2011-12-27 16:59:01
Judith Schalansky verpackt in einem ausnehmend hübsch gestalteten Band dubiose Welterklärungen, sozialdarwinistische Gemeinheiten und viel latente Bitterkeit hinter der Fassade einer Gymnasiallehrerin. Ein Buch über die Inge Lohmark in uns.
Neuerdings pochte ja jeder auf seine Selbstverwirklichung. Es war lächerlich. Nichts und niemand war gerecht. Eine Gesellschaft schon gar nicht. Nur die Natur vielleicht.
An Inge Lohmark, Biologielehrerin an einem ostdeutschen Gymnasium, sind die pädagogischen Errungenschaften der letzten 40 Jahre spurlos vorüber gegangen. Hierarchiebefreiten, entstaubten, individuellen Unterricht liest sie als Schwäche, zudem als Verrat am Leistungsgedanken. Es lohnte sich einfach nicht, die Schwachen mitzuschleifen. Sie waren nur Ballast, der das Fortkommen der anderen behinderte. Geborene Wiederholungstäter. Parasiten am gesunden Klassenkörper.
Was hatte denn den Menschen zum höchst entwickelten Lebewesen gemacht? Eben. Die Auslese. Und die wird von Lohmark gnadenlos praktiziert.
"Ach ja?" Nun zur ganzen Klasse. Frontalangriff.
Inge Lohmark hält nichts von Schülern gewährtem Mitspracherecht, noch weniger von alternativen Unterrichtsmethoden. Unterricht hat einbahnig zu sein, diszipliniert und absolut. Inge Lohmark fördert nicht, sie fordert.
Dass dabei zwangsläufig Schüler auf der Strecke bleiben, stört nicht - im Gegenteil. Gerechtigkeit, was war das schon? Eine Konstruktion, bestenfalls.
Die knapp 60-jährige verfremdet die Evolutionstheorie zur Ideologie und bastelt sich ihren eigen Sozialdarwinismus. Es ist kein Zufall, dass ihr Gymnasium nach Charles Darwin benannt ist...
Schade nur, dass die Klasse, die vor der monologisierenden Inge Lohmark sitzt, die letzte der Schule ist. Die zwölf jungen Menschen, die sich der Biologielehrerin ausgeliefert sehen, sind der Beweis für die vielseitige Degeneration der Provinz. Und auch dieses Dutzend kam auch nur dank großzügiger Empfehlungspolitik der Mittelschullehrer zustande.
Was bei Lehrkräften durchaus genug Stoff für Identitätskonflikte, Psychosen und Zukunftsängste abwerfen würde, ist für Lohmark unveränderliche Realität. Inge Lohmark hatte keine Angst, so ganz auf sich gestellt in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen. Fatalistisch und ungerührt zieht sie ihren Weg durch. Wieso auch auf die alten Tage noch durch Nachgiebigkeit seine Prinzipien wegwerfen!
Und so kommen auch die Schüler der Neunten Klasse in den Genuss der Lohmark'schen Bildung. Kevin (Klischeealarm!) z.B.: Süchtig nach einer Bezugsperson. Mäßig gestört. Ein Nervbolzen. Oder Annika: Überambitioniert. Freudlos und bienenfleißig. Klassensprecherin seit der Geburt. Anstrengend. Besondere Abneigung erfährt Ellen: Die Miene weinerlich vom Pausengehänsel. Schon jetzt überflüssig wie eine alte Jungfer. Opfer auf Lebenszeit.
Geradezu ostentativ übersieht Lohmark psychische und physische Mobbingattacken ihrer Mitschüler auf das Duldungstier. Ungesagt und doch offensichtlich: es drängt sich einem der nationalsozialistische Slogan "Was dich nicht umbringt, macht dich nur stärker" auf.
Eine Phase der Entwicklung. Landwirbeltiere im Wachstum. Die Schule ein Gehege.
Liebe zur Jugend war es definitiv nicht, was auch immer Inge Lohmark zur Wahl des Lehrberufs getrieben hat, vielmehr konstruiert sie ihre Gegenüber - anhand wenig schmeichelhafter Parallelen zur Biologielehre - zu Biestern und Proleten (je nach Geschlecht), Wachstum sei eben nicht Entwicklung. Nicht auszustehen die Zeit, wenn angesichts des enervierenden Körpergeruchs wieder Dauerlüften angesagt sei. Ab der Neunten Klasse siezt sie ihre Schüler. Immerhin war ihr in der DDR in jenem Alter mit dem Festakt der Jugendweihe eine ähnliche Reife zugesprochen worden.
Doch nicht nur die Schülerschaft des Charles-Darwin-Gymnasiums ist Objekt des Lohmark'schen Desinteresses, auch ihr Privatleben ist von einer absurden Einstellung gekennzeichnet. Ihre Ehe lässt sich nicht einmal als Zweckgemeinschaft bezeichnen, ihr Mann verbringt oft Tage bei seinen Straußen. Tochter Claudia weilt seit Jahrzehnten in Amerika, die Nachricht ihrer Heirat kostet Lohmark keine zehn Sekunden ihrer Gedanken. Geschweige denn eine Antwort. Dass sie auch im Lehrerkollegium mit stolzer Abgrenzung und Reaktanz glänzt, versteht sich von selbst.
Nicht wirklich erklären kann sich Lohmark daher ihre positiven Gefühle einer Schülerin gegenüber. Solidarität unter Eigenbrötlern?
Unverständlich ist Lohmark auch der Zorn des Direktors, als dieser von den Vorgängen gegen Ellen erfährt. Dennoch beginnt sie, nachzudenken.
Wer sagte, dass Entwicklung überhaupt etwas Gutes war? Entwicklung war Entwicklung. Sonst nichts.
Besonders gefordert, nachzudenken, sind in Schalanskys Roman aber vor allem die Leser. Viel liegt im Dunkeln, wird sogar absichtlich dort gelassen. Es stellen sich Fragen nach Lohmarks Leben in der DDR, ihrer Sozialisation und innerfamiliären Ereignissen. Und natürlich auch Fragen nach ihrer Schulzeit.
Judith Schalansky skizziert mit dem besten Mittel der Demaskierung eines unnahbaren Monuments, dem Monolog, eine verbitterte Persönlichkeit, die zwischen Absätzen über Evolutionsprozesse, Nahrungsketten und der Steller'schen Seekuh Erschreckendes über ihr Weltbild absondert.
Verblüffend ist jedoch auch die widerstrebende Sympathie, die man mit Fortlauf der Lektüre trotz Opposition aus besserem Wissen für Lohmark entwickelt. Inge Lohmark ist zwar einerseits ein skandalös destruktive Person mit unwahrscheinlich viel Macht, aber eben auch ein Wesen, dem Bezugspersonen und Sozialkompetenz ebenso fehlen, wie Kooperationswillen und philanthropische Toleranz. Ein bisschen wirkt Schalanskys Buch daher auch wie eine Antwort auf Thilo Sarrazins Welterklärungsversuche, wenngleich man sich keinen Illusionen einer kathartischen Wirkung auf dessen Anhänger hingeben sollte. Anders als in Sarrazins Werk liegt das Politische bei Schalansky nämlich im Subtilen, statt in populistischen Phrasen.
"Der Hals der Giraffe" ist somit auch ein Buch über einen Lebenslauf, der allzu schnell Wirklichkeit werden kann und gegen dessen zentrale Pole Egozentrismus, Verbitterung und Misanthropie nur konstruktiver sozialer Umgang und die Überzeugung an den Sinn im Leben helfen.
Zu einem schönen Bild lassen sich diesbezüglich die im Buch genannten Strauße umdichten: Anstatt den Kopf ungemein hoch zu tragen und in Wahrheit doch verdammt tief im Sand stecken zu haben, ist es doch auch immer eine Lösung, Horizonte auszuloten. Was Vögel ja eh besonders gut können. (Strauße vielleicht nicht ganz so.)
Angesichts des starken inhaltlichen Kerns und der brillanten Klarheit der Sprache des Buches sieht man daher auch großzügig über so manch ausgetretenes Klischee (etwa bezüglich der Provinz, des Schulnamens und der Charakterisierungen der Schülerschaft) und die ausgeprägte Sloganlastigkeit der Inge Lohmark hinweg und auch die seltsam misslungene Kurzbeschreibung im Einband kann man leicht verzeihen.
Die Schönheit der Natur bedurfte keiner Verfremdung. Ihr war nur mit äußerster Präzision nahezukommen.
Judith Schalansky schreibt keine Bücher, wie sie selbst sagt. Sie macht sie. Und selten hat man ein auch optisch so gelungenes Buch gesehen. Zwischen einem kräftigen, bedruckten Leineneinband ist schönes Papier in typographischer Schönheit bedruckt, zahlreiche wundervoll präzise und inhaltsstarke naturwissenschaftliche Illustrationen verleihen dem Band eine zusätzliche Erzählebene.
"Der Hals der Giraffe" ist nicht nur ein radikal schonungsloses, demaskierendes Buch, auch nicht einfach das schönste Biologiebuch seit Einführung der Allgemeinen Schulpflicht, sondern auch das stärkste Argument für die Überlegenheit des Haptischen in Zeiten von E-Books, iPads und Kindles.
Der Hals der Giraffe
von Judith Schalansky
Erschienen bei Suhrkamp
gebunden, 224 Seiten, 22,60€ (A)
ISBN: 978-3-518-42177-2
Judith Schalansky liest am 12.01. im Literaturhaus Salzburg aus "Der Hals der Giraffe".
Wer ein Optimist ist, soll verzweifeln. Ich bin ein Melancholiker, mir kann nicht viel passieren.
- Erich Kästner -
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