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How can they be tired of L.A.?

2008-08-21 15:27:28

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fm5 hat sich am FM4 Frequency Festival mit Carl Barât und Anthony Rossomando von den Dirty Pretty Things unterhalten.


Alle Beteiligten sind vom Regen durchnässt. Von draußen kommt ein unglaubliches Getöse, und aus der Nebenkabine (Didz Hammond und Gary Powell, die andere Hälfte der Band) fliegen Bierdosen. Carl Barât macht Anstalten, seinen Schirm aufzuspannen, aber dann beruhigen sich die Gemüter, und wir stecken wie bei einer Verschwörung die Köpfe zusammen, damit das Aufnahmegerät wenigstens eine kleine Chance hat, in dem allgemeinen Lärm etwas aufzuzeichnen.
Carls Worte gehen oft unter, wobei der geradezu elektrisch aufgeladene Gitarrist Anthony Rossomando dafür umso mehr zu erzählen hat.

FM5: Carl, hast du Tim Burgess die Haare geschnitten, als ihr mit den Chavs geprobt habt? Seine momentane Frisur ist ja unbeschreiblich.

Anthony: Phänomenal, nicht wahr? Sie hat ein Eigenleben!
Carl: Nein, hab ich nicht.
Aanthony: Ich finde die Frisur ein Wahnsinn, einfach toll. Du must sie angreifen, dann wirst du bekehrt! Wobei, wir gehören ja zur Lockencrew. Wir mögen ja die Sache mit den glatten Haaren nicht.
Carl: *nuschel* Locken *nuschel*
Anthony: Nein, du hast eine Naturwelle.

Wo wir bei Frisuren sind, schneidet ihr euch gegenseitig die Haare?

Carl: Nein, äh… nein.

Ihr habt eigene Rock’n’Roll-Friseure für sowas.

Carl: Das klingt wie ein Kunstfilm.

[es folgt eine Klamauk-Einlage mit Carl und Anthony als zugedröhnte und fixende Rock’n’Roll-Friseure]


Anthony: Obwohl, manchmal hab ich Frisuren auf Partys verpasst bekommen. Das ist dann der Fünf-Uhr-morgens-Haarschnitt. In irgendjemandes Badewanne. Also, manchmal schneiden wir uns selber die Haare.

Wenn ihr stockbesoffen seid.

Anthony: Ja, das kommt vor.
Carl: *nuschel*
Anthony: Ich hab mir das allererste Mal die Haare geschnitten, wie ich fünf war. Einfach beim Schopf gepackt und ab. Das war der Anfang und das Ende meiner Friseurkarriere.
Carl: Ich glaube, wir reden jetzt schon ziemlich lange von nichts anderem!
Anthony: Sorry!

Kein Problem. Carl, du hast vorher das Wort „nüchtern“ erwähnt, du bist ja jetzt gerade nüchtern…

Carl: Ja.

…Weil du nichts trinken darfst.

Carl: Ja, na ja, ich darf mich nicht mit Whiskey zuschütten.

Was machst du in Momenten der Schwäche?

Anthony: Heroin.
Carl: Ich reib mir Crack unter die Augenlider.
Anthony: Das löst sich dann über den Tag langsam auf.
Carl: [zieht Grimassen]
Anthony: Er verbraucht eine ganze Menge Augentropfen.

"Spezielle" Augentropfen.

Anthony: Anstelle von normalen Fläschchen hat er einen Krug voll.
Carl: Also, ich tue eigentlich nicht wirklich was dagegen, in schwachen Momenten verzieh ich mich einfach und… bin depressiv.
Anthony: Er raucht mehr.
Carl: Pillen, eventuell.

Aber wenn sich deine Kumpels betrinken und du darfst nicht mitmachen?

Carl: Ich trinke sehr viel Diet Coke. Meistens das von Tim Burgess. Wobei ich aber nicht so gut beim Diäthalten bin.

Du wirst wahrscheinlich jung sterben oder so. Ihr habt ja einen Trip in die Wüste unternommen.


Anthony: Wir sind in die Wüste gefahren, um von dem Wahnsinn des Aufnahmeprozesses in Los Angeles wegzukommen. Es war ein Ausbrechen. Ein zum-Mond-fliegen. Ein Freakout. Und zurück.

Ihr habt eure Totems gefunden.

Carl: Unsere was?

Du weißt schon, Indianer, Geistertiere…

Anthony: Totempfähle.
Carl: Wir haben keine Totempfähle gesehen.
Anthony: Wir haben VIEL gesehen, aber keine Totempfähle. Ist wahrscheinlich ein zu bodenständiges Ding.

Wieso habt ihr in Los Angeles aufgenommen?

Carl: Weil es…
Anthony: Warum, „wieso“?

Na, euer gemeinsamer Nenner als Band ist ja eher London.

Anthony: Weil es billiger ist, in den USA aufzunehmen.

Mit den Flügen und allem?

Anthony: Ja, schon. Weil der Dollar im Vergleich zum Pfund so schwach ist, kann man dort ein Album aufnehmen, ohne gleich ein Vermögen zahlen zu müssen. Außerdem ist es nett, mal von London wegzukommen. Von den Partys, dem immergleichen Ort… Ich kann mich nicht erinnern, viel geschlafen zu haben, bevor wir nach LA gingen. Demnach: Tapetenwechsel, billiger, am Strand… Klang großartig. Leider hat sich das alles im Endeffekt als weniger romantisch herausgestellt, als wir erwartet hatten. Also sind wir abgedüst und hatten einen kleinen Freakout. Haben uns grundlegend verändert, und jetzt klingt das Album so, wie es eben klingt.
[übergangslos heftet sich Carls Aufmerksamkeit auf die Knie seiner Jeans, die so abgewetzt sind, dass sie glänzen. Fragt uns nicht, wie er jetzt darauf gekommen ist.]
Carl: Meine Hosen sehen aus, als wären sie aus Leder.
Anthony: Shiny shiny, shiny trousers of leather.
Carl: *sagt etwas, das im Lärm untergeht*
Anthony: Du hast dich… Carl hat sich in Jim Morrisson verwandelt, als wir in LA waren. Und hier wieder zurück in Carl.
Carl: Ich hatte einen riesigen Bart und einen fetten Bauch, im Wesentlichen.
Anthony: Es war tatsächlich so, dass wir am ersten Tag, als wir mit dem Auto unterwegs waren, an Venice Beach vorbeigefahren sind, und der erste Song, den es im Radio gespielt hat, war ein Lied von den Doors. Genau, als wir da vorbei gezogen sind, wo sie damals geprobt haben. We were like, „YEAH!“.
Es ist schon ein krasser Gegensatz zu Hollywood, das man unbedingt zu vermeiden versucht, wenn du dich in der Gegend dort umsiehst, all die verrückten Typen, die Ausgestoßenen, das Gesindel.
Das war quasi unser Zyklus, die Wüste, und das Studio, in dem es wie in einer Schrottpresse zuging, so eng war es dort. Das war nicht einmal ein echtes Studio, mehr ein beschissenes Bürogebäude! Wobei, das war nur das eigentliche Studio, außerhalb davon war’s ok.

Wir haben noch ein paar blöde Fragen. Welches Bandmitglied ist das hässlichste?


Anthony: Das wäre ich.
Carl: Ich wollte auch grad „Anthony“ sagen.
Anthony: Ich MUSS es sein, offensichtlicherweise.
Carl: Ooooh, eine Runde Mitleid!
Anthony: [flüstert verschwörerisch] Das hässlichste Bandmitglied wurde vor langer Zeit rausgeworfen! Wir werden nie erfahren, um wen es sich gehandelt hat!
Carl: Wen hältst du für am Hässlichsten?

Und wer hat das schlechteste Benehmen?

Carl: Ich glaube, das bin ohne Zweifel ich. Außer Frage, auf ganzer Linie. Ansonsten, Gary erzählt die miesesten Witze.

Das ist aber nicht wirklich schlechtes Benehmen.

Carl: Ich krieg auf jeden Fall die Auszeichnung für das schlechteste Benehmen. Oder?
Anthony: Yeah, obwohl, ich würde sagen, in letzter Zeit hab ich diese Rolle für Carl übernommen.
Carl: Du bist einfach nur verdammt noch mal spät dran!
Anthony: Ja, ich bin immer hinten nach. Es ist so schwer, der Fescheste, ich meine, der Schirchste in der Band zu sein… Äh, nächste Frage!

Was war das Aufregendste, das euch auf Tour passiert ist?

Anthony: Wir sind mal bei einem Franz Ferdinand-Gig ge-stagedive-t, und Didz war… zu langsam! Er hat es nicht rechtzeitig von der Bühne geschafft und wurde von einem riesigen Ordner angefallen! Flachgelegt, wie beim Rugby! Didz got rugby’d!
Carl: Ich hatte einen Streit mit einem Typen, der mich nicht reinlassen wollte.
Anthony: Ja, wir haben versucht, ihm klarzumachen, dass Carl in der verdammten Band ist!
Und wir haben mal ein weiteres Klischee erfüllt, jenes, wo komplett besoffene Bands auf einem Festival die Golfwägen klauen und Spritztouren machen. Carl hat das mal gemacht und ist genau in Morrisseys Zelt gefahren!

Was hat Morrissey dazu gesagt?

Anthony: Er stieg gerade aus einem Mercedes, in einem purpurfarbenen Samtanzug, und hat geschwiegen.

Zu abgehoben.


Anthony: Genau. Wir haben auch mal versucht, einen Traktor zum Laufen zu bringen…
Carl: Ich hab mir den Golfwagen von so einem Kind ausgeliehen gehabt, und gefragt, „Darf ich fahren?“ Sobald ich am Steuer war… brrrrrmmmmmmmm! [tut so, als würde er ein Gaspedal durchdrücken] Du hättest das Gesicht des Typen sehen sollen!
Anthony: Wir haben uns auch köstlich amüsiert, wie wir letztes Mal in Österreich waren, bei diesem Sommerfestival…

Mit den Yeah Yeah Yeahs.

Anthony: YYYs, TV On The Radio, genialer Gig. Großartige Bands, großartige Stimmung dort…

Das war früher ein Schlachthof!

Anthony: Ein Schlachthof? Wir wurden geschlachtet! Und wir hatten das wohl beschissenste Hotel überhaupt. Es gab nicht mal Telefone auf den Zimmern! In jedem Zimmer standen drei Armeestockbetten. Wir hatten diese Wahnsinnsparty mit all den Leuten, die wir gerade erst getroffen hatten, die normalerweise auch coole Rockbandhotels haben, und wir kommen dort an und es gibt nicht mal Telefone, um Taxis zu rufen, und nur diese Armeebetten, und das Licht war so schrecklich hell…
Carl: Manche Leute haben sogar im Gang am Boden geschlafen!
Anthony: Wir haben einfach gefeiert, bis uns das alles egal war.

Gute Strategie.

Anthony: Wir sind auch auf das Dach des Schlachthofes geklettert, das war fantastisch, haben uns TV On The Radio angeschaut. Bis uns die Securities wieder runtergeschleift haben.

Mir ist übrigens grad wieder dieses Zitat eingefallen, „if you are tired of London, you are tired of life“, bezieht ihr euch auf das?

Carl: Nein.

Nennt drei Dinge, die ihr absolut hasst.

Anthony: Die wir hassen? Du meinst, so wie Mariah Carey?

Ja! Die ihr absolut nicht ausstehen könnt.

Anthony: Puh, ich weiß nicht. Hassen ist so ein extremer Ausdruck.

Der Typ von den Wombats hat „Englische Soap Operas“ gesagt.

Anthony: Ok, dann sag ich: Die Wombats!

Ja! Ja! Endlich mal jemand...

Anthony: Nehmt das, Wombats. Was hat er gesagt, englischer Fußball?

Soap Operas.

Anthony: Geh bitte, Soap Operas sind überall scheiße. Äh, ich bin sicher, österreichische Soaps sind fabelhaft…

Nein, ganz im Gegenteil. Sie sind noch schlimmer!

Anthony: Oh je. Wisst ihr, was ich hasse? Schnitte unter den Fingernägeln! Niemand SIEHT, wie sehr du leidest! Und du verspürst mehr Schmerz als mit einem gebrochenen Arm! Carl, was hasst du?
Carl: Äh. Ertrinken?
Anthony: Ertrinken! Ich HASSE Ertrinken. Letztes Mal mussten wir ihn wiederbeleben.
Ich habe versucht, ihn aufzuwecken, aber er muss eine Art luziden Traum gehabt haben – er hat nämlich versucht, mir seine Zunge in den Mund zu stecken, als ich ihn beatmen wollte!
Carl: Geht nicht schwimmen, wenn ihr betrunken seid und nicht schwimmen könnt!

***

Als die Dirty Pretty Things ein paar Stunden zuvor am FM4 Frequency Festival die Bühne betreten hatten, hatte der Regen gerade kurz aufgehört, und sie legten eine energiegeladene, wenn auch akustisch nicht unglaublich berauschende Show hin. Gitarren wurden geschwungen und Zigaretten geraucht – Und auch Adam Green war kurzfristig anwesend, um Carl ermunternd auf den Hintern zu klopfen.


Eine Handvoll Fakten zur Band:

- Sie sind eine der vier Bands, die direkt aus den Libertines hervorgegangen sind. Die anderen drei wären Babyshambles (Peter Doherty), Yeti (John Hassall), und Razorlight (Johnny Borrell).

- Nicht nur gab es zwei weitere Bands mit dem Namen Dirty Pretty Things,

- auch eine von Carl initiierte Clubveranstaltung hieß so, bis sie in Bright Young Things umbenannt wurde, um Verwechslungen auszuschließen.

- Bassist David „Didz“ Hammond war zuvor in The Cooper Temple Clause tätig.

- Der aus Connecticut in den USA stammende Anthony „Stan“ Rossomando befand sich zuvor in einer Band namens The Damn Personals, die mit Leuten wie The Brian Jonestown Massacre, The Walkmen, The Hives und Jimmy Eat World auf Tour waren.

- Ein Nebenprojekt zu DPT ist die "Supergroup" The Chavs: Carl Barât, Tim Burgess (The Charlatans), Martin Duffy (Primal Scream), Andy Burrows (Razorlight).

- Carl kommt mehr oder weniger frisch (Juni) aus dem Spital (akute Pankreatitis), daher seine unfreiwillige Abstinenz.

- Er ist nicht das einzige Bandmitglied mit kaputten Eingeweiden: Didz wurde vor ein paar Jahren mit einem Loch im Verdauungstrakt ins Spital eingeliefert, wo er sechs Wochen bleiben musste.

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AutorInnen

Agnes Wieninger

Agnes Wieninger

Sprachterroristin, Musikjunkie.
Musikterroristin, Sprachjunkie.

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Linda Schürer-Waldheim

Linda Schürer-Waldheim

VerhaltensUNgestörtes Einzelkind, Belegerin diverser Massenstudien mit großem Faible für Alltagseskapismus mittels Ton und Schrift.

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