf zu gelangen. Und schon hatte M. den Teufel an die Wand gemalt, denn der Mugl existiert tatsächlich und das umliegende Dorf ist nach ihm benannt.

Ein 2500 Jahre alter Totenhügel steht mitten im Nirgendwo zwischen Sonnenblumenfeldern und Krautäckern. Ganz oben hat jemand ein Kreuz aufgestellt, welches erst vor kurzem umgehackt wurde. Anti-Katholischer Vandalismus? Vielleicht, aber nicht ohne Hintergrund. Schon lange wurde in Großmugl darüber diskutiert, was denn das Kreuz da oben soll, immerhin waren die Menschen der Hallstattzeit doch keine Christen. Nun hat jemand etwas dagegen unternommen.

Doch der Hügel ist nicht die einzige Attraktion im Ort. Ein Jahr nach dem Tod ihres Ehemannes 1987, beschließt Frau Anna Schillinger zusammen mit ihren Kindern vegetarisch zu leben. Die drei geerbten Schweine werden als Haustiere gehalten und lieb gewonnen. Kurzerhand wird auch das hauseigene Gasthaus auf vegetarische Küche umgestellt und die Dorfgemeinschaft schaut dem Treiben skeptisch zu.

Ich war der Spinner im Dorf.“, erinnert sich Karl „Charly“ Schillinger, der Sohn von Anna Schillinger und jetziger Besitzer des Restaurants. „Sogar der Pfarrer ist zu mir gekommen und hat gesagt, es sei ein Frevel, dass ich meine Schweine leben lasse. Das sei Gotteslästerung, denn es gibt so viele Menschen die Hunger leiden und Schweine sind zum Essen da. Das war wirklich total verrückt.

In der Zwischenzeit hat sich die Einstellung gegenüber dem Schillinger aber zum Positiven gewendet. Großmugl zählt mittlerweile prozentuell mehr vegetarisch lebende Menschen, als ganz Österreich im Bundesdurchschnitt. „Man sieht, dass Angebot anscheinend doch Nachfrage schafft.“, freut sich Charly.

Er selbst lebt seit dem Jahr 2000 sogar vegan. Genau wie seine Frau und auch seine beiden Kinder. „Meine Frau informiert sich sehr stark auf diesem Gebiet und sie ist Mitglied von einem Netzwerk mit circa 30 anderen Müttern, die sich regelmäßig austauschen. Und in dieser Gruppe gibt es überhaupt kein veganes Kind mit Allergien oder ähnlichem. Alles läuft problemlos. Vegan-lebende Kinder entwickeln sich viel schneller als andere, die können früher gehen, früher reden und sind immer ein Stück größer als Gleichaltrige. Alles funktioniert prächtig.“, erzählt Charly stolz und schiebt somit Fleisch propagierenden Werbetrailern einen Riegel vor.


Menschen auf der ganzen Welt sind in den letzten Jahren auf die vegetarisch-vegane Küche des Wirtshauses aufmerksam geworden. Sogenannte Vegantouristen pilgern das ganze Jahr über durch aller Herren Länder und machen natürlich auch in Großmugl halt. Charly hat schon Gäste aus Irland, Neuseeland und den USA in seinem Lokal begrüßen dürfen: „Manche übernachten sogar in der Gegend, damit sie am nächsten Tag noch einmal kommen können.

Auch einige vegan-lebende Prominente waren schon zu Gast beim Schillinger. Und manchmal werden sie sogar extra von Charly beliefert. Pamela Anderson zum Beispiel, die vor ein paar Jahren an der Seite von Richard Lugner den Wiener Opernball beehrte, hatte im vollgestopften Terminkalender einfach keine Zeit, um sich ihr vielgeliebtes veganes Tiramisu selbst abzuholen. Also hat sich Charly auf den Weg gemacht und es ihr bis ins Hotelzimmer gebracht, wo er den betrunkenen Kid Rock gekonnt ignorierte und Frau Anderson den veganen Leckerbissen überreichte.

Auch Musiker und Anhänger der österreichischen Straight-Edge-Szene haben den Schillinger für sich entdeckt. Immerhin kann man hier Schnitzel, Cordon Bleu, Wildragout, Hendlbrust und Gulasch essen, ohne auch nur einem einzigen Tier Schaden zuzufügen. Um fast jedes der Gerichte in der Speisekarte winden sich Anführungszeichen, denn echtes Schwein, Rind oder Huhn bekommt man hier natürlich nicht. Auch wenn das hier servierte Essen den Fleischgerichten zum Verwechseln ähnlich sieht und auch fast genauso schmeckt.

Den Geschmack von Fleisch herzustellen ist eigentlich gar nicht so schwierig, wenn man urtümliche Rezepte hernimmt. Beim Wildragout zum Beispiel machen fast nur die Würzung und die Soße den Geschmack aus. Ein Fleisch solo würde ja auch nach nix schmecken, wenn man’s nicht würzen würde. Wir verwenden halt dieselben Gewürze, die auch die Fleischer-Industrie verwendet, nur ersetzen wir die tierischen durch nicht-tierische Bestandteile. Das sind Soja-Produkte, Gewürze, Öle und all diese G’schichten. Alles andere bleibt aber möglichst gleich, so kriegt man den authentischen Geschmack.“, erklärt der Chef.

Wieso man sich dazu entschließt vegan zu leben und dann trotzdem beim Schillinger ein „Schnitzel“ bestellt, habe ich persönlich nie verstanden. Doch Charly klärt mich auf: „Die meisten Leute, die ich kenne, sind aus ethischen Gründen vegan geworden. Also denen hat das schon ganz gut geschmeckt und es geht ihnen jetzt ein bissl ab. Dagegen tun wir hier was.

Hin und wieder passiert es, dass Bauarbeiter aus der Umgebung durch das Dörflein fahren und ohne von den Besonderheiten des Lokals zu wissen, ein Schnitzel bestellen, in der Erwartung ein Fleischschnitzel serviert zu bekommen. Charly lässt sie dann in ihrem Glauben, denn mehr als „Vegetarisches Gasthaus“ auf die große Tafel am Haus zu schreiben, kann er auch nicht tun. Viele von ihnen bedanken sich für das gute Essen und fahren weiter ohne auch nur das Geringste zu ahnen.

Die Großmugler haben den Schillinger und die vegane Küche jedenfalls lieben gelernt und auch die ältere Bevölkerung geht immer wieder gerne in das Lokal um sich veganes Eis oder vegane Schokoladepalatschinken zu gönnen. Immerhin haben diese viel weniger bis gar kein Cholesterin, was für viele Naschkatzen ein großer Vorteil ist.

Mittlerweile kann man sogar im örtlichen Lagerhaus vegane Produkte erwerben, die Charly anliefert. „Ich beziehe unsere Produkte weltweit und es gibt sogar einige Soja-Fleischsorten, die in Taiwan eigens für unser Lokal produziert werden.

Die Hingabe mit der das Restaurant geführt wird und die einzelnen Speisen zubereitet werden, schmeckt man mit jedem Bissen, würde ein schleimiger Restaurant-Kritiker nun wohl sagen. Und ich würde demjenigen vollkommen zustimmen.

 

FOTOS: Christopher Herndler.

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AutorInnen

Christian Pausch

Christian Pausch

...und ich wär' hier so gerne zu hause,

denn die Erde ist mein Lieblingsplanet.

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